Graf Erdmann stierte den Astronomen entsetzt an. »Wenn dem so ist,« antwortete er stotternd, »wenn dem so ist, so kann ja nichts verborgen bleiben. Dann ist jedes meiner Worte und jede Tat, die ich getan, aufbewahrt. Ist es dann nicht ein Irrtum zu glauben, das Jetzt sei ein Jetzt? Dann wird ja alles so ungeheuer, dann muß doch die Schöpfung älter sein als die sechsthalbtausend Jahre der Juden...«
»Euer Gnaden darf sich nicht verwirren,« fiel Hans Kosmisch mit listig-mildem Lächeln ein; »was Euch Religion und Bibel an Maßen geben, sind Verkürzungen symbolischer Art. Der Geist will die Seele nicht betrügen, er macht sie nur den göttlichen Geheimnissen doppelt verschuldet.«
Der Graf hatte sich wieder auf sein Sesselchen begeben und blickte empor. »Das alles über mir ist Raum,« begann er wieder, und seine Greisenstimme klang erschüttert; »so groß, so endlos frei und herrlich weit, daß die Zeit, die ich gelernt, mir wie ein Bild erscheint und mein Name wie ein Gleichnis; und meine Qual und Sünde schrumpft mir zusammen, denn was sind meine sechzig Winter und Sommer unter den Millionen, und wie könnte der Herr über eine solche Großwelt es fertig bringen, Gut und Böse krämerhaft zu wägen?«
Hans Kosmisch antwortete nichts, auch der Graf schwieg lange Zeit. Plötzlich rollten ihm zwei große Zähren über die verwitterten Backen, und er sagte dumpf und langsam vor sich hin: »Sie hatte kornblondes Haar und Augen wie das Reh; ihr Mund war sanft und ihre Hand war zärtlich. Sie hat mich geliebt, und sie ist tot. Wo sie auch weilen mag da oben im Raum, ich bin bei ihr, und was ich als Schuld gegen sie trage, bleibt Schuld. Sündenschuld – Liebesschuld. Aber wie denkst du dirs, Hans Kosmisch,« rief er auf einmal laut und schlug beide Hände vor die Brust, »wird mirs noch gelingen, einen Tod zu sterben, der dem Herrn der Sterne wohlgefällig ist?«
Hans Kosmisch senkte still den Kopf. Für Gespräche so intimer Art fehlten ihm Mut und Lust. Er sah die Menschen nur von fern, nur von einer nächtlichen Warte aus, und Gefühle kundzugeben war ihm versagt seit den Pariser Zeiten. »Geleit mich hinunter aus deinem Sphärenpalast,« fuhr Graf Erdmann fort, »und leuchte mir in die Kammer. Heut will ich einmal geruhig schlafen und ohne böse Träume.«
Der Graf verließ wenige Tage später Peterswalde und begab sich nach Osnabrück, wo er seines Zipperleins halber einen dort sässigen bekannten Arzt zu Rate zog. Er war ein anderer Mann geworden, ein gefügiger, milder, heiterer, obwohl auch fernerhin einsamer Mann. Ein mysteriöses Werk beschäftigte ihn die meiste Zeit des Tages, und in sternenhellen Nächten stieg er auf den Turm des Münsters, den er seinen wunderbaren stummen Professor nannte. Nach einem halben Jahr, im tiefen Winter, kehrte er nach Peterswalde zurück und lebte da friedsam weiter, ganz und gar mit seinem mysteriösen Werk beschäftigt. Sehr mit Grund ist bei alten Menschen der März als Todbringer verrufen. Eines Morgens im Mittmärz betrat Hans Kosmisch die Stube seines Herrn und fand ihn entseelt im Bette liegen. Auf dem Tische aber, gleichwie der ganzen Welt zur Schau, war das endlich vollendete Werk ausgebreitet.
Es war ein gemaltes Bild, nicht wie von einem, der die Kunst versteht, sondern von einem, der mit unbeholfener und doch sicherer Hand eine Traumvision festzuhalten bemüht ist, – ein über alle Worte erhaben schönes Antlitz, ein Kopf, ja nichts als ein Gesicht mit großen, reinen, unaussprechlich gütigen Augen, aus denen die ergebenste Liebe quoll. Es fehlten nicht die Grübchen in den Wangen, die von weichem Haupthaar umflossen waren, und das Kinn umstand ein voller, breiter, lockiger Bart, der in einer Spitze endete, nicht in zweien wie ein Jesusbild. Dieses überirdisch göttliche Gesicht, das trotz des Bartes die genaueste Ähnlichkeit hatte mit dem der verstorbenen Gräfin Caroline, umrahmte über den Scheitel hinweg, an den Haaren herab und unter dem Bart sich schließend, ein Kranz von bekannten und unbekannten Blumen. Alles dies war ganz in Blau und Gold gemalt, und nun waren in der Weise punktierter Kupferstiche die Augenbrauen, die Augäpfel, die Stirne, die Lippen, der Bart und die Locken der Haare lauter Sternbilder, Nebelflecken, Kometen und Monde; in der Verschlingung einer Winde fand sich die Sonne und als winziger Goldpunkt die Erde. Es war als ob ein träumender Mensch, irgendwo im Raume ruhend, das Weltall als Gesicht begriffen hätte und als ob Sonne, Mond und Sterne im Innern seiner Seele zu einer geschauten und geheimnisvollen Einheit gelangt wären. Über dem Bildnis aber prangten die triumphierenden Worte:
Ad astra.