Nachdem Sylvester den Brief gelesen, verließ er das Haus und kehrte erst spät in der Nacht wieder heim.

Sein Dasein erschien ihm nun noch weit zerstückter, und er warf einen Tag um den andern gleichsam weg und zum voraus weg. Ein Aufruf der liberalen Partei erregte flüchtig sein Interesse, er besuchte auch eine Versammlung in Würzburg, aber dann sagte er zu Agathe, die auf dieses Emporraffen in ihm einige Hoffnung gesetzt hatte und nun ihre Enttäuschung kaum verbergen konnte, die Leute seien ohne politische Disziplin, hätten keinen Begriff davon, was dem Lande wirklich nützen könne, und ihr Treiben ekle ihn an.

Bei alledem fühlte er doch, eben was das nationale Leben betraf, eine eigentümliche Spannung in der Luft. Man atmete wie in einem abgeschlossenen schwülen Zimmer, wo man unwillkürlich auf Dinge lauscht, die draußen vorgehen und unwillkürlich Furcht empfindet bei jedem Tritt und jedem Flüstern. Gerüchte schwirrten auf und wurden wieder erstickt. Die einen wollten nicht glauben, die andern hielten sich die Ohren zu. Handel und Gewerbe stockten, und die Börsenkurse zeigten beunruhigende Schwankungen. Männer, die sonst den öffentlichen Angelegenheiten ohne Teilnahme gegenüberstanden, richteten den Blick besorgt auf die Geschehnisse, deren Entwicklung noch ganz im Dunkel verborgen war. Auch Sylvester ertappte sich bisweilen in der Ungeduld eines Zuschauers, der im Theater vergebens darauf warten muß, daß der Vorhang hochgezogen wird.

So kam der Sommer. Eines Tages war der Major zu Tisch in Erfft; nach dem Essen, man hatte über allerlei geredet, sagte er zu Sylvester: »Mein lieber Schwager, wir müssen auf große Dinge gefaßt sein. Es gibt Krieg.«

Sylvester lächelte spöttisch. »Du bist ein so unverbesserlicher Patriot, daß dir ein Zeitungsgeschwätz schon wie Kanonendonner klingt,« antwortete er.

»Na, wir werden sehen,« meinte der Major, »wir werden ja sehen. Übrigens steht in den Zeitungen gar nichts, ich habe nur so meine privaten Nachrichten. Der preußische Gesandte in Paris hat schon vor acht Monaten nach Berlin geschrieben: die Luft riecht nach Pulver. Ich habe viel gegen Bismarck einzuwenden, aber das muß man schon sagen, der Mann versteht seinen Kopf aufzusetzen und wird sich nichts gefallen lassen. Die Franzosen sind teuflisch übermütig geworden und der Kaiser Napoleon sitzt auf einem wackligen Thron, deshalb will er seine Untertanen beschäftigen.«

»Geh mir doch, mein Lieber,« erwiderte Sylvester, »deine Politik schmeckt nach der Stammtischkneipe.«

»Und wenn auch Krieg entstünde,« warf Agathe mit ernster Miene ein, »wie kann man sich über ein so ungeheures Unglück freuen?«

»Verstehst du nicht, warum ich mich freue, Schwägerin?« rief der Major mit einer jungenhaften Begeisterung; »wir werden sie verhauen, die Kerle, wir werden sie windelweich verhauen.«

»Aber du doch nicht,« sagte Agathe lächelnd.