»Du hast mir geschrieben, es sei dir unmöglich, im Bösen von mir zu scheiden. Du legst Wert darauf, daß wir Freunde bleiben. Was soll ich dazu sagen? Ich finde, daß du einen Luxus treibst, der etwas Imponierendes hat. Es genügt dir nicht, für die Befriedigung einer Laune den höchsten Preis zu zahlen, der bezahlt werden kann, du forderst auch, daß diejenige, die hauptsächlich die Kosten zu tragen hat, versichert, es sei nur eine Kleinigkeit, und man sei entzückt. Bin ich wie eine Kuh, die man melkt und auf die Weide treibt und wieder melkt und so fort, bis ans selige Ende?«

Sylvester verfärbte sich. »Jedes Wort, Agathe,« erwiderte er gepreßt, »jedes Wort ist Mißverständnis und Entstellung. Ich befriedige nicht eine Laune, ich habe das Unglück gehabt, eine Katastrophe zu erleben; ich wage kaum, darüber zu sprechen. Meine Stimme versündigt sich an meinem Gefühl. Ich habe nichts zu beichten. Ich liebte ein wundersames Menschenwesen; ich liebte und wurde geliebt. Es war Verkettung von Anfang der Welt her. Hättest du mich in einen steinernen Sarg gemauert, ich hätte ihn zerbrochen und sie gefunden. Ich fand sie, und als ich sie gefunden hatte, verlor ich sie. Ich konnte dich nicht vergessen, Agathe. Wir beide konnten dich nicht vergessen. Was zwischen ihr und mir vorgefallen ist, dürfte ich meiner Tochter erzählen. Du warst so gegenwärtig, wie du es jetzt nicht einmal bist, so mächtig, daß ich vor dir zitterte und wenn wir beieinandersaßen, dachten wir an dich, und unsere Liebe wurde zum Raub an dir. An einem solchen Tag ging sie, und ich habe sie nicht wieder gesehen.«

Agathe senkte den Blick und antwortete lange nicht. »Ich wußte es,« sagte sie endlich wie zu sich selbst, »es ist so, es ist genau wie du es schilderst. Aber was war vorher, Sylvester, ehe du zu ihr kamst? Vorher hast du doch mich und dich, und dein Kind und auch sie, die Geahnte, an alles Niedrigste der Welt verraten? Hab' ich unrecht?«

Sylvester zuckte zusammen. »Ja, es war so,« gestand er zögernd, »ich will es nicht leugnen. Aber wozu die dunklen Labyrinthe aufdecken, in denen die Tiernatur ihre Feste feiert? Ich verteidige mich nicht, Agathe. Wenn du mich anklagst, hast du mich schon gerichtet.«

»Ach, Sylvester, Mann, Mensch,« rief Agathe bewegt, »das wollte mich alles nicht so kränken, wenn du nur offen gewesen wärest, nicht so schief, so verhehlt. Hatte ich mir nicht wenigstens deine Offenheit verdient?«

»Es war nicht Unoffenheit, Agathe. Ich wollte dich nicht hinunterziehen in die — Labyrinthe. Und dann, du warst mir plötzlich so fremd geworden als Weib und zu vertraut als Mensch. Ich war in Gefahr, dich auf andere Weise zu verlieren, wenn ich nicht die Flucht ergriffen hätte. Was man auch Tiefsinniges über die Ehe sagen mag, zuletzt ist sie eine Angelegenheit der Nerven. Das Beste was sie sein kann, ist eine schicksalsvolle Freundschaft zwischen Menschen, die einander nicht stören. Wer mehr von ihr erwartet, belügt sich und wird grausam enttäuscht.«

»Die bunten Gläser, durch die ich einst unser Leben betrachtet habe, sind mir schon lange aus der Hand geschlagen worden,« sagte Agathe bitter.

»Das Unheil der Ehe besteht darin, daß sie vieles zur Pflicht macht, was freie Gabe sein soll,« erwiderte Sylvester. »Wird dadurch nicht jede Gabe verdächtigt, jede Pflicht in Fron verwandelt? Der Anspruch auf Beständigkeit erzeugt Abtrünnigkeit, der Anspruch auf Treue Untreue. Sie legt dem stolzen Mann Fallen, die ihn erniedrigen, und wie soll er aufrichtig sein, wenn er fürchten muß, daß Aufrichtigkeit ein Verhältnis zerstört, das ihm trotz alledem unentbehrlich ist? Denn hier ist etwas Mysteriöses, wovor meine ganze Weisheit verstummt,« fuhr er grüblerisch fort; »ich hatte geglaubt, ich sei nur deshalb zurückgekommen, um mit deiner Einwilligung von dir wegzugehen. Ich kann aber nicht von dir weg, Agathe. Das ist es eigentlich, was ich dir sagen wollte.«

In Agathes Gesicht zeigte sich eine kaum merkbare Erhellung, als ob ein feiner Schleier abgerissen würde. »Wie kannst du denn bei mir bleiben mit der andern im Herzen?« entgegnete sie. »Sie würde dir immer engelhafter und ich immer unzulänglicher erscheinen. Eine solche Rivalität zu ertragen, ist keine Frau fähig. Ich denke, du bist jetzt nicht stark und ehrlich, sondern schwach und gutmütig. So schön eine Brücke ist, so schauderhaft sind mir Notbrücken, besonders wenn sie über stürmisches Wasser führen. Nein, nein, Sylvester, geh du nur hinüber ans andere Ufer; ich bleibe hier, wir wohnen ja doch nicht mehr im selben Land.« Sie zog ihr Taschentuch, um es an die feuchten Augen zu bringen, besann sich aber in einer Regung des Trotzes und drückte es auf den Mund.

»Dann habe ich mich allerdings furchtbar geirrt,« sagte Sylvester. Von allem, was ihm hätte widerfahren können, war ihm das standhafte Sträuben Agathes, das er anfangs dem Gefühl verletzter Würde zugeschrieben, das Unerwartetste. Daß sie ihn liebte, ihn allein, bedingungslos und ohne die Denkbarkeit eines Aufhörens, daran hatte er nicht im mindesten gezweifelt. Ihre Liebe war ihm so selbstverständlich gewesen wie die Luft, die er atmete; er hatte niemals die Möglichkeit erwogen, daß dieser Schatz an Liebe, den er in seltsam gleichgültiger Gewißheit für unerschöpflich gehalten, vergeudet werden könne; wie ein gesunder Körper seine inneren Organe nicht spürt, so hatte er die Kraft und Ausdauer dieser Liebe als etwas Gesetzmäßiges und ein für allemal Geregeltes hingenommen. Die Einsicht, daß dem nicht so war, weckte ihn förmlich auf; er begann anders zu sehen und zu hören; plötzlich erblickte er in Agathe ein Weib, das sich ihm versagte. »Was soll nun werden?« fragte er stockend, »willst du es nicht mehr mit mir versuchen?«