»Nein, ich nicht,« seufzte der Major, »für mich alten Krüppel ist an so was nicht zu denken. Sylvester hingegen, der kann noch seinen Mann stehen.«

Agathe heftete die Augen erschrocken auf ihren Gatten. Sylvester runzelte die Stirn. »Ich befinde mich nicht mehr im Dienstverhältnis zur Armee,« bemerkte er kühl, »und dann würde sich's ja wahrscheinlich um einen Krieg gegen Preußen handeln.«

»Preußen?« fuhr der Major auf, »Himmel und Wetter, mir scheint, er weiß nicht einmal etwas von einem Schutz- und Trutzbündnis. Wenn es losgeht, geht's gegen uns alle, darauf kannst du dich verlassen, und alle werden zusammenhalten, darauf verlaß dich ebenfalls. Wen's juckt in der Faust, der schlägt zu. Den Ofenhockern, na, denen wird eingeheizt.« Er lachte mokant und zündete mit zitternden Fingern seine Pfeife an.

Agathe hielt es für geboten, dem Gespräch eine andere Richtung zu geben.

Drei Wochen später, an einem schwülen Julinachmittag, kam der Inspektor Marquardt in großer Erregung aus Würzburg zurück. Er brachte die Extraausgabe einer Zeitung mit, welche die Kriegserklärung enthielt. Das Blatt ging durch alle Hände, und bald standen Männer und Weiber im Hof und disputierten mit bestürzten und feierlichen Gesichtern. Silvia hatte sich in der Wohnung der Inspektorin befunden. Sie lief zu ihrer Mutter ins Haus. Agathe saß am Klavier. »Mutter, die Franzosen kommen,« schrie das Kind mit aufgerissenen Augen. Agathe stand auf, schaute Silvia erstaunt an und trat ans Fenster. Der Inspektor gewahrte sie. Seine Mütze war in den Nacken gerutscht, die schweißtriefenden Haare hingen ihm in die Stirn. »Gnädige Frau,« rief er, »es wird Krieg! Hurra! Es lebe der König!« Ohne besondere Überschwenglichkeit stimmten einige Knechte in das Hoch mit ein. Nur der rothaarige Gärtnerbursche, der unlängst rekrutiert worden war, tanzte wie ein Indianer und klatschte in die Hände.

Sylvester war nach Kitzingen geritten. Abends um sieben Uhr kam er. Er wußte die Neuigkeit schon. »Überall herrscht großes Entzücken, auch bei den Bauern,« sagte er zu Agathe. »Das Volk ist wie toll. Es überrascht einen doch, so viel überschüssige Lebenskraft wahrzunehmen. Ich hätte es nicht gedacht.« Während der Mahlzeit blieb er einsilbig, und als die Lampe gebracht wurde, las er einen Roman von Balzac. Agathe saß am Fenster. Sie war tief in Gedanken versunken.

»Glaubst du, daß Achim Ursanner im französischen Heer weiterdienen wird?« fragte sie plötzlich.

Sylvester schaute zerstreut empor. »Es ist wohl möglich,« gab er zur Antwort.

»Er, der deutscheste Deutsche!« flüsterte Agathe beklommen.

Der Ausdruck in Sylvesters Zügen wurde gesammelter. Wachsende Unruhe umflorte seinen Blick. »Ja, hier hat das Fatum einen unentwirrbaren Knoten geschürzt,« entgegnete er, fühlte aber, wie matt und künstlich die Floskel klang.