Er ging auf Franziska zu. Hinkend kam er heran. Er hatte einen Klumpfuß, und seltsam, gerade dieser Körperfehler war es, der in ihr das Gefühl der Identität bestärkte. So wird ja oft ein Gleichnis eben durch das Unerwartete zwingend. Manche der Anwesenden spürten die gewitterhafte Spannung zwischen den beiden Menschen, als diese einander gegenüber standen. Franziska hatte natürlich schon von Riccardo Troyer gehört, von seinem Reichtum, von seinen Abenteuern, von seinem Geist; es war eine verführerische Kraft in ihm, durch welche er Anhänger gewann fast wie ein Prophet und nicht wie ein Reisender und Fremdling von unbekannter Herkunft. All das bedeutete ihr nichts; sie hatte nicht einmal Neugier empfunden.
Ihre Schönheit lockte ihn sicherlich, jedoch sie spürte es kaum. Sie spürte sich selbst nur als eine Hingerissene und von unwiderstehlicher Gewalt Umschlungene. Es verlangte sie, ihn vor dem Bildnis zu sehen, und sie ersuchte die Baronin, die gleichfalls anwesend war, ihn für den folgenden Tag zum Tee zu bitten. Er kam. Sie befanden sich in dem Rondell, und Franziska war beglückt, als sie wahrnahm, daß ihr Auge sie nicht im geringsten betrogen hatte. Besonders wenn er den Blick emporgeschlagen auf sie heftete, hatte sie Mühe, den Lebendigen von seinem gemalten Ebenbild zu unterscheiden. Es verwunderte sie in höchstem Maß, daß weder die Baronin noch Riccardo Troyer die unheimliche Ähnlichkeit bemerkten, aber sie schwieg.
Es war kein Zaudern in ihr, kein Zurückbeben. Sie vertraute ihm grenzenlos. Sie war ihm gehorsam wie ein Kind. Sie riß sich von allem los, was sie kettete, von Menschen und von Dingen. Nachdem es beschlossen war, daß sie mit ihm ins Ausland reisen würde, besuchte sie zum letzten Mal den Fürsten. Daß die Freunde sich bei Lamberg aufhielten, war ihr bekannt. Sie durfte nicht reden, sich von den Genossen ihrer früheren Jahre nicht verabschieden. Sie begriff das Verbot nicht, aber sie fügte sich; nur forderte und gab sie, in einer ersten trüben Ahnung, das Gelöbnis eines Zusammentreffens, und das Jahr, das sie als Frist setzte, erschien ihr in jener Stunde von dunklen Schicksalen zum voraus beschwert.
In die Stadt zurückgekommen, löste sie ihren Haushalt auf. Was sie an Schmuck und barem Geld besaß, gab sie Riccardo. Sie wollte ihre Jungfer mitnehmen, ein Mädchen, das ihr seit langem sehr ergeben war, doch Riccardo engagierte, ohne sie zu fragen, eine andere, eine Italienerin und schickte die Erprobte fort. Er erstaunte bei diesem Anlaß über Franziskas Willfährigkeit, ja, ihre unbedingte Hingebung machte ihn stutzig. Man ist fester an eine Sklavin gefesselt als an eine Geliebte. Sie zu ernüchtern, fand er schwieriger, als er geglaubt, trotzdem er Übung darin besaß, Frauen, die sich weggeworfen hatten, wegzuwerfen. Er war kein Taschendieb, kein Hotelschwindler, kein Einbrecher, kein Falschspieler; sein Betrügertum war von höherer Schule. Seit zwanzig Jahren zog er als Rattenfänger durch die Städte. Er hatte seine Agenten, seine Herolde, seine bezahlten Spione, seine Helfershelfer, Kuppler und Kupplerinnen von den untersten bis in die obersten Schichten der Gesellschaft. Seine Beziehungen waren in der Tat so weitgreifend wie die eines Mannes der großen Politik, und meisterhaft war seine Geschicklichkeit, sie einerseits auszunützen, andererseits zu verbergen. Er war fein und verschlagen, seine Menschenkenntnis war das Resultat der Notwehr, seine Bildung etwa die eines internationalen Literaten. Er betörte durch eine vornehme und hintergründige Schweigsamkeit, durch blendende Einfälle, durch eine edelgehaltene Melancholie. Was er trieb, war Raub, Plünderung, Seelenmord auf Grund einer Faszination, die ihn der Verantwortlichkeit enthob und gegen die kein Paragraph des Gesetzes anwendbar war, da sie das Opfer in eine Schuldige und den Verbrecher beinahe in einen Helden verwandelte. Sein Metier forderte von ihm nichts, als daß er sich bewahrte, und so sah er trotz seiner fünfzig Jahre wie ein Mann von dreißig aus, ja bisweilen wie ein Jüngling, der in stürmischen Erlebnissen gereift ist.
Franziska wußte nichts von seinen Geschäften und Unternehmungen, nichts von seinem Charakter, nichts von seinem Leben, nicht, woher er stammte. Der, den sie liebte, war in ihrem Innern, war ihr Werk, ihr Geschöpf. An ihm zu zweifeln, war sinnlos. Sie erlag einem aus Ermattung und übersinnlichem Durst gemengten Zustand; sie folgte einer Fata morgana des Herzens. Die Lust jedes Herzens ist Aufschwung. Einmal in jedem Dasein erreicht das Herz seinen Gipfel. Ihres, von gleichmäßigen Freuden eingeschläfert, war auf natürlichem Wege nicht in die Sphäre der großen Leidenschaft gehoben worden, und so hatte es der geknebelte Dämon, rasch ehe der Tod der Jugend ihn ohnmächtig werden ließ, durch Bezauberung getan. Der Sturz war gräßlich.
Riccardo Troyer, zu scharfsinnig, um nicht zu gewahren, daß keine seiner Künste ihm irgend welchen Vorschub bei ihr geleistet hatte, zerbrach sich den Kopf über die Gründe ihrer tiefen Entflammung. Nicht immer war es so leicht gewesen zu täuschen, desto leichter stets, die Komödie zu enden, eine Verstrickte, Bereuende, Entwurzelte und nun Hilflose preiszugeben und, mit der Beute beladen, ein andres Jagdrevier zu suchen. Mit Franziska lag der Fall umgekehrt. Sie betrachtete ihn manchmal mit Blicken, als ob sie sich an einen wende, der hinter ihm stand. Unwillkürlich suchte er, unwillkürlich schaute er zurück, in die Luft. Es war das Merkwürdigste und Aufrüttelndste, was ihm je begegnet war. Franziska fühlte, daß ihn sein Gleichmut verließ. Der Nebel vor ihren Augen zerstreute sich, es kam ein quälendes Besinnen und Verwundern: bin ich es? Wer ist er? Sie wollte nicht geirrt haben. Mit beklagenswerter Hartnäckigkeit überredete sie sich, daß ein Irrtum unmöglich sei, und sie gedachte des Bildnisses wie einer sicheren Verheißung; es wurde heller, glühender, wirkender in der Erinnerung, sie klammerte sich daran als an den letzten Halt, die letzte Gewähr, und keine List, keine Schmeichelei, keine Drohung Riccardos konnte ihr das Geheimnis entreißen.
Sein Argwohn wurde gleichsam materieller. Die Geduld, die sie ihm entgegensetzte, erbitterte ihn. Er ertrug ihre Verschlossenheit nicht. Ihre gegen den Unsichtbaren gerichteten Augen weckten in ihm das böse Gewissen. Um jeden Preis wollte er erfahren, was es damit für eine Bewandnis hatte. Auch ihre Körper- und Atemnähe beruhigte ihn nicht, auch die ließ ihn spüren, daß er nur Gefäß war, nur Hülle, Phantom. Der Betrüger fühlte sich betrogen, der Dieb bestohlen. Nicht eher wollte er sie von seiner Seite lassen, als bis sie ihn erkannt, wie er wirklich war, bis er den Vorhang zerrissen hatte, der zwischen ihnen hing. Schaudernd sah Franziska, daß er in diesem Bestreben tiefer sank als er zu sinken wähnte, unter sich selbst hinab, daß sie es war, die ihn dazu trieb, und ihre Verzweiflung war namenlos. Er wurde roh; er wurde pöbelhaft. Ich habe verspielt, sagte sich Franziska, und in Neapel war es, als sie ihren Entschluß kundgab, sich von ihm zu trennen. Seine grünen Augen erloschen für einen Moment. Es ist gut, antwortete er und ging. Am selben Abend teilte er ihr mit, daß ihn ein Telegramm nach Turin gerufen habe, sie möge die Ausführung ihres Vorsatzes bis zu seiner Rückkehr verschieben. Von Scham und Mutlosigkeit ohnehin benommen, willigte Franziska ein. Riccardo übergab ihr eine Kassette zur Aufbewahrung, die mit den herrlichsten Diamanten gefüllt war. Als er nach drei Tagen wiederkam, ersuchte sie ihn, er möge sie von den Juwelen befreien, deren Behütung ihr drückend sei. Da sie es forderte, begleitete er sie ins Nebenzimmer, sie sperrte den Schrank auf und griff nach der Kassette. Die Sinne vergingen ihr; das Kästchen war so leicht, daß sie sofort wußte, es war seines Inhalts beraubt. Was war das? was war geschehen? wie war es möglich? sie hatte die Wohnung nicht verlassen. An allen Gliedern zitternd überreichte sie ihm die Kassette. Riccardo blickte sie mit großen, starren Augen an, deren Brauen immer höher wurden. Er prüfte das Schloß und die Scharniere, er zog ein Schlüsselchen aus der Tasche und öffnete den Ebenholzdeckel; die Diamanten waren verschwunden. Franziska preßte die Hände vor die Brust und lehnte sich wortlos gegen die Wand. Indessen begab sich Riccardo leise pfeifend ins andere Zimmer. Als sie ihm folgte, saß er wie vernichtet in einem Sessel. Sie eilte ans Telephon, da sprang er auf und packte ihren Arm. »Man muß die Polizei benachrichtigen«, stammelte sie. Er lachte ihr ins Gesicht. Seine Augen durchbohrten sie. »Hältst du mich für gewillt, meinen Namen durch die Zeitungen schleifen zu lassen?« fragte er höhnisch; und wenn ich mich dazu entschließen könnte, denkst du, daß der Ruf in die Öffentlichkeit mir zu meinem Gut verhälfe? Gibt es einen Weg, so bin ich Manns genug, ihn zu finden. Immerhin steht die Sache so«, fuhr er kalt fort, »daß der Wert der gestohlenen Edelsteine den Wert deines mir anvertrauten Vermögens um das Zehnfache übersteigt; es handelt sich um eine Millionensumme. Ich bin ruiniert. Wundere dich also nicht, wenn ich dir erkläre, daß du mir mit deiner Person haftest, und so lange haftest, bis die Juwelen wieder in meinem Besitze sind.« Franziska hörte den zerschmetternden Verdacht aus diesen Worten; sie entgegnete nichts; die Erstarrung ihres Herzens verhinderte sie am Weinen. Ehe der Tag zu Ende ging, hatte Riccardo alle Vorbereitungen zur Abreise getroffen, und in der Nacht befanden sie sich an Bord eines Schiffes, das nach Marseille fuhr.
Jetzt kam Schlag auf Schlag. Sie wohnten in einem Haus außerhalb der Stadt, in dem es bei Tage friedlich herging, aber in der Nacht kamen Herren aus der Stadt und blieben bis zum Morgengrauen beim Glücksspiel. Riccardo mußte Anlaß haben, sich zu verbergen, denn er überschritt wochenlang die Schwelle nicht. Wenn die Sonne emporstieg, saß er allein und überzählte gleichmütig seinen Gewinnst. Oft vernahm Franziska in ihrem Gemach heiser streitende Stimmen, und um die Marter des Lauschens zu mindern, wühlte sie den Kopf in viele Kissen. Einmal lag ein junger Mensch, aus tiefer Wunde blutend, an der Gartenmauer, und sie sah, wie seine Genossen ihn zu einem Automobil trugen und mit ihm fortfuhren. Ein andermal hinkte Riccardo zur Tür herein und befahl ihr, daß sie sich seinen Freunden als Wirtin präsentiere. Sie weigerte sich. Er riß sie mit teuflischer Kraft vom Lager herunter und hob den Arm gegen sie. Sie lächelte todessüchtig vor sich hin. In diesem Augenblick war die Erkenntnis, daß die reinste, die feurigste Regung, die sie jemals empfunden, sie in den ekelsten Schmutz des Lebens gezerrt, bitterer als alles schon Ertragene. Sie widerstrebte nicht mehr. Sie tat ein prangendes Kleid an und ging mit leichenblassem Gesicht hinunter. Ihr Anblick machte die Wüstlinge stutzig. Madame ist krank, hieß es, und Riccardo raste, als sich alle Gäste nach und nach entfernten. Aus Rache führte er gemeine Frauenzimmer ins Haus und veranstaltete Orgien des Trunkes und der Ausschweifung, deren Zeugin zu sein er sie zwang. Eines Nachts verließen sie fluchtartig diese Hölle und wandten sich nach Paris. Er schleppte sie in verrufene Quartiere des Lasters. Sie mußte mit Menschen sprechen, deren bloße Nähe sie mit Grauen erfüllte. Er wußte, daß er ihr Blut vergiftete. Er wollte es. Er wollte sie in den Abgrund des Daseins hinunterstoßen. Er haßte sie, weil er sich nicht von ihr lösen konnte. Er genoß ihre Schwäche. Er weidete sich an ihrem Adel, wenn sie neben einer Dirne saß. Er liebte es, wenn sie bittend die Hände faltete. Schamlos genug, ihr all dies zu bekennen, maß er ihr auch die ganze Schuld daran bei. »Du bist wie eine, die in finsterer Kammer ihren Anbeter erwartet hat und dem, der kommt, überschwängliche Wonne spendet; sage mir, wen du erwartet hast, sag mir dies, und ich will aufhören, mich und dich zu quälen; sag mir, wen du erwartet hast, und ich gehe meiner Wege, denn es wurmt mich schon, daß du mich so nackt gemacht hast.« So redete er zu ihr, sie aber schwieg. Je mehr er ihr von seiner Existenz verriet, je fester glaubte er sie halten, je grausamer erniedrigen zu müssen. Was hätte sie tun sollen, um ihre unwürdige und furchtbare Lage zu enden? Die Vergangenheit erschien ihr wie einem Verbrecher die makellose Jugend erscheint. Sie war eines Entschlusses nicht mehr fähig. Wohin sie griff, Schande; wohin sie blickte, Unrat. Vieler Menschen Geschick wird von ihrem bösen Dämon nur gestreift; einmal vielleicht, in einer Stunde der Besessenheit oder Gottverlassenheit erliegen sie dem Anti-Geist, dem Nachtmar ihrer Seele; sie aber, sie war mit ihm zusammengeschmiedet und ganz in seiner Gewalt.
Und auch deshalb schwieg sie, weil noch weit hinten das Auge leuchtete, das sie verlockt, das Antlitz, das sie beglückt. Gab sie das Geheimnis preis, so war sie selbst leer wie die Kassette, aus der die Edelsteine verschwunden waren, so war jenes besudelt und wurde zur Lüge. Es geschah aber, daß sie im Schlummer davon sprach. Riccardo erlauschte es. Mysteriöse Eifersucht tobte in seiner Brust. Es war als wollte er sie auseinanderreißen, um es zu erfahren. Nacht für Nacht weckte er sie aus dem Schlaf und verlangte zu wissen. Sie befanden sich um diese Zeit nicht mehr in Paris, sie lebten in einer kleinen Villa an der bretonischen Küste, in der Nähe einer Hafenstadt. Und einmal fuhr er mit ihr in einem Boot auf dem Meer; es kam ein Sturm, sie wurden abgetrieben, sie schienen verloren. Die Wolken lasteten beinah auf ihren Häuptern, der Gischt spritzte sie an, Riccardo hatte die Ruder ins Boot gezogen, seine durchnäßten Haare hingen über das Gesicht und schweigend heftete er den Blick auf Franziska. Den Tod vor Augen, dumpf und willenlos, sagte sie: »Es gibt ein Bild von dir, das ich gesehen habe, bevor ich dich selber sah; wenn du es sehen könntest, würdest du alles begreifen, mein Leben und vielleicht auch deines, und diese Stunde, und was bis zu dieser Stunde geschehen ist.« Und mit kurzen Worten berichtete sie noch, wie und wo sie das Bild zuerst erblickt, und er hatte sich dicht zu ihr gebeugt, das Ohr an ihrem Mund, damit das Brüllen der Wogen nicht ihre Stimme verschlänge. Er schüttelte den Kopf und lachte spöttisch, dann griff er wieder zu dem Ruder und arbeitete mit Riesenkraft; sie wurden eines Fischerbootes ansichtig, näherten sich ihm langsam, die Fischer warfen ein Seil herüber, und nach unsäglichen Anstrengungen gelangten sie endlich in den Hafen.
Am andern Morgen war Riccardo fort. Die italienische Dienerin sagte, er sei abgereist. Franziska freute sich des Friedens nicht. Sie wandelte ohne Rast durch die Zimmer oder schaute von den Balkonen auf das Meer. Es kamen Personen, die ihren Namen nicht nannten und die Riccardo zu sprechen wünschten. Er hatte keine Aufträge gegeben. Die Dienerin, der Koch und der Gärtner verließen das Haus, denn Riccardo hatte ihnen gekündigt und sie nur bis zu einem nahen Termin bezahlt. Franziska war allein. Der Eigentümer der Villa schrieb ihr, daß sie das Haus nach Verlauf von drei Tagen räumen müsse. Sie wartete, aber sie wußte nicht worauf. Am letzten Abend betrat sie das Zimmer, in dem Riccardo gewohnt. Sie setzte sich an ein geschnitztes Tischchen und verfiel in schwermütige Gedanken. Sie hatte eine Kerze vor sich hingestellt, die brannte langsam nieder und verlosch mit leisem Zischen. Der Schlag der Wellen schallte durch die offenen Fenster, und es wetterleuchtete am Himmel. Sie entschlummerte. Sie war müde. Seit vielen Nächten hatte sie des Schlafes entbehrt.