Bisweilen erwachte sie in der Nacht, und ihr war, als habe sie den Vater lachen gehört. Dann vermochte sie sich seine Züge so eindringlich vorzustellen, daß sie seine beim Lachen blitzenden Zähne sah und seine Augen, deren spottlustiger Glanz sie oft ergötzt hatte. Am meisten hatte sie ihn bewundert, wenn er ritt, und sie kannte kein größeres Vergnügen, als in einer dunklen Ecke zu kauern und sich zu erinnern, wie prächtig er auf dem Pferde gesessen war, und wie die Leute auf den Feldern sich von ihrer Arbeit aufgerichtet hatten, um ihm lange nachzuschauen.

Es verging kein Tag, ohne daß sie der Gefahren dachte, die ihn draußen in der unbekannten Welt bedrohten. Wilde Tiere konnten ihn überfallen; er konnte von einer Eisenbahnlokomotive ergriffen und von den Rädern zermalmt werden; er konnte in ein tiefes Wasser stürzen, sich in einem Wald verirren, in die Hände von Räubern geraten; er konnte einen Feind haben, der in einer finstern Gasse hinter ihm herschlich, um ihn zu erstechen; er konnte krank werden und kein Mensch war da, der ihn pflegte. Jede solche Möglichkeit malte sie sich aus, bis ihre Kraft zu denken vor Mitgefühl und Kummer erlosch.

Ihr dünkte, daß es gut und mutig wäre, hinauszuziehen und ihn zu suchen. Sie war davon überzeugt, daß sie ihn finden würde. Den ganzen Sommer über spielte sie mit diesem Plan, und schon mehrmals hatte sie sich aufgemacht und war ein Stück Wegs über die Chaussee marschiert, um dann furchtsam wieder umzukehren. An einem Tag im Oktober war sie weiter gelangt als vordem, da hörte sie lautes Rufen und stehenbleibend sah sie die dicke Österlein auf sich zurennen. Unter Schelten und Küssen schleppte sie den entflohenen Liebling zurück, und erst als Silvia versprach, einen derartigen Frevel nicht mehr zu begehen, gelobte sie, gegen die Mutter zu schweigen. Auf Silvia hatte das Versprechen keine andere Wirkung, als daß sie sich vornahm, beim nächstenmal pfiffiger zu sein. Ein paar Wochen lang wurde sie freilich von Frau Österlein mit Argusaugen bewacht, und Silvia grämte sich, daß die Tage immer kürzer wurden und das Wetter immer schlechter.

Es war an einem Morgen, als Agathe wegen der fälligen Zinsen der von Sylvester in Paris aufgenommenen Anleihe nach Eggenberg zu fahren beschlossen hatte. Sie wußte nicht, wie sie das Geld auftreiben sollte und sah sich gezwungen, Hilfe oder wenigstens Rat vom Major zu erbitten. Silvia schlief noch, als sie ging. Zufällig berührte sie die Stirn des Kindes und sagte zur Österlein, die Stirn scheine ihr heiß, die Frau möge acht geben und Silvia im Zimmer halten. Silvia erhob sich mit einem Frösteln aus ihrem Bette und ließ sich von der Pflegerin ankleiden, was seit Monaten nicht mehr vorgekommen war, denn sie war in solchen Dingen sehr selbständig. Darauf ging Frau Österlein ins Bügelzimmer und dachte, das Mädchen werde wohl bei seinen Schreibheften sitzen bleiben. War es nun der fieberische Zustand oder das erwünschte Alleinsein oder die zu undämmbarem Drängen gewordene Sehnsucht, genug, Silvia verließ auf einmal die Stube und das Haus, schritt, ohne gesehen zu werden, über den Parkweg an der Orangerie vorbei und durch eine kleine Gartenpforte gegen den mehrere hundert Meter weit entfernten Wald. Sie hatte weder den Mantel angezogen, noch ihre Mütze aufgesetzt, aber sie spürte den rieselnden Regen nicht und ging erst langsamer, als sie unter den Bäumen war. Wie ist das nur, überlegte sie, es geht immer weiter, da vorn geht es immer weiter, da hinten geht es immer weiter und in den Himmel hinauf geht es immer weiter: es ist komisch und langweilig. Die neblige Dunkelheit im Forst erschreckte sie, und bald fühlte sie sich äußerst müde. Sie mußte beständig zu Boden schauen; so oft sie den Blick erhob, drehte sich alles im Kreise um sie. Die Stille tat ihr weh, aber wenn das dürre Laub unter ihren Füßen raschelte, wollte ihr Herz vor Angst brechen. Zuweilen bog sich der Weg nach links oder nach rechts, dann glaubte sie, der Vater komme ihr entgegen, und sie beschleunigte ihren Schritt. Allmählich wurden jedoch die Beine gar zu schwer; und wie kalt es plötzlich war; es schüttelte sie durch und durch. Sie setzte sich auf einen Wurzelstrunk und schluchzte leise in sich hinein. Schließlich fiel sie auf die Seite und verlor die Besinnung.

Gegen Mittag kam ein Holzfäller vorüber. Erstaunt betrachtete er das bleiche, überirdisch schöne Gesicht des anscheinend schlummernden Kindes, warf seine Last zur Erde, hob das Mädchen aus dem nassen Moos und trug es über eine Stunde Wegs nach Erfft zurück, wo alles in größter Sorge und Bestürzung war. Frau Österlein, der Inspektor, der Gärtner, der Stallbursche und zwei Mägde hatten die Gegend schon nach jeder Himmelsrichtung durchstreift, nur an den Wald hatte keiner gedacht. Frau Österlein war stumm erschüttert, als sie das Kind aus den Armen des Bringers nahm. Sie trug die bewußtlose Silvia in deren Zimmer, riß ihr die Kleider vom Leib und brachte sie zu Bett. Zwei Stunden später begann die Kranke zu delirieren. Am Abend, noch ehe Agathe eingetroffen war, kam der Arzt, und als er ging, sagte er zu Frau Marquardt, die ihn in den Flur begleitete: »Ich fürchte, das Kind wird den morgigen Tag nicht mehr erleben.«


Während seiner dreitägigen Reise hatte sich Sylvester keine Rast gegönnt; jetzt unmittelbar vor dem Ziel, wäre er am liebsten wieder umgekehrt. Unter dem Vorwand, seinen Koffer erwarten zu müssen, blieb er in Würzburg. Die Frage, ob er seine Ankunft in Erfft melden oder überraschend in sein Haus treten solle, verursachte ihm eine ungebührliche Pein der Überlegung. Wenn er an die ersten Augenblicke des Wiedersehens mit Agathe dachte, entsank ihm aller Mut und er wünschte Agathe auf irgendeine Weise entfernen zu können, um Silvia für sich zu haben. Die ganze Kleinlichkeit und Engigkeit des bürgerlichen Daseins gähnte ihm wieder entgegen, die Geldsorgen, die geistlosen Geschäfte, das Übelwollen beflissener Verwandten, und alles, was in dem Verhältnis zu Agathe zum Austrag gelangen sollte. Er nahm sich vor, vierzehn Tage in Erfft zu bleiben. Bis dahin mußte die Entscheidung gefallen und der Weg in die Zukunft offen sein. Von der Seite Agathes auf einen Widerstand gefaßt, den er bei ihrer edlen und herben Natur als schwer bekämpfbar schon jetzt empfand, hatte er doch die Gründe gesammelt, die sie zur Nachgiebigkeit bewegen mußten, und so beredt, so mild und so bezwingend war er nie gewesen wie in den einsamen Stunden, in denen er sich die Gespräche mit Agathe zurechtlegte. Nach solchen stillen Exerzitien überkam ihn immer eine hoffnungsselige Laune.

Er wohnte nicht in dem Hotel, dessen Bedienstete vor einem Jahr Zeugen des Auftritts mit der schönen Rahel gewesen waren. Am dritten Morgen trieb es ihn nach dem Gäßchen, in welchem der Laden des Händlers war. Türe und Auslagefenster waren mit Rollbalken versperrt und das ganze Haus machte den Eindruck, als ob es verlassen sei. Indes Sylvester sinnend davor stand, gewahrte ihn der Portier des Gasthofs, erkannte ihn, trat mit einem halb vertraulichen, halb respektvollen Grinsen heran und erzählte, daß seit jenem Tage, der Herr Baron wisse schon, seit welchem, der Alte seine Butike nicht mehr geöffnet habe. Seine Tochter habe den Verstand verloren, sie tue nichts anderes als am Fenster sitzen und stumpfsinnig vor sich hinstarren. Sie habe bloß eine einzige Liebhaberei, man könne es ruhig eine Tollheit nennen: jede Woche einmal gebe ihr der Vater eine Uhr, eine richtige Taschenuhr, die zerstöre sie dann, ziehe die Feder und die Schräubchen heraus und sei glücklich, wenn alle Bestandteile Stück für Stück vor ihr lägen. Der Alte habe mehrere Uhren, die er dann immer wieder zusammensetzen lasse, um der Tochter von neuem eine Freude zu bereiten, denn die Uhr müsse ticken; wenn sie nicht ticke, lasse das Mädchen sie unberührt. »Finden Sie nicht, Herr Baron, daß das eine lustige Art von Verrücktheit ist?« schloß der joviale Mann seinen Bericht.

Sylvester antwortete nicht und ging weiter. In seinem Quartier angelangt, forderte er seine Rechnung und bestellte für den Nachmittag einen Wagen. Sodann verabschiedete er den getreuen Adam, der mit der Post nach Dudsloch fahren sollte. Adam Hund war aufgeregt wie ein Bräutigam am Hochzeitsmorgen und sah aus wie ein lebendiger Beweis für die Hinfälligkeit aller Theorien. Er hatte seinem Weib ein silbernes Armband, einen buntgesprenkelten Schal, ein Paar Filzschuhe und ein halbes Dutzend roter Strümpfe gekauft, und mit diesen Gegenständen in seinem Rucksack dünkte er sich gegen alle künftigen Unbilden an seinem ehelichen Himmel gefeit. Sylvester zahlte ihm den vereinbarten Lohn und schenkte ihm außerdem noch zwanzig Taler.

Um drei Uhr rumpelte die plumpe Kutsche, die ihn nach Erfft bringen sollte, über das holprige Pflaster der Stadt. Plötzlich ergriff ihn eine sonderbare Ungeduld. Auf der kotigen Straße ging es so langsam vorwärts, daß er einigemal ausstieg und mit raschen Schritten weitereilte. Es dämmerte bereits, als er die Häuser von Erfft sah. An der Landstraße befand sich eine kleine Schenke; er befahl dem Kutscher, hierzubleiben und erst in einer halben Stunde nachzufahren, dann schlug er in der beginnenden Dunkelheit einen wohlbekannten Fußpfad ein.