Er entließ den Boten mit einem knurrenden Laut. Die Kehle war ihm ausgedörrt, er mußte etwas Scharfes trinken und griff nach einer Flasche Kirschwasser auf dem Spind. Nachdem er die ätzende Flüssigkeit hinabgegossen, stand er wieder unbeweglich und starrte zu Boden. Auf der Landstraße drunten zog ein Haufe von Burschen johlend vorüber. Die eine der drei Doggen, das Weibchen, bellte dumpf. Vom Kirchturm schlug es zehn Uhr.
Als die Glocke die elfte Stunde ankündigte, stand er noch ebenso unbeweglich. Von Zeit zu Zeit heftete er einen finster ungläubigen Blick auf das Gerichtspapier, das auf dem großen Tisch unter der Lampe lag. Plötzlich fing er an wie rasend auf- und abzugehen. »Du Hund,« sprach er zu sich selbst, »was willst du noch dahier? Der Schinder kommt, dein Jappen hilft nichts mehr. Sie drängen dich in die Ecke und geben dir den Genickfang. Geifere nur, das rührt sie nicht, das ergötzt sie bloß, geifere nur, du einfältiges Vieh.«
So wütete er bis gegen drei Uhr nachts. Dann warf er sich bäuchlings auf das gebrechliche, rundgebogene Sofa, preßte die Fäuste in die Augenhöhlen und stürzte sich in den Schlaf wie man sich ins Wasser stürzt. Als er erwachte, war das Zimmer so voll Qualm der Lampe, die geblakt hatte, daß die Strahlen der Morgensonne ihn nicht durchdringen konnten.
Die Brust war ihm eng, er mußte ins Freie. Am Brunnentrog wusch er das Gesicht, dann stürmte er durch die Landschaft, und plötzlich entschloß er sich, in die Stadt zu gehen. Dort angelangt, frühstückte er hastig in einem Kaffeehaus an der Mainbrücke, danach suchte er den Professor Barenius auf, seinen Universitätslehrer, einen der wenigen Menschen, mit denen er noch Beziehungen unterhielt. In gepreßten Worten berichtete er über die letzte Wendung des Prozesses und fragte den greisen Juristen, ob er kein Mittel wisse, den Urteilsvollzug zu verzögern. Barenius verneinte. »Ich werde die Kinder nicht preisgeben,« erklärte Ursanner zähneknirschend. »Dann bleibt nichts andres übrig als mit ihnen zu fliehen, und zwar rasch und ohne Aufsehen,« war die Antwort. Ursanner schüttelte heftig den Kopf. »Fliehen? Das hieße ein Unrecht bekennen. Nimmermehr.« — »Ich sehe nicht ein, was Sie sonst anfangen könnten, um die Kinder zu behalten. Wollen Sie sich etwa gegen den Staat zur Wehr setzen?« — »Man wird mich zwingen,« entgegnete Ursanner wild, »ich weiß es und ich warte darauf.« — »Seien Sie klug, Achim, vertrotzen Sie sich nicht,« mahnte der Professor. — »Um des Himmels willen, begreifen Sie doch, was an mir verübt wird,« sagte Ursanner in einem Flüsterton, der schrecklich klang; »man stellt mir die Welt auf den Kopf, und alles was ich ehedem für heilig, ja nur für respektabel gehalten, erscheint mir als ein Hexentanz der Lüge. Hätte ich etwas Außerordentliches erstrebt, neue Ideale proklamiert oder einen neuen Gott gepredigt, ich wollte mich nicht wundern. Doch ich habe bloß getan, was jeder redliche Mensch von sozialem Gewissen tun müßte. So möge man mir denn zu Leibe gehen! Vielleicht ritzt mich das Schwert der geschändeten Gerechtigkeit, und ich kann mit größerem Fug als bisher Zeuge sein für die Verblendung und die moralische Verworfenheit eines Volkes, das zu lieben ich mir einst eingebildet habe.« Nach diesen Worten drehte sich Ursanner um und verließ das Zimmer.
Der Gedanke, daß man sich während seiner Abwesenheit der Kinder bemächtigt haben könne, peitschte ihn geradezu nach Hause. Schweißbedeckt langte er an und atmete erst auf, als er die Knaben hinter der Scheune spielen sah. Er befahl ihnen, in ihr Zimmer zu gehen, dann rief er seine Leute zusammen. Es befanden sich in seinem Dienst fünf Knechte, darunter der alte Schermer, der die Knaben beaufsichtigte, außerdem drei halbwüchsige Jungen, die er aus dem protestantischen Asyl zu sich genommen, und eine einzige Magd, die die Küche versorgte. Sie war ihm erst in letzter Zeit durch einen Kaufmann in Markt-Erlbach geschickt worden. Sie hatte ein heuchlerisches Wesen, und er mißtraute ihr. Einer der Knechte wollte sie im heimlichen Gespräch mit dem Fischhofbauern, dem bigottesten im ganzen Dorf, gesehen haben. Ursanner schärfte den Leuten ein, daß die Tore bei Tag und Nacht versperrt bleiben müßten, daß ohne seine ausdrückliche Bewilligung niemandem geöffnet werden, daß ebensowenig einer den Hof verlassen dürfe und daß, wer sich aus Angst oder sonstiger Ursache dem nicht fügen wolle, es jetzt gleich sagen möge; dem werde der Lohn ausbezahlt, und er könne von dannen ziehen.
Es meldete sich keiner. Ursanner bestimmte die Wachtposten, die von Stunde zu Stunde abgelöst wurden und ließ die Doggen loskoppeln.
Der Nachmittag, die Nacht und der nächste Morgen verliefen ruhig. Kurz vor zwölf Uhr schlugen die Hunde an. Auf dem Schlangenweg zeigten sich drei Männer, einer mit einem Höcker, einer mit einer großen Hornbrille und ein Gendarm. Durch das Lärmen der Tiere herausgelockt, trat Ursanner an die eichenen Latten des Hoftores. Den mit dem Höcker kannte er, es war der gegnerische Advokat; der mit der Hornbrille mochte ein Gerichtsfunktionär sein. Als die drei Personen oben waren, entwickelte sich zwischen Ursanner und dem Advokaten folgendes Gespräch: »Was wünschen Sie?« — »Ich hoffe, daß Sie von dem Zweck unseres Besuches unterrichtet sind.« — »Das bin ich.« — »Nun also. Wollen Sie uns nicht einlassen?« — »Nein.« — »Was bedeutet das?« — »Es bedeutet, daß ich das Urteil nicht anerkenne.« — »Sind Sie toll?« — »Ich weigere mich, die Kinder herzugeben.« — »Das kann Ihnen teuer zu stehen kommen.« — »Gewiß; ich bezahle die Dinge nach ihrem Wert.« Der Funktionär und der Gendarm rissen vor Erstaunen die Augen auf. In dem häßlichen Gesicht des Advokaten zeigte sich Mitleid. »Es muß Ihnen doch klar sein, daß Sie sich eines Verbrechens schuldig machen,« sagte er; »wenn ich die Anzeige erstatte, sind in einer halben Stunde zwanzig Gendarmen hier, und Sie können sich denken, daß es nicht lange dauern wird bis dem Gesetz, so oder so, Folge geleistet ist. Es läßt sich nichts dagegen einwenden, daß Sie Ihre eigene Person ins Unglück stürzen wollen, aber die armen unwissenden Menschen, deren Brotgeber Sie sind, mutwillig zugrunde zu richten, haben Sie kein Recht. Belieben Sie den Umstand zu überlegen.«
Da schwieg Ursanner. Der Vorwurf traf ihn. Er konnte sich nicht verhehlen, daß er hier eine unaustilgbare Schuld auf sich lud und nicht mehr reinen Herzens vor das Tribunal der Menschheit treten durfte. Seine erste Regung war, die Leute, auf deren Beistand er gezählt, fortzuschicken, denn der tiefere Sinn seiner Absicht war ja bloß, die Übermacht, der er weichen mußte, zu sehen und körperlich zu spüren, damit das Maß der Unbill sich fülle, ohne daß er sich schmählich unterwarf. Wenn sie einen Schuß abfeuerten und die Türen zerschmetterten, war dem genügt; zu sinnlos ungleichem Kampf brauchte es nicht zu kommen. Aber diesem Verlangen nach einer symbolischen Handlung willfahrt die Wirklichkeit nicht; ihre Entscheidungen sind von gröberer Art. Ursanner erbebte vor sich selbst. Noch einmal erhob sich der furchtbare Trotz, und mit Wollust trieb es ihn zum Untergang und zur Vernichtung; doch zugleich war ihm, als sei dazu ein Blick der Liebe nötig, irgendeine Botschaft aus den Wohnungen der Schicksalsgeister, ein pythischer Trost. Es leuchtete in seinen Augen, er schob die Brille in die Höhe, um frei in den Himmel zu schauen, nickte vor sich hin, und während er sich gegen das Haus wandte, bat er den Advokaten, er möge sich eine kleine Weile gedulden.
Er ging in das Zimmer, in dem sich die Knaben befanden. Sie saßen mit eigentümlich verbissenen Gesichtern am Fenster einander gegenüber und ließen ihre Beine pendeln. Ursanner nahm einen Stuhl und setzte sich zu ihnen. »Hört mal, Buben,« sagte er, »eure Mutter schickt nach euch.« Die vier Beine hörten auf zu pendeln, und vier Augen blickten Ursanner gespannt an. »Was meint ihr,« fuhr er scheinbar harmlos fort, »wollt ihr am Ende mit den fremden Männern zu eurer Mutter gehen?« Kein Laut, nur ein gieriges, forschendes Schielen. Das Blut rauschte Ursanner in den Ohren; mit Mühe rang er um die Sprache. »Oder wollt ihr bei mir bleiben? Redet nur frisch von der Leber weg.« Der jüngere Knabe, der den offeneren Charakter besaß, sprang empor, klatschte in die Hände und rief: »Zur Mutter, ach ja, zur Mutter! Das möchten wir, nicht wahr, Friedel?« Friedel lächelte seltsam tückisch, und sein Vater durchschaute in diesem verzweifelten Augenblick die gemütlose, verstockte und unehrliche Seele dieses Kindes. »Ihr wollt also lieber zu eurer Mutter gehen?« fragte er, ohne die Anstrengung zu verraten, die ihn diese Worte kosteten. Jetzt riefen beide Knaben: »Ja, zur Mutter,« erlöst, freudig und wie aus einem Mund.
Ursanner schaute im Zimmer umher. Er suchte den alten Knecht; als er die Tür öffnete, um zu rufen, trat Schermer auf die Schwelle. »Packen Sie die Kleider und die Spielsachen der Buben,« redete ihn Ursanner an, »in einer halben Stunde müssen sie fertig sein.« Darauf kehrte er in den Hof zurück, gebot, daß man die Hunde an die Kette lege und riegelte selbst das Tor auf. Der Advokat und seine Begleiter traten ein. Jener war fein genug, das veränderte Benehmen Ursanners mit einer stummen Verbeugung zu quittieren. Auf der Chaussee hatten sich inzwischen eine Menge Dorfbewohner versammelt, Männer und Weiber, und stierten mit bösen, hämischen Gesichtern empor. Ein alter Bauer hob drohend beide Fäuste und ein kahlköpfiger Mensch, der an Krücken ging, stieß mit krähender Stimme Flüche und Schimpfreden aus. Ursanner sah und hörte es, sah und hörte es auch nicht. Wie von einem elektrischen Schlag berührt, fuhr er zusammen, als ihm Schermer mitteilte, daß die Kinder bereit seien. Sie kamen; sie reichten ihm die Hände; sie stellten sich auf die Zehen, um seine Wange zu küssen; ihre Augen glänzten und ihre Bewegungen waren voll Lebhaftigkeit, — Ursanner sah es und sah es auch nicht. Der Advokat redete etwas, der Funktionär zog den Hut, der Gendarm salutierte, dann waren sie alle verschwunden, Schermer trug zwei Bündel hinterdrein, man sah ihn noch lange auf der Landstraße wanken; der Krüppel unten kreischte hysterisch, das Doggenweibchen fing an zu heulen, aber Achim Ursanner stand wie zu Stein geworden. Den Knechten war er unheimlich. Sie flohen seinen Anblick.