Mit Hilfe eines mäßig zu verzinsenden Darlehens, das der Major gab, und der Summe von zwanzigtausend Talern, die der westfälische Onkel vorstreckte, brachte Sylvester seine zerrütteten Finanzen einstweilen in Ordnung. Er hatte mancherlei Pläne im Kopf, wollte eine Winzerschule gründen, Dudsloch in eine Zuchtanstalt für Mustervieh umwandeln, studierte die Fachzeitschriften wegen Ankaufs neuer landwirtschaftlicher Maschinen und beschäftigte sich nebenbei wieder mit seiner Liebhaberei für die Gartenkunst. Er war sechs bis acht Stunden während des Tags im Freien, und sein Trachten war, am Abend so müde zu sein, daß er nicht mehr denken konnte.
Wie vor der Unterredung in Dudsloch sah er Agathe nur bei den Mahlzeiten. Sie war freundlich, oft sogar gütig, er hingegen wortkarg und unstet. Wenn Agathe vom Tisch aufstand, blickte er ihr bisweilen wunderlich bittend nach. Es kam vor, daß sie allein in den Wald spazieren ging; beunruhigt folgte er ihr von weitem, versteckte sich hinter Buschwerk, wenn sie umkehrte und war erst zufrieden, wenn er sie wieder in der Nähe der bewohnten Stätten wußte. Einmal blieb sie auf einer Lichtung stehen, schaute zurück und sah ihn, der eben in die Lichtung hinaustrat. Sie wartete, bis er herangekommen war und fragte, ob er zufällig denselben Weg gegangen sei. Er bejahte.
Es war Ende Februar, einer jener milden und tückischen Tage, an denen die ganze Natur um den Frühling zu ringen scheint. Da war es Sylvester, als müsse er von Gabriele sprechen, und er erzählte der stumm lauschenden Frau die Geschichte seiner Liebe mit allen Einzelheiten. Nachdem er dies getan hatte, setzte er sich auf einen Baumstumpf und bat Agathe, sie möge allein nach Hause gehen. »Ach du,« murmelte er verstört, als sie fort war, »du Hochmütige, du Selbstgewisse, du Quälerin, du Zuschauerin. Ließest mich erzählen, zu Ende erzählen, damit es auch wirklich zu Ende sei. Nun ist es zu Ende.« Er blieb sitzen, bis die Nacht anbrach.
Hypochondrie trat in seinem Wesen immer stärker hervor.
Sylvester gehörte zu jenen Männern, die mit zunehmenden Jahren vereinsamen. Er war der Freundschaft fähig gewesen wie wenige, und er hatte seine Freunde einen nach dem andern verloren. In jede solche Beziehung hatte er Ideen und Ideale getragen, und jede war eben daran gescheitert. Er setzte seine Person zum Pfand und wurde mit Almosen abgespeist. Mit der Zeit begriff er, daß nichts in der Welt ärmer macht als Freundschaft zu suchen. Er brauchte geistige Zärtlichkeit, brüderliche Übereinstimmung, und da er zu viel Scharfblick und Menschenkenntnis hatte, um sich mit Surrogaten zu begnügen, wirkte er herrschsüchtig und launenhaft, wo er in seinen Erwartungen enttäuscht wurde. Sinnliche Naturen geraten leicht in einen Zustand der Unbefriedigung, auch der Gesellschaft gegenüber, und die Sylvester eigene Empfindlichkeit war die Ursache, daß er die Menschen gerade dann am meisten abstieß, wenn ihn der Menschenhunger zu ihnen trieb. Er erkannte zu spät, daß er unter einem Geschlecht lebte, welches sich vor der Hingebung fürchtete und dem der Adel des Herzens fehlte. Er fand fast alle Männer nüchtern, leer, gemütsroh und hoffnungslos banal; so hatte er sich an die Frauen gewandt, als ob die Frauen einen glücklicheren Kontinent des Lebens bewohnten; hier halfen ihm Phantasiespiele, und während er eroberte, hatte er die Illusion, zu besitzen. Auch dies war nun vorüber, denn sein Haar zeigte graue Fäden.
Im Lauf des Frühjahrs machte er häufig Besuche in der Nachbarschaft. Er langweilte sich tödlich und kam jedesmal verstimmt nach Hause. Agathe billigte die Urteile nicht, die er über die Leute fällte; sie erinnerte sich des einen als eines anständigen Kaufmanns, des andern als eines verdienten Beamten, des dritten als eines opferwilligen Familienvaters, und die Erbarmungslosigkeit, mit der er Gericht hielt, verletzte sie. Ihm war jeder fremde Mensch ein Feind, ihr war jeder Mensch ein Mensch.
Sie gab Sylvester verloren. Sie sah keinen Weg, wie er sich retten könne. Sie hütete sich aber, ihm ihre Verzweiflung zu zeigen. Oft war ihr zumute, als hielte sie den Mann mit äußerster Anstrengung ihrer Kraft und als müsse er fallen, wenn sie nur mit einem einzigen Gedanken von ihm abließ. Was sie von ihm erwartete, darüber hatte sie nicht die geringste Klarheit, dennoch wußte sie, daß die Glut, mit der sie eine geheimnisvolle Forderung an ihn stellte, nur durch die Erfüllung gelöscht werden konnte. Eher hätte sie ihren Leib hinsiechen lassen, als daß sie einem Anruf der Sinne nachgegeben hätte, um in den schwächlichen, unreinen und ungesicherten Zustand eines Scheinglücks zurückzukehren. Kein körperliches Leiden, seines nicht, das ihn heftig, finster und reizbar machte, und ihres nicht, das hinter einer Schutzwehr von instinkt- und charaktervoller Kälte verborgen war, konnte sie beirren.
Eines Morgens, als Sylvester bei Silvia im Zimmer saß und sie in französischer Grammatik unterrichtete, wurde ihm ein Brief überbracht. Beim Anblick der Schriftzüge auf der Adresse verfärbte er sich, erhob sich sogleich und ging in die Bibliothek. Bebend öffnete er den Umschlag und las:
»Mein teurer Freund! Ich vermute Sie bei den Ihren zu Hause und hoffe, daß dieser Gruß aus weiter Ferne Sie erreicht. Seit sieben Wochen fahre ich hier in Amerika von Stadt zu Stadt, und es ist mir alles so fremdartig, als sei ich nicht ich selbst, und was ich mit den Menschen spreche und wie ich lebe erscheint mir wie etwas Ausgedachtes und Unnatürliches. Bevor ich von England abgereist bin, habe ich mich mit dem Viscount Horace Darrington versprochen, aber wir werden erst heiraten, wenn er von Indien zurückkommt, und das dauert zwei Jahre. Nach diesen zwei Jahren werde ich aufhören zu singen. Ich bin nicht gerade müde; freilich, des Beifalls bin ich müde, der Zudringlichkeit und der Neugier auch, und bange wird mir manchmal bei dem Gedanken, daß ich jeden Abend in ein anderes Bett mich legen soll. Aber es ist nicht das, was meinen Vorsatz, der Öffentlichkeit Adieu zu sagen, erzeugt hat und immer stärker werden läßt; es ist das Gefühl, daß ich gegeben habe, was ich zu geben vermochte und daß alles übrige nur Fertigkeit und höchstens Kunst ist. Heute noch treibt mich eine unbekannte Gewalt, es ist als ob ich etwas verkündigen sollte, morgen vielleicht ist es kein Befehl mehr, sondern bloß Gewohnheit, und das Heilige wird zum Hokuspokus. Heute noch beten und morgen leiern? Das ist meine Sache nicht; wenn mich nicht mehr die Andacht erfüllt, bin ich ein verlorenes Wesen, ein heimatloses Weib und muß vom Leben erbetteln, was die Kunst einem Weib nie und nimmer gewähren kann. Nun weiß ich ein Haus für mich und einen Hüter darin, und was gewesen ist, bleibt in seiner Schönheit bestehen. Ich habe das empfunden, als wir noch beisammen waren; ohne Sie wäre ich blind hingegangen zu der Grenze; in dieser Minute träumend, in der nächsten schon erwacht, hätte ich keinen Weg mehr gesehen und unbefriedigt, mich selbst verkennend, immer wieder zum Traum zurückgewollt. Was könnte ich Ihnen außerdem noch sagen in den armseligen Worten, die ich habe? Vergessen kann ich nicht und wünsche auch nicht, daß irgend etwas hätte anders geschehen sollen. Ich möchte Sie leicht und Ihr Auge hell und Ihr Herz klingend machen, und mir ist, als könnte ich nur glücklich werden, wenn Sie es sind. Man braucht Kraft und Reinheit, um glücklich zu sein, um eins mit sich selbst zu sein. Meine Seele ist voll von Dank für Sie, und ich möchte für das Wort Freund ein noch nie gehörtes Wort finden, damit Sie spüren, wie Sie in und mit mir leben. Schreiben Sie mir nicht, antworten Sie nicht. Es wäre zu früh, es wäre zu wenig Fügung, zu viel Mahnung.
Ihre Gabriele.«