»Nein, nein,« entgegnete Agathe, »das verwirrt mich. Wer eine einfache Pflicht erfüllt, hat niemals so feine Auslegungen nötig wie der, der sie mißachtet. Was für Geschöpfe sind doch die Männer! Wahllos in ihren Neigungen, skrupellos in ihren Gelüsten, erfinden sie eine neue Weltordnung, um der Schwäche und dem Laster einen großartigen Namen zu geben, und für ein Mysterium der Natur möchten sie gelten lassen, was nur Überdruß und Lüsternheit ist. Hab' ich nicht denselben Anspruch darauf, mein Leben auszuschöpfen? Bin ich nicht auch aus Fleisch und Blut? Ist bei mir Sünde, was bei ihm Not ist? Was ihm erlaubt ist, soll mir verwehrt sein? Warum? Maßt sich ein Weib dergleichen an, so kehrt ihm jeder Mann und jedes Weib den Rücken. Wie, wenn ich ihm eines Tages sagte: ich habe mich vergessen, nur ein einziges Mal, aber ich habe mich vergessen —? Dann wäre ich die Verräterin, und er, der mich im Tiefsten verraten hat, der Gott, der seine Ehre rächt. Ist das billig?« Sie hob einen Zweig vom Boden auf und riß mit heftigen Gebärden die Blätter herunter.

Achim Ursanner lächelte. »Sie könnten es nicht, auch wenn Sie wollten,« antwortete er, »und damit ist alles gesagt. Eine Ehe ist nur äußerlich ein Vertrag zwischen Gleichberechtigten, in Wahrheit hat sie die ganze Bosheit und Gefährlichkeit der natürlichen Einrichtungen, denen wir durch Widerstand und Kampf nichts von ihrer majestätischen Willkür abdingen können. Überall wo im Kosmos Kräfte verteilt sind, streben sie zur Harmonie, und was wir als sinnliche oder sittliche Gebote in uns spüren, sind nur Zeichen für die Elemente einer höheren und meist sehr grausamen Ordnung. Weib und Mann! Es ist, als ob man zwei Sterne im Raum durch eine Brücke verbinden wollte.«

»Ja, sind wir denn los und ledig und ist jeder nur Werkzeug? Muß man alles was geschieht, erdulden, bloß weil es geschieht?«

»Das Weib ist für die Ehe geboren, der Mann muß zu ihr entschlossen sein; das erklärt vieles, scheint mir.«

»Wohl möglich,« versetzte Agathe entmutigt. »Klüger werde ich mit diesem Lehrsatz nicht. Und wenn er dazu entschlossen ist, gewinn' ich nur, was er mir freiwillig gibt; was er mir vorenthält, darf ich ihm nicht verargen. Er besitzt mich, ich aber bin von seiner Gnade abhängig. Das wollen Sie doch sagen, nicht wahr? Sie fanden mich unversöhnlich gestimmt; und nach alledem klingt das wie Hohn. Kehrt er eines Tages zurück, so sucht er seine Bequemlichkeit bei mir, wie er sie vorher gesucht hat. Er hat mich weggeworfen, er wird mich wieder aufheben. Die Wunde, die er geschlagen hat, wird vernarben, der Mensch ist ein Ungeheuer an Vergeßlichkeit. Das Band, das er zerrissen hat, wird geflickt werden; hat der Magen nur sein Futter und der Kopf ein Dach, so kann man schon miteinander leben. Wagt' ich's, Rechenschaft zu fordern, was soll ich tun, wenn er mir antwortet: wer gibt dir das Recht dazu? In der Tat: wer gibt mir das Recht dazu? Meine Blüte ist dahin, was für Lockmittel hab' ich, was für Drohungen, wie kann ich vergelten? Also, was nennen Sie denn das Unversöhnliche an mir?«

Wieder blieb sie stehen, mitten auf dem Waldweg stand sie, aufrecht und streitbar gleich einer Walküre, und ihr italienischbraunes Gesicht mit den großen Augen machte das abendliche Zwielicht förmlich heller.

Achim Ursanner schaute sie bewundernd an, und jäh schoß ihm der Gedanke durch den Sinn: mit einem solchen Weib an der Seite hätte ich siegen können. Er senkte rasch den Blick und entgegnete: »In Ihnen ist mehr Blühen als Sie ahnen. Grübeln Sie nicht, Frau Agathe, hadern Sie nicht! Seelen wie die Ihre sollen brennen, nicht glimmen. Handeln Sie stets nach Ihrem reinen Gefühl, denn dieses ist die Stimme Ihres Schicksals. Und fragen Sie sich selbst, fragen Sie Ihr Herz fromm und ruhig nach der Zukunft, so werden Sie erfahren, daß in Ihrem eigenen Innern keine Furcht und kein Zweifel ist.«

Agathe lauschte bestürzt; das klang wie ein Abschied und wie ein Vermächtnis. Sie wußte nichts zu erwidern. Schweigend gingen sie das Waldtal hinunter und über die nassen Wiesen gegen den Gutshof. Ursanner hatte Eile; ohne vorher ins Haus zu treten, stieg er in den kleinen Wagen und trieb das alte Pferd heimwärts.


In Randersacker wartete schon seit dem Nachmittag ein Gerichtsbote auf Ursanner. Schlimmes ahnend, riß er dem Mann das Dokument aus den Händen. Es war das Urteil der letzten Instanz, gegen das es keine Berufung gab und lautete, daß Ursanner die beiden Knaben innerhalb dreier Tage von der Stunde der Rechtsgültigkeit des Verdiktes ab der Mutter auszuliefern verpflichtet sei, da er durch eine das öffentliche Ärgernis erregende Haltung als Bürger wie als Mensch seiner Ehegattin den Aufenthalt in seinem Hause unerträglich gemacht, seine Erziehungsprinzipien dem gegründetsten Mißtrauen preisgegeben und somit seine väterlichen Ansprüche verwirkt habe.