Die Teilnahme, mit der die Freunde und Fürst Siegmund der Geschichte von dem wunderlichen Edelmann gelauscht, hatte sie nicht verhindert, die Erregung zu bemerken, von der Franziska mehr und mehr ergriffen schien. Beim Verlesen des Briefes, den die Gräfin Caroline an eine Vertraute geschrieben, hatte sie sich emporgerichtet, und unablässig hingen dann ihre Augen an den Lippen Georg Vinzenz Lambergs. Und als dieser geendet, warf sie sich mit dem Gesicht gegen das Polster, und das Beben der schlanken Gestalt verriet, daß sie mit bemitleidenswerter Anstrengung ihr Weinen zu ersticken suchte.

Der Fürst ging zu ihr, setzte sich neben sie und faßte ihre Hand. Er schwieg. Borsati aber sagte: »Kann Erdmann Promnitz deinen Schmerz lösen, Franzi, warum sollten wir es nicht können?«

Fürst Siegmund beugte sich ein wenig zu ihr herab und bat, sie möge ihn anschauen. Sie schüttelte den Kopf. »Keiner unter uns wünscht, daß du eine Wunde aufreißen sollst,« sagte der Fürst gütig und ruhig, »und mich selbst verlangt es nur, dich wieder so zu sehen, wie du ehedem warst. Ist es dir nicht möglich zu vergessen, so dünkt es mich doch gefährlich, wenn dich fremde Geschicke immer wieder mahnend in die eigene Vergangenheit zerren, und deinen Freunden hier sind diese Tränen vielleicht ein unverdienter Vorwurf. Was aber auch an Bewahrung oder Stolz im Schweigen liegt, das eine glaub mir als altem Lebensmenschen: es ist nicht fruchtbar, und es ist nicht fromm. Es verengert das Herz.«

Da kehrte sich Franziska um, ließ den Blick sinnend über alle schweifen, und mit blassem Gesicht antwortete sie: »Ihr sollt es wissen. Was mich an der Geschichte vom Grafen Erdmann so getroffen hat, das kann ich kaum erklären. Nicht die Frau ist es und was sie hat ertragen müssen, dergleichen ist ja häufig, es bestätigt nur die Erfahrungen und wühlt nicht so unerwartet auf. Es ist etwas Anderes; es ist da eine Luft, ein Ton, eine Folge, etwas wie dumpfaufschlagende Steine, ich vermag es euch kaum anzudeuten, etwas über die Wahrheit der Worte hinaus, etwas, was wie Musik wahr ist. Und dann die Sterne! und dieser Tod! Und das Bildnis zuletzt! Auch ich habe von einem Bildnis zu erzählen, von nichts anderem eigentlich.«

»Aber wie soll ich sprechen?« fuhr sie hastiger fort, betrachtete die aufmerksamen Gesichter der Freunde und ließ das Haupt auf die stützende Hand sinken, »wie soll ich das Unglaubliche schildern, euch, die ihr mich so gut kennt und doch nicht kennt? Vielleicht war ich damals müde; ja, in jeder Hinsicht müde. Ich hielt nichts mehr von mir, mein Körper war mir eine Last, mein Talent eine Grimasse, mein Dasein kam mir erbitternd nutzlos vor, ich erschien mir unsagbar einsam, und die Gleichgültigkeit, die einen erfüllt, wenn man stets getragen wurde und nie gegangen ist, war das Schlimmste. Mich verlangte nach einem Sturz, oder nach einem Widerstand, denn trotzdem ich kraftlos war, war ich zugleich verwildert. Nein, ihr habt nichts von mir gewußt; ihr wart zu klug, zu vornehm, zu sparsam, zu beiläufig.«

Sie seufzte, und nach einer bedrückenden Pause begann sie die Ereignisse zu erzählen, auf die sie in so ungewöhnlicher Weise vorbereitet hatte, die aber mit ihren eigenen Worten nicht gut wiedergegeben werden können, weil das Heftige und Sprunghafte des Vortrags die Faßlichkeit beeinträchtigen würde.

Eines Tages erhielt sie einen Brief von einer Freundin, die acht oder neun Jahre zuvor vom Theater weg eine glänzende aristokratische Heirat gemacht hatte und deren Mann im Ausland gestorben war. Die Zurückgekehrte wünschte Franziska zu sehen. Sie bewohnte einen kleinen Palast in der Metastasio-Gasse, und als die Beiden in einem rondellartigen Raum einander gegenüber saßen, erblickte Franziska ein Porträt, von dem sie aufs Wunderbarste berührt wurde. Sie konnte die Augen nicht von dem Gemälde losreißen, und da bisher Bilder nie tiefer auf sie gewirkt hatten als etwa schöne Stoffe oder Teppiche oder Geschmeide, geriet sie selbst in Bestürzung über den Eindruck. Auch die Freundin erstaunte, als Franziska sie um die Erlaubnis bat, öfter hier sitzen zu dürfen, um das Bild betrachten zu können. Franziska kam von da ab jeden Tag. Anfangs leistete ihr die Baronin Gesellschaft, dann ließ sie sie häufig allein. Sie war der Ansicht, daß eine trübe Erinnerung oder ein kürzlich erlittener Seelenschmerz Ursache des sonderbaren Benehmens sei, und vielleicht um Franziska auszuforschen, vielleicht um sie zu zerstreuen, teilte sie ihr nach einiger Zeit mit, sie habe unter den Papieren ihres Gatten Aufzeichnungen über die Persönlichkeit des Porträtierten gefunden; es sei ein schottischer Edelmann gewesen, der für den Gemahl einer von ihm hoffnungslos geliebten Dame sein Leben geopfert habe; dieser nämlich war wegen Rebellion gegen das königliche Haus zum Tod verurteilt worden; um die angebetete Frau vor dem schrecklichen Verlust zu bewahren, hatte sich der Liebende des Nachts, eine Stunde vor der Exekution, Eingang in die Zelle verschafft, hatte die Kleider mit dem Delinquenten getauscht und sich hinrichten lassen, ohne daß weder die Richter noch die Henker den Betrug merkten.

Dies Tatsächliche oder Sagenhafte ging Franziska anscheinend nicht nahe. Es war sogar, als hätte sie eine Abneigung dagegen. Zu wirklich war es und als Wirkliches zu fern. Sie war in einem Fieber, in dem man weder sieht noch denkt, nur tastet. Das Bild war so unlöslich in das rätselhafte Weben ihrer Seele versenkt, daß es immer gegenwärtiger und wahrer wurde, je öfter sie es sah. Niemals kam ihr der furchtbare Gedanke, daß sie sich an ein Gespenst verliere, daß ihr Gemüt außerhalb der Ordnung der Dinge sei; es war ein Rausch, nicht zu wissen, nicht zu deuten, nicht umzukehren; auch ein Bewußtsein von Folge war darin, – als ob der Schatten zur Gestalt werden oder sie selbst zu einem Schatten hindorren müsse.

Er wurde zur Gestalt.

Herr von H., der um jene Zeit von seinem Botschafterposten zurücktrat, gab eine Abendgesellschaft, zu der Franziska eine Einladung erhielt. Obwohl sie seit Wochen solche Festlichkeiten zu besuchen vermieden hatte, folgte sie diesmal der Aufforderung, ohne eine Absage nur zu erwägen. Als sie in den Salon getreten war, sah sie bloß ein einziges Gesicht unter den zahlreichen; es war dasselbe Gesicht wie auf dem Bild. Es war, sie zweifelte nicht daran, dasselbe weiße, glatte, schmale, ruhige und vollkommene Antlitz mit Augen wie aus grünem Eis; es waren dieselben verächtlich und schmerzlich geschwungenen Lippen, es war dieselbe Entschlossenheit der Miene, derselbe phosphoreszierende Glanz auf der Stirn, dieselbe feine Knabenhand, sogar mit demselben Smaragd am Finger.