Der Platz vor dem Haus lag öde. In den Stuben brannte noch kein Licht, auch im Flur war es noch finster. Er stieg die Treppe empor; kein Mensch war zu sehen, kein Laut zu hören. Am Ende des Gangs war Silvias Zimmer. Der Lichtschein im Schlüsselloch glich einem Stern. Da trat aus einer Tür zur Linken eine in der Dunkelheit nur umrissene Gestalt. Sylvester blieb stehen. »Bist du es, Agathe?« fragte er leise. Agathe stieß einen Schrei aus und klammerte sich an den Pfosten, als ob sie fliehen wollte und ihr der Weg abgeschnitten wäre. Die Tür von Silvias Zimmer wurde geöffnet und auf der Schwelle erschien Frau Österlein mit warnend erhobenem Finger. Ihr zum Flüstern schon bewegter Mund erstarrte, als sie Sylvesters ansichtig wurde. In dem breit auf den Flur fließenden Lampenlicht konnten Sylvester und Agathe einander in die Augen sehen.

Er reichte ihr die Hand. Stumm und kalt lag ihre Hand in seiner. »Wie geht es dir, Agathe?« Sie antwortete nicht. Matt deutete sie gegen Silvias Zimmer. Sylvester griff sich an die Stirn; fünf Schritte, und er stand vor dem beleuchteten Gemach. Frau Österlein wollte ihm den Eintritt verwehren, er schleuderte sie beiseite. Agathe folgte mit einem dumpfen Lächeln. Als Sylvester vor Silvias Bett auf die Knie gestürzt war und verzweifelt in die vom Fieber aufgeschwemmten Züge des Kindes schaute, als er die lieben, sinnlosen Worte, das erbarmungswürdige Röcheln vernahm, dem gebrochenen, heißen, suchenden, nicht erkennenden Blick begegnete, krampfte er die Hände in das Linnen und fühlte selbst den Tod, der diese Seele seiner Seele bedrohte. Eine Klage, ein Bekenntnis, ein Gelübde, ein irres Gebet, eine Forderung an Gott, ein zerknirschtes Hinsinken, Vermessenheit, die ein Schicksal leugnet, während es sich vollzieht, wie nichtig und niedrig empfand er es selbst, wie glich es dem Zappeln eines Tieres, das zertreten wird!

Agathe legte ihm die Hand auf die Schulter. Er verstand sie, erhob sich und ging hinter ihr aus dem Zimmer. Im Flur sagte sie: »Letzte Nacht glaubten wir schon, es sei aus mit ihr, da begann sie plötzlich zu schlummern. Heute mittag ist das Fieber mit doppelter Gewalt zurückgekehrt. Vorhin war der Doktor hier. Läßt das Fieber in einer Stunde nicht nach, so ist sie verloren.«

Der Inspektor und seine Frau hatten von Sylvesters Ankunft gehört. Sie kamen die Treppe herauf und begrüßten ihn.

Anderthalb Stunden lang saß Sylvester in seinem Zimmer. Um acht Uhr trat Agathe herein und sagte: »Sie schläft.« Sylvester war es, als löse sich ein um seinen Hals geschlungener Strick. Agathe sank in einen Sessel und bedeckte das Gesicht mit den Händen. »Ich bin müde,« flüsterte sie nach einer Weile, »ich habe seit vorgestern kein Auge zugetan. Auch du wirst müde sein. Gute Nacht.«

In seinem ganzen Leben hatte sich Sylvester nicht so allein gefühlt wie an diesem Abend in seinem eigenen Haus.


Das menschliche Dasein setzt sich aus Tagen zusammen, die Tage haben ihre Zeiten, jede der Zeiten hat ihr Erfordernis, Schlaf die eine, Arbeit die andere, Sättigung die dritte, und wer schlafen will, dem muß das Bett gerichtet werden, und wer essen will, dem muß Speise gekocht werden, und wenn nun zwei Menschen unter demselben Dach hausen, sind sie durch kleinliche Bedürfnisse aufeinander angewiesen, und meiden sie sich auch, so sind sie durch die Dinge gebunden; die Sorge des einen lastet auf dem Genuß des andern, das Böse, das zwischen ihnen liegt, wird zerstückt, das Gute, das sie suchen, in unerwartete Bahnen gelenkt, entschiedenes Gefühl bleibt nicht bestehen, der Blick verrät die Absicht, das Wort verdunkelt sie, körperliche Nähe gibt der Atmosphäre eine Beschaffenheit, welche Einfluß auf die Gedanken und Entschlüsse nimmt, und was mutig geplant war, endet in Zweifel und feigem Aufschieben.

Sylvester erfuhr dies. Er war gekommen, um ein Band zu zerreißen; nun umschlang dieses Band in hundert und aberhundert Windungen seine Glieder, und jeder Versuch, sich der Fesseln zu entledigen, erzeugte eine Wunde. Als Silvia wieder ihre Besinnung erlangt hatte und er an ihr Lager treten durfte, nachdem sie vorbereitet worden war, als das Kind ihn wie außer sich umhalste und dabei lachte und weinte und immer wieder sehen und greifen wollte, ob er es denn wirklich sei, wissen wollte, ob er sie noch lieb habe, ob er zu Hause bleibe und vieles sonst, was sie nur stammeln und schluchzen konnte, als ihre Händchen sich stets von neuem nach ihm ausstreckten, sobald er, um ihren Zustand zu schonen, Miene machte, sich zu entfernen, da begann er die Kette und die Wunden, die sie schürfte, zu spüren, und ratlos fragte er sich, was nun geschehen solle.

Kurz darauf kam Agathe in sein Zimmer. »Ich bitte dich nur um eines, Sylvester,« sagte sie; »das Kind darf vorläufig nicht ahnen, wie es um uns steht. Ich will auch nicht, daß zwischen uns etwas besprochen wird, ehe Silvia ganz gesund ist. Wenn wir bei ihr sind, es läßt sich nicht vermeiden, daß wir manchmal alle beide bei ihr sind, müssen wir uns sorgfältig hüten, ihren Verdacht zu erregen. Es würde sie vielleicht töten.« Nach diesen Worten entfernte sich Agathe wieder. Sylvester fragte sich verwundert: »Was meint sie? Was weiß sie? Will sie mir zu verstehen geben, daß sie es aufs Äußerste ankommen lassen wird und will sie mich mürbe machen durch Ungewißheit?«