»Ich hoffe nicht, daß Sie mich von dieser Bezeichnung ausschließen«, wandte sich der Fürst an Hadwiger; »als flüchtiger Gast habe ich allerdings keine Rechte, nicht einmal das Recht zu bitten, aber ich würde es zu schätzen verstehen, wenn Ihnen meine Anwesenheit nicht beengend oder störend erschiene.«

»Davon kann sicher nicht die Rede sein, Fürst«, sagte Lamberg, und etwas spöttisch fügte er hinzu: »er wird umworben wie der große Medizinmann; wäre er nicht er selbst, er müßte eifersüchtig werden.«

Franziska, die den Augenblick nicht günstig fand für Neckereien, schüttelte mit lebhaften kleinen Bewegungen den Kopf gegen ihn, und Lamberg verbeugte sich lächelnd, zum Beweis, daß er sie verstanden habe. Hadwiger bemerkte das Zwischenspiel nicht. Von allen Seiten in die Enge getrieben, kämpfte er noch. Während er die Lehne des Sessels mit beiden Händen umfaßt hielt, irrte sein Auge scheu, und die Muskeln seiner Wangen zuckten. Die alte Wanduhr schlug siebenmal mit kräftigen Schlägen. Er wartete, bis sie ausgeschlagen hatte, dann fing er an.

»Was ich mitzuteilen habe, ist im Grunde nur die Geschichte einer Nacht; freilich einer Nacht, die länger als drei Monate dauerte. Was vorher geschah, kann ich nicht übergehen, auch von meiner Jugend muß ich einiges berichten.

Ich wuchs im Kohlengebiet auf. Wenn ich zurückdenke, scheint es mir, als ob die Luft, die ich als Kind atmete, immer schwarz gewesen wäre. Wir waren neun Geschwister; sechs starben im Lauf von zwei Jahren. Meine Mutter überlebte dieses Morden nicht, und mein Vater nahm sich eine zweite Frau, die ihm und uns die Hölle heiß machte. Mein Vater war ein Mittelding zwischen einem Spekulanten und einem Fantasten; je nach seinen Projekten wechselte er seinen Beruf, und da sein praktischer Blick der Gewalt seiner Einbildungen mit der Zeit immer weniger standhalten konnte, litten wir große Not. Bei einem Streik der Kohlenarbeiter, wo er im Interesse der Grubenbesitzer zu wirken und zu vermitteln suchte, geriet er in ein Handgemenge und wurde von einem Schlag so unglücklich getroffen, daß er nicht mehr aufkam. Ich hatte einen Freiplatz in einer Ingenieur- und Maschinenbauschule. Ich sah, daß ich in der Heimat wenig Förderung erwarten konnte, und ich beschloß, nach England zu gehen, ein Vorhaben, das unerschütterlich war, obwohl ich nicht einmal die Mittel zur Überfahrt hatte. Ein Jahr lang arbeitete ich Tag und Nacht; ich kopierte Akten und Baupläne, war Austräger bei einer Zeitung und Gehilfe bei einem Photographen und legte Pfennig um Pfennig beiseite, bis ich im Besitz der Summe war, die ich zur Reise brauchte. Auch eine notdürftige Kenntnis der Sprache hatte ich mir angeeignet. Ich war achtzehn Jahre alt, als ich obdachlos in London herumirrte. Ein Bekannter meines Vaters hatte mir eine Empfehlung mitgegeben, auf diese hatte ich gebaut; sie war mir von keinem Nutzen.

Die Jugend muß ihren besonderen Gott haben, anders läßt es sich nicht erklären, daß ich damals nicht versunken bin. Aber es ist nicht entschieden, ob uns überstandene Not und Entbehrungen frommen. Manche behaupten, es sei so. Wollte ich ins Einzelne gehen, so wäre der Abend zu kurz für den Bericht, auch sträubt sich vieles gegen das Wort. Ich sehe mich in nebligen Gassen; ich bin müde und habe kein Bett. Mit verschlagener Freundlichkeit redet mich ein halbwüchsiger Bursche an; er führt mich zu einem Tor und fragt, ob ich Geld habe. Ich zeige ihm eine Münze, und er nickt: das sei genug. Ich komme durch ein übelriechendes Stiegenhaus in eine noch übler riechende Kammer; dort sind fünf oder sechs Lagerstätten und mehr als ein Dutzend Burschen und Mädchen, darunter auch Kinder. Ich höre nicht ihre lauten und rohen Stimmen, ich falle auf eins der schmutzigen Betten und sogleich schwindet mir im Schlaf das Bewußtsein. Ich bin in eine Diebsherberge geraten. Die fünf Schillinge, die ich noch in der Tasche gehabt, sind am Morgen fort. Ich sehe mich in einem Hof nächtigen, von dem Mauern emporsteigen wie in einem Felsental. Ich arbeite in einem Magazin, in dem Arzneimittel versandt werden, und ziehe mir durch Einatmen giftiger Stoffe eine Krankheit zu. Ich liege im Spital an einer feuchten Wand und muß die Gesellschaft eines delirierenden Mulatten und eines prahlenden Krüppels aus Südafrika ertragen. Ein deutscher Schneider nimmt mich auf; sein Weib ist eine Kupplerin. Eines Nachts vernehm’ ich im Halbschlaf ein Schluchzen; ich finde in der Küche ein junges Mädchen. Sie liegt auf dem Strohsack und weint sich ihr Elend aus den Augen. Sie ist aus Deutschland herübergekommen, weil man ihr eine Stelle als Gouvernante versprochen hat. Ich führe sie beim Tagesgrauen aus dem Haus. Sie nennt mir die Adresse einer Verwandten, die in Whitechapel wohnt, und von der sie daheim als von einer respektablen Person gehört hat. Es erweist sich, daß sie Soubrette an einem der gemeinen Tingeltangel ist, von denen die ungeheure Stadt wimmelt. Mein Schützling hat eine frische, hübsche Stimme; man will ihr ein Asyl gewähren, wenn sie aufzutreten und Lieder zu singen bereit ist. Ich, nicht wissend, wovon ich leben soll, werde Türsteher bei demselben Etablissement. Sieben Wochen lang defiliert der buntaufgeputzte Auswurf der Menschheit an mir vorüber, meine Augen sind voll von den Grimassen des lachenden Elends, meine Ohren voll von herztötendem Lärm, und die süßlichen Parfüms des Lasters, die ich einatmen muß, machen mich nach starken Spirituosen bedürftig. Hinweg treibt es mich erst, als ich das zarte und liebliche Mädchen, das ich hergeführt, verwelken und verkommen sehe.

Laßt mich nicht sagen, wo ich dann überall gewesen bin, um welch hohen Preis ich den jämmerlichen Bissen Brot erworben habe. Denk ich an die Türen, vor denen ich gestanden, die Stuben, in denen ich gewohnt, die Betten, in denen ich gelegen bin, oft schlaflos und oft glücklich eingesargt in einen Schlummer, von dem zu erwachen bitter war; denk ich daran, aus welchen Händen ich Lohn empfing, an die verzweifelte Plage, an die Müdigkeit, an das hoffnungslose Hinfließen der vielen Tage, an den nervenzerrüttenden Kampf gegen Schurkerei aller Art, gegen die Hinterlist, die sich am Armen bereichert, gegen die Taubheit, deren Opfer der Stumme wird, gegen die eigene Schwäche, die nicht so sehr Unvermögen ist als Fesselung und der Mangel rettender Zufälle; denk ich daran, daß ich zähneknirschend am Gitter eines festlich illuminierten Parks gelehnt, die Finger um die Stäbe geklammert wie ein Tier im Käfig tut, daß endlich Haß, unsagbarer Haß in mir aufwuchs und meine zwanzig Jahre gleich einem Aussatz zerstörte, – denk ich wieder daran, so will ich kaum glauben, daß ich noch der Mensch bin, der es gelebt hat, ich, der hier sitzt und es als etwas Fernes schildert.

Ja, ich haßte die Menschen mit einem aus Nihilismus und Furcht gemischten Gefühl. Diese Millionen, ihre Anstrengungen, ihre Eile, ihr Wetteifer, ihre rasenden Gelüste, – sie erdrückten mich. Mir schien, daß alle vorhandenen Wege besetzt seien und daß ich keinen Weg mehr finden könne. Es war mir, als ob für mich kein Platz in der Welt sei und als ob mich die Fülle der Dinge sozusagen bei lebendigem Leib begraben hätte. Ich hatte keinen Platz und keine Luft, ich kann es nicht anders ausdrücken, und so war ich nur unter dem Gesetz der Trägheit nach einer bestimmten Richtung hin tätig. Und nicht nur die Menschen haßte ich, sondern auch all ihre Einrichtungen, das Zwangvolle und mich Erdrosselnde der gesellschaftlichen Ordnung, den Staat, die Kirche, die Schule, die Zeitungen, sogar die Bücher. Dies klingt entsetzlich genug, es weiter auszumalen, wäre vom Übel, meine Bahn schien unabänderlich zur Tiefe zu führen, ich war ein verlorener Mensch, und was noch an Kraft und natürlichem Temperament in mir steckte, das faulte gleichsam ab, verpestet von dem Anhauch meiner unterirdischen Existenz.

Dies Wort ist nicht nur bildlich zu verstehen. Es war mir damals gelungen, mich wieder meinem eigentlichen Beruf zu nähern; ich hatte die Stelle eines zweiten Maschinisten auf einem der kleinen Themse-Dampfer. Der Dienst verhinderte mich, während des Tages das Licht der Oberwelt zu sehen, und den Abend wie den größten Teil der Nacht verbrachte ich in einer Taverne bei den East-India-Docks. Ich hatte um jene Zeit einen jungen Russen kennen gelernt und mich ihm angeschlossen. Sein Name war Rachotinsky. Er war Arzt gewesen und hatte fünf Jahre in der Verbannung am Baikalsee gelebt. Sein Vater war in der Schlüsselburg gestorben, zwei Schwestern und ein Bruder hatten den sibirischen Tod gefunden. Sein Gemüt war düster; sein Geist war von einer Rachsucht erfüllt, deren Übermaß ihn lähmte und deren Glut mich gleichfalls ergriff. Ich wußte nichts von seinen Plänen, er war trotz aller Beredsamkeit verschwiegen; hätte er mich zu einer Tat aufgefordert, ich hätte mich ohne Besinnen geopfert. In jener Taverne, wo wir uns trafen, kam er häufig mit einigen seiner Landsleute zusammen, und wenn sie miteinander russisch sprachen, merkte ich an ihren Mienen, daß sie nicht leeres Stroh, sondern volle Ähren droschen. Eines Abends geschah es, daß einer der russischen Flüchtlinge mit einer jungen Frau kam, deren vollendete Schönheit in dieser schmutzigen Spelunke so wirkte wie wenn ein glühender Körper durch eine tiefe Finsternis schwebt. Eine solche Mischung von bleich und schwarz, von Hoheit und Verzweiflung, von Kraft und atemlosem Gehetztsein hatte ich noch in keinem Gesicht gesehen. Ich kannte die Frau als Arbeitstier; ich kannte die Dirne; ich glaubte zu wissen, was eine Luxusdame sei, aber die Heldin und die Gefährtin der Helden, die Opferfrohe, die ihr Blut vergießt für eine Idee, von der wußte ich nichts. Es fiel mir auf, daß das herrliche Geschöpf tastend in den Raum trat. Wir erfuhren, daß sie blind war. Natalie Fedorowna war geblendet worden. Sie hatte einen der tückischen Machthaber und Bedrücker ihres Vaterlands durch einen Revolverschuß getötet. Im Gefängnis hatte man sie mißhandelt, ein betrunkener Offizier hatte sie zu schänden versucht und ihr rasender Widerstand hatte den Unhold so erbittert, daß er sie durch zwei seiner Kreaturen des Augenlichts berauben ließ. Das Verbrechen wurde in der kleinen Gouvermentsstadt ruchbar, eine allgemeine Revolte brach aus, ergebene Freunde befreiten das junge Mädchen, und es gelang, sie über die Grenze zu schaffen. Vor wenigen Stunden war sie in England angekommen, aber die Polizei war ihr auf den Versen, die russische Regierung forderte sie unter der Behauptung zurück, ihre Tat entbehre des politischen Motivs und sei nichts weiter als ein Akt der Eifersucht gewesen. Das alles erfuhr ich nur in Bruchstücken; die Russen waren höchst erregt, und während sie Natalie Fedorowna wie eine Schutzgarde umgaben, zeigten ihre Mienen äußerste Entschlossenheit. Rachotinsky, indem er auf einige verdächtige Gestalten hinwies, gebot ihnen Stillschweigen, jedoch es ereignete sich jetzt etwas sehr Sonderbares. In einem verräucherten Winkel der Taverne saßen zwei Männer, die durch ihr Aussehen und ihre Mienen meine Aufmerksamkeit schon längst erweckt hatten. Ihre Kleidung schien zwar verlumpt, auch in ihrem Gehaben unterschieden sie sich durch nichts von den Elendsgestalten, die man hier zu sehen gewohnt war, aber irgend etwas an ihnen, der Blick vielleicht, oder eine Geste und nicht zuletzt ein edler und geistiger Ausdruck der Züge verkündeten Menschen aus einer fremden Welt. Und so war es auch. Der eine von den beiden Männern begab sich in den Kreis um Natalie Fedorowna und redete Rachotinsky in französischer Sprache an. Ein tiefes Befremden und im Verfolg des Zwiegesprächs eine tiefe Überraschung malten sich im Gesicht des Russen. Er wandte sich an seine Leidensgenossen; diese verhielten sich gegen seine Worte stumm und sahen zur Erde. Natalie Fedorowna faltete die Hände und ließ den Kopf sinken. In diesem Augenblick erschien mir ihre Schönheit so hinreißend, ihr Leiden so über alles Maß erschütternd, daß ich mein Herz aufquellen fühlte, ja das Herz tat mir weh wie ein Geschwür. Ich sprang empor, ich trat an ihre Seite, alle schauten mich an, meine Empfindungen müssen derart gewesen sein, daß sie keinem verborgen bleiben konnten, denn ich bemerkte viel Wohlwollen in den besinnenden Mienen, und Rachotinsky legte den Arm um meine Schultern und sprach so mit dem Fremden weiter. Indessen hatte sich auch der Genosse dieses Unbekannten zu der Gruppe begeben, und als ich den näher ansah, gewahrte ich sofort, daß sein Anzug nur eine Verkleidung war, und daß durch diese Hülle der Armut eine angeborene Vornehmheit und gewisse unverkennbare Allüren des Mannes von Stand nicht verdeckt werden konnten.

Ich will ohne Umschweife berichten, was über diese beiden Männer zu sagen ist, die in meinem Leben eine so wichtige Rolle spielten. Sir Allan Mirmell und sein Freund Trevanion waren Leute von großem Reichtum und aus alten Familien. Beide waren inmitten eines verschwenderischen Luxus aufgewachsen, und ihre Bildung war mehr als weltmännisch, sie war von sublimer Art. Man findet ein so sensitives und zugleich erleuchtetes, so umfassendes und zugleich beflügeltes Wesen des Geistes fast nur bei jungen Engländern von Rang, als ob in dieser Nation, die als Ganzheit so starr, so begrenzt, so voll von Vorurteilen und so bar der Phantasie sich zeigt, die Einzelnen, Erwählten einen umso bewunderungswerteren Schwung nehmen könnten. Allan Mirmell, in der Mitte der Dreißig stehend, war um zwölf Jahre älter als Trevanion. Er war durch das Leben gestürmt mit einer Begier, die nichts verschmähte, nichts verachtete. Er hatte in allen Ausschweifungen geschwelgt, zu denen das Gold, der Wille und die Passion führen. Er hatte verschwendet, Mut verschwendet, Liebe verschwendet, seine Gaben verschwendet. Er hatte alle die Übeltaten begangen, die der Leichtsinn, die Gedanken- und Gewissenlosigkeit, Stolz, Raubgier, Eitelkeit und innere Anarchie zu begehen vermögen. Ihm war kein Glück fremd; auch kein Laster; kein Frieden heilig; Treue hatte er nie gekannt. Im Taumel war er plötzlich müde geworden. Aus der Müdigkeit ward Ekel; ein Ekel, den zu beschreiben ich kaum wage; der das Himmelreich bespie und in der Menschenwelt eine Kloake sah; der natürliche Bande mit Hohn zerriß, ursprüngliche Gefühle mit Kälte leugnete, jede Heiterkeit zersetzte, alles was brennen wollte, in Asche verwandelte, sich abkehrte vom Tag und die Nacht suchte, die Einsamkeit und das Grauen. In dieser Gemütsverfassung hatte er den jungen Trevanion gefunden; unglückselige Fügung, die den Freund am Freund zu vernichten gewillt ist. Trevanion war zart, beinahe ätherisch. Er war der Sohn eines Musikers, seine Mutter war eine Herzogin gewesen. Er hatte in einer dünnen Luft gelebt, ohne Windstoß. Fähig, jede Krankheit aufzunehmen, den Miasmen eine Beute, jeden Inhalt, denn seine Seele war ein leeres Gefäß, das auf den Träger wartete, war er für Mirmell nur der geleitende Schatten und das rührende Echo aller Anklagen und Verdammungen.