Seltsam wie diese beiden von der Höhe des Daseins kamen, zu uns herunter, die in ähnlichem Trotz, in ähnlichem Schmerz, in ähnlichem Haß, wenn schon aus anderer Ursache, gefangen waren. Dort Überfluß und Überdruß, hier Not und eine dumpfe Stimmung des Verzichts; die Endpunkte der sozialen Welt. Sensationskitzel und Lust an der Selbsterniedrigung treiben diese reichen und satten jungen Leute häufig zu den Schauplätzen des Lasters und des Elends; man findet sie in Opiumkneipen und in den Verbrecherasylen, und sie wissen wohl, daß sie in vielen Fällen ihr Leben riskieren, wenn sie nicht Meister in der Verkleidung und äußeren Verwandlung sind. Aber nur die Gefahr ist es, die sie berauscht. Durch einen Besuch in der Taverne zur roten Katze war Allan Mirmells Aufmerksamkeit auf Rachotinsky gelenkt worden, und er hatte Nachforschungen anstellen lassen, hatte später auch von ihm gelesen. Nächtelang beobachtete er ihn und seine Gefährten. Der Anblick dieser Erniedrigten und Ausgestoßenen, von denen Jeder Freiheit, Vermögen, Lebensgenuß und Zukunft für eine Idee hingegeben hatte, war ihm Vorwurf und Ansporn. Die frappante Erscheinung Natalie Fedorownas, die durch ihr Wesen wie durch die Aufnahme, die sie fand, alles Geschehene erraten ließ, bewog ihn, sich Rachotinsky zu erkennen zu geben und ihm das Anerbieten zu stellen, das verfolgte und leidende Mädchen in seinem Haus aufzunehmen, wo es Niemandem einfallen würde, sie zu suchen. Rachotinsky und seine Freunde überlegten den Vorschlag, der unter der Bedingung akzeptiert wurde, daß Rachotinsky selbst Natalie Fedorowna begleiten und zunächst bei ihr bleiben solle.
Über die unmittelbar folgenden Ereignisse bin ich nur schlecht unterrichtet; auf welche Weise sich der Selbstmord Natalie Fedorownas zutrug, kann ich nicht sagen. Rachotinsky hatte mich zwei oder dreimal nach dem Landhaus Mirmells mitgenommen, und ich hatte sie gesehen. Die Pracht und der Luxus jenes Hauses machten keinen Eindruck auf mich; ich gewahrte nur sie; Tag und Nacht war sie mein einziger Gedanke. Einer der Russen sagte, daß der junge Trevanion sie geliebt habe; Rachotinsky gestand mir, daß Trevanions Stimme einen unheilvollen Zauber auf sie geübt habe, ihr alles Vergangene, ihren Kummer, ihre Besudelung, ihre Blindheit quälend zu Bewußtsein gebracht. Aber was eigentlich vorgegangen war, habe ich nicht erfahren können. Sicher ist nur, daß nach der Katastrophe der Aufenthalt der jungen Russin im Hause Mirmells bekannt und daß dadurch seine gesellschaftliche Situation unhaltbar wurde. Auf mich wirkte Natalie Fedorownas Tod verheerend; ich gab meinen Dienst auf und ließ mich treiben wie ein Stück Holz im Wasser. Eines Tages kam Rachotinsky zu mir und fragte mich, ob ich außer Landes gehen wolle. Mirmell, Trevanion und er seien entschlossen, der Kulturwelt den Rücken zu kehren; wenn ich Lust hätte, meinem entwürdigenden Dasein zu entfliehen, brauche er nur mein Jawort. »Früher gingen die Weltmüden in ein Kloster«, sagte er, »wir wollen eine Abgeschiedenheit suchen, wo die Natur selbst ein Bollwerk gegen den zerstörenden, frechen und lärmenden Sohn dieser Erde errichtet hat. Wir wollen den Tod erleben, im Tode leben und das Leben erkennen, Gott aufbauen in unserer Seele und nie mehr nach den Menschen Verlangen hegen. Unsere Entsagung wird dauernd sein, unser Vorsatz unverbrüchlicher als das Gelübde an einem Altar. Ich werbe dich für unsern Bund, dies Recht habe ich mir ausbedungen, und ich sehe nichts, was dich sonst retten könnte.«
Ich war derselben Meinung. Ohne Hilfsquellen, dem Verhungern nahe, eröffneten mir diese Worte, deren mysteriösen Sinn ich zunächst wenig beachtete, doch die Möglichkeit zu existieren. Mirmells Schiff, eine stattliche Yacht, lag im Hafen von Tilbury. Ich begab mich zu Fuß dorthin. Rachotinsky, der mich in einem Wirtshaus erwartet hatte, führte mich an Bord und zu Allan Mirmell. Dieser begrüßte mich schweigend und bemerkte dann gegen Rachotinsky, er möge Sorge tragen, daß ich an nichts Mangel leide. Am andern Tag lichtete das Schiff die Anker, und es begann unsere sonderbare Reise, deren Ziel mir unbekannt war. Von der Seekrankheit verschont, wurde ich in anderer Art krank, und ich weiß heute noch nicht, unter welcher Krankheit ich durch so viele Wochen litt. Vielleicht war die Ruhe schuld, deren ich genoß. Es kommt ja vor, daß Leute, die sich ein ganzes Leben hindurch abgearbeitet haben, plötzlich sterben, wenn Mühe und Sorgen aufhören. Ich lag und schaute in die Luft. Hin und wieder spürte ich, daß ich weinte. Oft saßen Rachotinsky und Mirmell neben mir, sei es nun, daß ich auf Deck in der Sonne gebettet war oder bei schlechtem Wetter im Raum. Kraft seines mystischen und durchdringenden Geistes hatte Rachotinsky unbegrenzten Einfluß über Mirmell gewonnen. Allan Mirmell hatte eines der interessantesten Männergesichter, die ich je gesehen. Seine Züge waren hager und von äußerster Feinheit; seine Haut war glatt und weiß wie Email; das Kinn stark, die Lippen dünn wie ausgepreßte Früchte; die allzuklaren Augen begegneten nie dem anschauenden Blick, obwohl sie nicht zur Seite wichen; sie empfingen den Blick und saugten ihn auf. Dies war beklemmend. Trevanion zeigte sich nur selten. Er war immer in seiner Kabine, las oder schrieb. Rachotinsky trieb mit ihm geologische Studien aus Büchern und Tiefseestudien mit Hilfe des Plankton-Netzes, das wir an Bord hatten. Einmal stand Trevanion bei Mondschein am Kompaßhäuschen und starrte unbeweglich aufs Meer. Seine Knabengestalt ergriff mich. Doch weder ihm noch Mirmell konnte ich mich ohne eine knechtische Regung nähern, und dieses Überbleibsel meiner proletarischen Vergangenheit schleppte ich noch lange. Erst gemeinsame Leiden erweckten kameradschaftliche Empfindungen.
Wir waren durch die Tropenmeere und durch den südlichen Teil des atlantischen Ozeans gefahren, dann westlich, lange westlich, dann wieder südwärts. Wir liefen die am Rande der Eisregion gelegene Macquarie-Insel an, aber Mirmells Absicht, dort eine Niederlassung zu errichten, wurde durch die Anwesenheit einiger Schiffe vereitelt, denn Mirmell und Rachotinsky waren gewillt, die Menschheit zu fliehen. Wir suchten die Nimrod-Insel, deren Existenz jedoch heute noch nicht sichergestellt ist, und als dies erfolglos war, steuerten wir in das Roß-Meer. Eisberge schwammen auf dem Wasser, und eines Tages war das Meer von Packeis bedeckt. Es öffneten sich schmale Straßen, in denen der Dampfer freie Fahrt hatte. Wir überquerten den fünfundsiebzigsten Grad und sahen bald auf allen Seiten Land, den geheimnisvollen Kontinent der Antarktis. Ich war um jene Zeit wieder gesund geworden. Ich wurde nicht müde, diese neue Welt zu betrachten; der immer bleibende Tag erstaunte mich, denn es war Mitte Dezember, der Sommer jener Breiten, und die Sonne ging nicht unter. Indessen begann die Mannschaft zu murren, und der Kapitän und der erste Maat wagten es, auf die Gefahren hinzuweisen, die einem Schiff, das für solche Exkursionen nicht geeignet war, vom Eise drohten. Mirmell blieb ihren Vorstellungen gegenüber taub. Es war in ihm ein Ingrimm und eine Lethargie, die alle praktischen Maßregeln mißachteten. Er glich dem Ritter der alten Sage, der sich stumm und trotzig zur Höllenfahrt anschickt. Daß er unbewußt dem hypnotisierenden Einfluß Rachotinskys unterlag, ist nicht zu bezweifeln; dieser lebte auf; sein Blick schien zu triumphieren, wenn er die Entfernung maß, die ihn von allem trennte, was ihn ehedem gefesselt hatte. Ich selbst war ihm verfallen. Ich dachte an seine Worte: wir wollen den Tod erleben, im Tode leben und Gott aufbauen in unserer Seele. Der Wille zum Untergang ließ mich schaudern, und mein Gemüt fing an, dem entgegenzustreben.
Wir steuerten in eine weite Bucht, in der uns das feste Eis halt gebot, und warteten, da wir der Küste näher zu kommen hofften. Am zweiten Tag sprengte der Sturm die gefrorene See, und wir fuhren nahe an die Küste heran. Mirmell und Rachotinsky begaben sich ans Land und suchten einen Platz für den Bau einer Hütte und eines Vorratshauses. Es erwies sich, daß das Schiff mit allen Bedürfnissen für einen jahrelangen Aufenthalt in unzugänglicher Eisöde befrachtet war. Unter vielen Mühseligkeiten transportierten die Matrosen Balken und Bretter an den Strand; darnach die Betten, die Tische, die Stühle, die Bücher, die Kleidungsstücke, die Hunderte von Kohlensäcken, die zahllosen Proviantkisten mit Konserven, Früchten, Tee, Salz, Mehl, Gläsern und Flaschen. Als die hölzernen Gebäude standen und gegen die schwersten Stürme durch Steinblöcke und Drahtseile befestigt waren, bat der Kapitän des Schiffes Sir Allan um eine Unterredung. Der wackere Mann zeigte sich sehr besorgt; er glaubte warnen zu müssen; ohne nach den Gründen unseres Vorhabens zu forschen die ja auch wissenschaftlicher Art sein konnten, malte er beredt die Schrecken einer Überwinterung. Es handle sich nicht um eine Überwinterung, antwortete Mirmell schroff; er erteile ihm den Auftrag, nicht früher als nach Verlauf von fünf Jahren wieder an diese Küste zu kommen, um sich zu überzeugen, ob die Ansiedler noch am Leben seien. Der Kapitän war sprachlos vor Entsetzen, aber Mirmell wiederholte diesen Entschluß noch einmal vor der ganzen Mannschaft und verpflichtete sie allesamt zum Stillschweigen; so lange keine Kunde in die Welt drang, sollten Kapitän und Schiffsvolk die Löhnung weiter beziehen, im andern Fall hatte der Vermögensverwalter Sir Allans die genaue Weisung, sie zu entlassen. In der zweiten Woche nach unserer Ankunft waren alle Arbeiten beendigt, und das Schiff verließ uns. Wir standen am Rand des Eises und blickten ihm nach, bis es unterm Horizont verschwunden war und seine Dampfsäule sich mit den Wolken vermischt hatte.
Hier war das Abenteuer zu Ende; das Gefühl des Unerwarteten in mir erloschen; alles das hörte auf, Verwunderung in mir zu erzeugen; die Gegenwart bändigte mich, das Unentrinnliche umschlang mich wie ein sichtbarer Kreis; es galt zu kämpfen, sich zu wehren, sich zu verantworten, zu leben. Unmöglich kann ich schildern, was in mir vorging, diesen Wirrwarr von Gedanken, diese Auflehnung gegen das Absurde, dieses Erwachen aus einem traumartigen Zustand; ich muß mich damit begnügen, die folgenden Ereignisse zu erzählen.
Rachotinsky hatte teils durch Spekulation, teils durch Forschungen die Überzeugung gewonnen, daß auf dem Kontinent der Antarktis ausgebreitete Kohlenlager vorhanden seien, und er hatte die etwas fantastische Absicht, diese noch verborgenen Reichtümer aufzufinden und sie für die unglücklichen, bedrückten Söhne seines Vaterlands nutzbar zu machen. Täglich unternahm er, mit seinem Hämmerchen versehen, lange Wanderungen und brachte allerlei Arten von Felsgestein mit. Derselbe Mann, der die Gefangenschaft in den sibirischen Einöden nur mit Aufbietung seiner ganzen Seelenkraft ertragen hatte, war hier, in der freiwillig gewählten Abgeschiedenheit und vollkommenen Loslösung von der menschlichen Gesellschaft auf eine wunderbare Weise erglüht, und ich fragte mich umsonst, was es wohl sein möge, das seine Augen oft so hoffnungstrunken erschimmern ließ. Eindringlich widerriet er mir, mich dem Müßiggang hinzugeben, und in der Tat war jede unausgefüllte Stunde erschöpfend für Körper und Geist. Jeder hatte einen Tag, an dem er Koch und Aufwärter war, für das Feuer sorgen und die Hütte rein erhalten mußte. Ich begleitete Mirmell zu den Pinguinen, deren Eier wir sammelten, und Erstaunlicheres sah ich nie als diese Menschenvögel, diese gravitätischen, tiefsinnigen, eitlen und neugierigen Wesen innerhalb der gebundenen Ordnung ihres Brutstaates. Wie sie uns mißbilligen, wie sie uns mit dem breiten weißen Rand um ihre Augen, der einer Brille glich, ernsthaft musterten und unsere Gesellschaft nur mit gröblichen Beschimpfungen duldeten; wie sich zwei der Vornehmsten mit zeremoniöser Ehrfurcht gegeneinander verneigten, ehe sie ihre wichtigen Verhandlungen pflogen! Sie glichen den verzauberten Geschöpfen in einem Märchen so sehr, daß sie der Landschaft einen geheimnisvollen Reiz von Verwandlung gaben, etwas von Bann und Schuld und Harren auf Erlösung. Nicht selten schloß ich mich auch dem schweigsamen Trevanion an, der Algen, Diatomeen, Polypen und Schwämme aus dem Meerwasser fischte, oder in die kleinen vereisten Binnenseen Bohrlöcher grub, oder Wolken und Felsen zeichnete oder mit der Spirituslampe in die stalaktitischen Eishöhlen hinabstieg. Noch lieber wanderte ich allein über Schnee und Eis und schaute zum bleichen Himmel empor, an dem eine bleiche Sonne stand, und über die bleiche weiße Erde. Die dauernde Helle stumpfte das Zeitgefühl ab und man ging wie in der Ewigkeit, die auch keinen Wechsel von Tag und Nacht hat. Ich vernahm das Seufzen der Eisschraubung auf dem Meer, und die Klagelaute der riesenhaften Gletscher, die sich gegen den Ozean schoben, um ihn mit schwimmenden Bergen zu bevölkern, und diese gedehnten Laute klangen wie das Stöhnen eines Tieres in den Wehen der Geburt. Fern über mir flackerte das Feuer eines Vulkans, erhob sich wie ein schwarzer Riesenpilz der Rauch aus seinem Schlund; die Nähe der mütterlichen Weltenglut, der schöpferischen Erdflamme ließ mich bisweilen vergessen, daß ich ein wollender und müssender Mensch war. Ich erblickte den mathematisch geraden Rand der Hunderte von Meilen langen Eisbarre, die grün schillerte wie eine ungeheure Smaragdplatte, und im Süden, gegen das Ende der Welt, sah ich viele Berggipfel, zahllose Kuppeln, die jungfräulichen Brüsten glichen, bedeckt von dem blauen, durchsichtigen Schleier der Atmosphäre. Die klarsten, zartesten und stärksten Gedanken stiegen empor wie selbständige Geschöpfe; Natur hörte auf, ein Wort zu sein, hörte auf, das Andere zu sein; sie sprach nicht, sie gab nicht, sie behütete nicht, sie handelte nicht, sie war bloß.
In immer niedrigeren Kreisen rollte der Sonnenball um unser gefrorenes Reich; auch an dem Steigen der Kältegrade merkten wir, daß es Winter wurde. Es kam die Stunde, wo die rote bebende Scheibe den bebenden Horizont berührte. Die Wellen des Meeres erstarrten mitten in der Bewegung und sahen aus wie ein Haufen wild übereinander geworfener Purpurtücher. Das ganze Schneegefild hinter uns ward zum Spektrum, das in Billionen Eiskristallen glitzerte. Hoch in der Luft glühten die seltenen Iriswolken, Robben und Pinguine waren verschwunden, und wir standen vor der Hütte, frierend bis ins Mark, und warteten, bis die letzten Protuberanzen der Sonne erloschen waren, – und damit alles Leben. Es wurde Nacht. Bitter war es jetzt um uns bestellt. Mir ahnte schon Übles, als, da ich Licht anzündete, Trevanion unablässig in die Herdflamme starrte, und zwar mit einem Ausdruck, den ich nie vergessen werde, einem Ausdruck kindlicher Angst und seelenvoller Besorgnis.
Zweieinhalb Monate hatten wir in Eintracht gelebt. Ich darf sagen, daß wir einander lieb gewonnen hatten. Wir verstanden und achteten einander. Es wurde über vieles lebhaft und gut gesprochen, und ich verdanke dieser Zeit die reichsten Erfahrungen, die mannigfaltigsten Lehren und Aufschlüsse. Tag um Tag, Stunde für Stunde mit denselben Menschen dasselbe enge Haus teilen, Zeuge zu sein aller Lebensäußerungen, Beobachter jedes Schweigens und jeder Geberde, das heißt einander kennen lernen. Und schließlich kannten wir einander so genau, daß wir die Worte hörten, ehe sie gesagt wurden, daß wir auf dem noch unbewegten Gesicht die Stelle angeben konnten, wo ein Lächeln, eine Erinnerung, ein Unbehagen die stereotypen Falten einkerben mußten, ja, daß wir die Verschiedenheit in der Biegung und Länge einzelner Wimpernhaare gewahrten, und häufig richtete man während eines Gesprächs das Augenmerk gespannter auf gewisse Eigentümlichkeiten der Miene und Geste als auf Frage und Antwort. Jeder war dem Andern wie Glas. Der Mangel alles Neuen und Überraschenden weckte bisweilen Ungeduld, die sich langsam in stummen Hohn verwandelte. Noch bevor die große Nacht einbrach, herrschte oft ein bedrohliches Schweigen unter uns, aber wir konnten die verwundeten Nerven durch Tätigkeit im Freien beruhigen. Dies war jetzt unmöglich. Ohne eine Vermummung, die das Gehen sehr erschwerte, konnte man draußen nicht weilen, und wenn der Schneesturm wütete, war man in Gefahr zu ersticken, ehe man sich drei Schritte vom Haus entfernt hatte. Wir waren also gezwungen, ununterbrochen beisammen zu bleiben. Die dauernde Dunkelheit verdüsterte das Gemüt nachhaltig. Das matt schwelende Licht in unserm Wohnraum ward zu einem beständigen Druck auf das Auge und das Gehirn. Die Kälte war so fürchterlich, daß wir trotz unablässigen Heizens die Temperatur der Hütte nicht über drei Grad Reaumur brachten. Unsere Ausdünstungen und die Dämpfe der Speisen hatten sich an den Wänden als Eisverkleidung niedergeschlagen, und das oben erwärmte Eis, das in Zapfen hing, tropfte auf den Boden, der infolgedessen ein Morast wurde. Wenn die Fenster und Balken nicht unter dem Anprall des Orkans ächzten und klapperten und die auf das Dach geschleuderten kleinen Steine quälend und eintönig klopften, versetzte uns die Stille der Natur in einen Zustand, daß wir hätten schreien mögen, um sie zu bannen. O, diese Stille! Sie donnerte in den Ohren, sie ließ den eignen Herzschlag wie den Lärm aus einer Maschinenhalle erscheinen, sie brüllte aus der Finsternis, sie verscheuchte den Schlaf und verursachte angstvolle Einbildungen des Gehörs. Ich vermute, daß wir nur aus Furcht vor ihr zu streiten anfingen. Es waren vollständig sinnlose Streitereien, aus den albernsten Anlässen böswillig in die Breite gezerrt. Einmal wollte ich Frieden stiften, da hob Allan Mirmell grimmig die Faust gegen mich, Trevanion schluchzte, und Rachotinsky lief mit verschlungenen Händen und gefletschten Zähnen auf und ab. Und aus welchem Grund dies alles? Wir hatten uns nicht darüber einigen können, ob der Kapitän von Mirmells Schiff blaue oder graue Augen besaß. Wir konnten den Klang unserer Stimmen nicht mehr ertragen; ich selbst zitterte bei der gleichgültigsten Redewendung. Doch das wahre Inferno begann erst, als eines Abends, – es gab Abende, die letzten bleiernen Stunden verwachter Nacht-Tage, – als eines Abends Trevanion, der lesend am Tische saß, ein weißes Tuch über sein Gesicht hängte. Unser Anblick erregte ihm Ekel. Und wir andern hatten im Nu die gleiche Empfindung. Wir stierten wie Bestien, die sich anschickten, einander zu zerfleischen. Täglich um dieselbe Zeit derselbe Vorgang in gesteigerter Abscheulichkeit! In einer solchen Stunde wurde Trevanion von Grauen überwältigt, er hüllte Kopf und Rumpf in den Pelz und stürzte hinaus. Mich erfaßte Besorgnis um ihn und nachdem ich die nötige Schutzkleidung ebenfalls angelegt, folgte ich ihm. Die frische Spur vor der Hütte zeigte, daß er gegen den Gletscher hinaufgegangen war. Über dem Schnee lag eine schwache grünliche Helligkeit. Die Luft war ruhig, aber die Kälte fraß wie ein Brand.
Plötzlich flammte der Himmel vor mir auf. Dichte Wellen von Licht bewegten sich von Südost nach Südwest und schienen unablässig neue Lichtstärken von Südost zu holen. Sie warfen blendende Strahlen zur Erde, und die Farben wechselten von weiß zu grün und gelb. Ich spürte nichts mehr von der Beschwerde des Marsches, das herrliche Phänomen gab mir ein Gefühl des Schwebens. Da erblickte ich Trevanion. Er schaute regungslos in das glühende Firmament. Mich überrieselte es eigen, als ich den entgeisterten Ausdruck seines Gesichts bemerkte. Er ertastete meine Nähe mehr als daß er mich sah; er streckte den Arm gegen das Südlicht und fragte flüsternd, ob ich die Gestalt gewahre. Was für eine Gestalt? flüsterte ich zurück. Mit ungestümer Geberde deutete er. Ich folgte der Richtung. Es ist ein Eisblock, sagte ich. Er preßte die Hände zusammen und drückte sie auf seine Brust. Natalie, hauchte er, Natalie ist es. Wieder überlief es mich. Wir standen auf dem Kirchhof der Welt, und er sah die Gespenster des Lebens. Mit einer hingebenden und flehentlichen Stimme nannte er unaufhörlich den Namen Natalies. Der Gletscher begann im Schein der Aurora rötlich zu leuchten. Und nun war es mir selbst, als erblickte ich ein Weib. Sie winkte mir nicht, sie zog mich nur hin. In ihrem Körper rann durchsichtiges Blut. Aus dem bläulichen Gewand erhoben sich mädchenhafte Schultern. Ihre Hände, obwohl an schlaffen Armen, hatten eine Geste der Abwehr. Ihr Antlitz enthüllte sich nur allmählich wie ein Stern aus Nebeln. Die Züge waren leidend, aber voll von einer unerwarteten Sinnlichkeit. Wir können sie nicht erreichen, sagte Trevanion, und indes er einige Schritte tat, schwand die Lichterscheinung dahin. Eilen wir, ein Schneesturm zieht auf, drängte ich ihn und wies auf einen weißlichen Dunst, der im Süden lag und sich mit unheimlicher Schnelligkeit ausbreitete.