Am andern Morgen wurde ihm hinterbracht, daß es den Bauern gelungen war, die Hunde zu vergiften. Er war abermals die ganze Nacht hindurch auf dem rundgebogenen Sofa liegen geblieben. Eine Flasche Wasser, Wurst, Käse, Brot und Früchte standen neben ihm auf einem Stuhl. In der getünchten Stubendecke hatten die Sprünge und Risse auffallend interessante Figuren gebildet. Er mußte sie beständig anstarren. Er wußte nicht, wieviel Zeit vergangen war, als in einer Nacht eine Weiberstimme durch das Haus gellte: »Es brennt, Herr, es brennt!« Die Magd war es, die Ursanner weckte. Die beiden Scheunen und das Waschhaus waren bereits von den Flammen ergriffen. Als Ursanner ins Freie trat, loderte auch das Dach des Wohngebäudes wie Reisig. Die Landschaft lag weithin in roter Glut. Die Kirchenglocken läuteten, das Dorf erwachte und geriet in Eifer, die Knechte hatten sich schon ans Löschen gemacht, vermochten aber dem Element nicht Einhalt zu tun; auch war zu wenig Wasser vorhanden. Die Magd, die, merkwürdig genug, ihr Sonntagskleid am Leibe hatte, kniete vor dem Zaun und betete. Gegen Morgen rückten die Löschmannschaften aus Würzburg an; die Flammen züngelten aber nur noch in vier Ruinen.
Ursanner begab sich in die Stadt und mietete sich in einem Gasthaus in der Nähe des Domes ein. In dem schmutzigen kleinen Zimmer schrieb er folgenden Brief an Agathe.
»Es ist alles vorüber. Ihnen die Vorgänge in ihrer Reihe zu berichten, dazu fehlt es mir an Mut, an Klarheit und an Worten. Die Kinder sind weg, Haus und Hof sind eingeäschert, ich selbst bin auf dem Weg nach Frankreich. Ich lasse in der Heimat nichts zurück, was mir die Trennung erschwert. Ich lösche das Gedächtnis an ein Land aus, das meine Kräfte gemordet, meine Fähigkeiten erstickt, meine Hingebung mit Verachtung bezahlt und meinem Gemüt die unheilbare Krankheit des Menschenhasses eingeimpft hat. Ich gehe nach Frankreich, um dort in den Kriegsdienst zu treten. Die Franzosen schlagen sich fortwährend in Mexiko, in Algier und in Asien. Der Marschall Montauban, bekannt oder berüchtigt durch seine Expedition in China, weiß von mir, denn er war ein Jugendfreund meiner Mutter. Leben Sie wohl, teure Frau. Ihr Bild raubt meinen letzten Erlebnissen etwas von ihrer würgenden Schmach. Schenken Sie dem armen Flüchtling bisweilen einen freundlichen Gedanken. Achim Ursanner.«
Agathe hatte die Nachricht von dem Brand in Randersacker durch die Würzburger Botenfrau erhalten, die zweimal wöchentlich nach Erfft kam. Die Zeitung brachte nur eine flüchtige Notiz. Es wurde allgemein angenommen, daß das Feuer gelegt worden sei, und nun erhoben sich Stimmen der Bevölkerung, die für Ursanner Partei ergriffen und dem Kesseltreiben gegen den unglücklichen Mann steuern wollten. Eben hatte sich Agathe entschlossen, zu Ursanner zu fahren, als sie seinen Brief bekam. Während des Lesens konnte sie sich der Tränen nicht erwehren. Da der Umschlag den Würzburger Poststempel trug, drängte es sie in die Stadt, aber bei weiterem Bedenken sah sie das Fruchtlose eines solchen Schrittes ein, da sie nicht wußte, wo er wohnte und er wahrscheinlich schon abgereist war. Im Lauf der Tage begrub sie ihre mitfühlende Trauer still in ihrer Brust, und eigene Not brachte die des Freundes in Vergessenheit.
Daran war vor allem Silvia schuld. Das Kind verlor seinen Frohsinn nach und nach gänzlich. Es liebte seine ehemaligen Spiele nicht mehr, nur selten hörte man sein unbefangenes Geplauder, und das immer blasser werdende Gesichtchen gab der Mutter Anlaß zur Sorge. Am meisten betrübte es Agathe, daß das Mädchen immer jäh die Augen senkte, wenn es ihrer ansichtig wurde, und Agathe gewann allmählich den Eindruck, daß ein bestimmter Argwohn in dem Kind wuchere. Mit Schrecken nahm sie wahr, daß Silvia ihr kein Vertrauen mehr entgegenbrachte, und um so beklommener war ihre Lage, als sie es bei sich für unmöglich erklärte, dem achtjährigen Geschöpf triftige und verständliche Aufschlüsse zu geben. Sie ahnte ja, was das forschende und gequälte Wesen Silvias zu bedeuten hatte, und obwohl sie sich sagte, daß dieser unentwickelten Seele die volle Empfindungskraft und der entschiedene Wille eines erwachsenen Weibes eigen sei, verbot ihr der verwunderte Hochmut und jene Scham, welche gewisse Mütter bei frühen Persönlichkeitsäußerungen ihrer Kinder spüren, dem armen kleinen Herzen in seiner Bedrängnis beizustehen.
Oft trat sie am Abend an das Bett Silvias, wenn diese mit offenen Augen dalag und in die Dunkelheit schaute. Einmal glaubte sie das Kind im Schlaf, da beugte sie sich und küßte es auf die Stirn. In demselben Augenblick bemerkte sie, wie Silvias beide Hände sich zu Fäusten zusammenkrampften und die zuckenden Wimpern verrieten, daß der Schlaf geheuchelt war. Agathe empfand einen heftigen Schmerz; Zentnerlast wälzte sich auf ihre Brust, und still ging sie hinaus. Eines Tages im Juli geschah es, daß ein Hagelwetter das Getreide auf den Feldern und den Wein an den Stöcken niederschlug. Die Erntehoffnungen für dieses Jahr waren vernichtet. Agathe saß im großen Wohnzimmer, den Kopf in beide Hände gestützt, und Inspektor Marquardt stand neben ihr, verlegen, finster und schweigsam. Währenddem ging die Türe auf und Silvia kam herein. Sie stellte sich zwischen den Inspektor und ihre Mutter und sah diese an, und Agathe wurde aufmerksam auf Blick und Miene des Kindes. Es war der große, kalte Blick befriedigter Rache, die grausame Miene der Genugtuung. Unwillkürlich erhob sich Agathe. »Was willst du?« herrschte sie das Kind an, »geh! Geh mir aus den Augen.« Ein Zittern überflog Silvias Glieder, und sie gehorchte. Der Inspektor schaute ihr mitleidig nach, weil er dachte, ihr sei unrecht geschehen.
Einige Wochen später war es, als Agathe den Brief Sylvesters erhielt, den er in dem kleinen Wirtshaus in Twickenham geschrieben. Mit unendlicher Bitterkeit las sie die Sätze, die ihr allzu verstiegen und allzu demütig erschienen, um ihr Gefühl aufzurühren. Doch wußte sie sogleich, was für eine Bewandtnis es mit dem Brief hatte, und daß er von verhängnisvollen Banden umstrickt sein mußte, um so vor ihr zu betteln. Sie hatte sich längst abgefunden mit ihrem Los, doch die mahnende Stunde, das unerbittlich Gegenwärtige des Bruchs und der Zerstörung wirkte auf sie, als ob man ihr die Haut vom Leibe risse. Silvia saß draußen auf einem hochbeladenen Heuwagen; sie hatte den Briefträger gesehen und konnte durch die offnen Fenster in die Stube blicken. Nun kletterte sie vom Wagen herunter und eilte ins Haus. Zögernd trat sie ein, richtete aber die Augen furchtlos gegen Agathe und fragte: »Was schreibt denn der Vater?« Agathe war betroffen von der Divination wie auch von der verstellten Ruhe in der Stimme des Kindes. Es war das erstemal, daß sich Silvia durch eine unmittelbare Frage nach ihrem Vater erkundigte, aber der mißtrauische und heimlich gereizte Ton erzürnte Agathe, und sie antwortete: »Deinem Vater geht es gut. Was dich betrifft, so nimm dich in acht, Kind, daß du mir nicht durch Dünkel und Vorwitz verhaßt wirst. Nicht was du sprichst, sondern wie du dich gibst, ist über deine Jahre und steht dir nicht an. Wenn du älter und klüger bist, wirst du einsehen, daß man mit einem so kleinen Mädchen nicht über die ernsten Dinge sprechen kann, die Vater und Mutter beschäftigen.«
Silvia lächelte. Es war ein sehr besonderes Lächeln, das ungefähr zu sagen schien: »Du weichst mir aus und du willst mich täuschen, aber ich frage ja nur, um zu ergründen, ob du mich täuschen willst.« Nicht Dünkel und Vorwitz lag in dem Lächeln, sondern eine gleichsam in Träumen gewonnene Erfahrung. Von diesem Tage an wünschte Silvia, daß sie sterben möge, denn nun wähnte sie die Gewißheit erlangt zu haben, daß der Vater niemals zur Mutter zurückkehren werde. Warum es so war und so sein mußte, begriff sie nicht; daß es so war, überhauchte ihr Wesen mit einer Schwermut, die aus der abgöttischen Liebe zum Vater stammte. Sie entbehrte ihn; sie verdorrte ohne ihn wie eine Blume ohne Regen. Sein Tod hätte sie vielleicht härter getroffen, doch hat der Tod für die Phantasie eines Kindes eine abschließende und verklärende Macht. Sie wußte, daß er lebte, irgendwo draußen in der Welt lebte und die Tatsache seines plötzlichen Verschwindens, seiner Abwesenheit, seines Fernbleibens erfüllte sie mit um so größerer Bangigkeit und Sehnsucht, als sie in sich selber die Ursache davon erblickte.
Sie bildete sich nämlich ein, daß er nur deshalb fortgegangen war, weil er sie nicht mehr hatte leiden mögen, weil er Unarten an ihr entdeckt und sie häßlich gefunden hatte und eine andere, bessere, schönere Silvia haben wollte. Sie entsann sich, wie oft sie ihn geärgert hatte durch Grimassenschneiden, Lärmen auf der Treppe, Naschhaftigkeit und Ungehorsam; sie konnte sich dies nicht verzeihen, nie, solange sie lebte, würde sie sich's verzeihen können. Nur um unter dem Gewicht der eigenen Schlechtigkeit nicht erdrückt zu werden, verfolgte sie das Tun und Treiben der Mutter mit tadelsüchtigen Augen, war fast glücklich, wenn sie einen Fehler, eine Schwäche an ihr beobachtete, und mit derselben wunderlichen Unbarmherzigkeit stand sie den Dienstleuten gegenüber und allem Mißgeschick, das dem Hause zustieß.