Sylvester gewahrte die weiße Haut; dunkel bewegt faltete er die Hände gegen Rahel. Endlich verstand sie ihn. Wie ein Licht strahlte es aus ihren Augen, in dieser Sekunde erwachte das Weib in ihr. Es drängte sie, seine Hinneigung, von der sie Gewißheit zu haben glaubte, zu belohnen und ihm durch eine Tat zu beweisen, daß sie sie verdiene; da streifte sie mit einer keuschen Lässigkeit Kleid und Hemd völlig von den Schultern und der Büste herunter und stand vor ihm wie eine Herme aus Opal. Es sah aus, als ob der Lampenschein ihren Leib durchglühe, und die schöne Rose, deren Stengel noch innen hinter dem Gürtel festgehalten war, glich zwischen den weißen Brüsten einem Wundmal. Ein süß bescheidener Triumph lag in ihrer Haltung, und während Sylvester sie regungslos anschaute, grüßte sie ihn mit einem fast mütterlichen Neigen des Hauptes, dann schloß sie das Fenster und zog die Gardine zu.

Es wird Zeit, dies Gespinst zu Ende zu spinnen, sagte sich Sylvester in einer angenehmen Trunkenheit; es soll mich nicht fesseln, es soll mich nur beschäftigen. Am andern Abend warf er ihr ein Briefchen hinüber, dessen sorgsam berechnete Leidenschaftlichkeit Rahels Herz entflammte. »Komm zu mir,« hatte er geschrieben, »komm, wenn es Nacht ist, komm zu einem Durstigen, du selbst Verschmachtete. Laß mich nicht unwürdig um dich betteln, Glück ist ein schnellbeleidigter Gast, nur einmal wirft es dir den goldnen Schlüssel auf den Weg. Keine Reue ist brennender als die um das Versäumnis. Das Schicksal prüft dich, sei nicht sparsam mit dir, sonst rächt es sich durch einen Geiz, der dich für immer zu fruchtloser Sehnsucht verdammt. Komm, ich warte. Nenn' am Tor meinen Namen, frag' nach meinem Diener, er soll dich über die Treppen geleiten.«

Den Abend darauf stand er wieder am offenen Fenster. Ein kalter Regen fiel. Vom Dom schlug es sieben, es schlug viertel und halb acht, und die dumpfen Schritte der auf der Gasse Gehenden klangen spärlicher. Rahels Fenster blieb geschlossen. Will sie mir nicht einmal Antwort geben? dachte er zornig, und er fühlte wieder jenen bleiernen Überdruß in sich aufsteigen, der ihn solange beherrscht hatte. Aber jetzt knarrte hinter ihm die Türe seines Zimmers. Er wandte sich langsam um. Die Lampe war nicht angezündet, es flackerte nur eine Kerze auf dem Tisch. In dem entstehenden Luftzug wehte der Vorhang wie eine Fahne weit ins Zimmer hinein. Rahel schritt zögernd über die Schwelle, machte leise die Türe zu, blieb dann stehen und drückte die Hände gegen die Brust. Sie heftete die Blicke auf den Boden, und ihr Gesicht hatte einen Ausdruck von Tiefsinn und Verlorenheit.

Sylvester ging auf sie zu und schloß sie in seine Arme. Sie wagte ihn anzusehen; ihre Augen schienen zu flehen: sag' mir, wer du bist. Er spürte den warmen Körper unter dem Gewand, er spürte das zärtlich ungestüme Blut, doch in seine Freude mischte sich eine wunderliche Trauer, und je länger er sie hielt, je kühler wurde ihm ums Herz. Nachdenklich strich er mit der Hand über Rahels Haar, und ebenso nachdenklich küßte er die Schaudernde auf die Stirn und auf die Augen; plötzlich lauschten beide erschrocken. Vom Flur herein drangen streitende Stimmen. Gleich darauf wurde die Türe mit Heftigkeit geöffnet und ein alter Mann mit einem weißen Bart trat ein.

Bei seinem Anblick duckte sich Rahel; ihr Kopf fiel wie gebrochen gegen die Brust. Sylvester wollte den Eindringling zur Rede stellen, aber er begegnete einem Blick voll solcher Raserei, daß ihm der Mut verging und er sich nur mit einer fragenden Miene an seinen Diener Adam Hund wandte, der mit philosophischem Ernst auf der Schwelle stand und einem Wachtposten glich, dem man zu seiner Verwunderung das Gewehr weggenommen hat. Eine Magd und ein Kellner hatten sich in den stattgefundenen Wortwechsel gemengt und spähten neugierig ins Zimmer.

Eine Weile betrachtete der alte Mann stumm seine Tochter. Die unzähligen Falten in seinem Gesicht sahen aus wie Striche auf einem radierten Blatt; die weißen Haarringeln, die von der Stirn herabfielen, waren naß vom Regen. Auf einmal packte er das Mädchen bei den Haaren und warf es nieder; Sylvester und Adam sprangen herzu, aber er rollte die Augen wie ein Wahnsinniger und stieß mit den Füßen nach ihnen. Mit einer Kraft, die ihm niemand zugetraut hätte, schleifte er Rahel an den Haaren zum Zimmer hinaus, über den Flur, über die Stiege hinunter, so daß man die Schuhe der Unglücklichen auf den Stufen klappern hörte, schleifte sie drunten an einigen Leuten vorbei, die versteinert zuschauten, weil das Entsetzliche des Vorgangs jeden Entschluß lähmte, schleifte sie über den Gang bis zum Tor und dann noch über die Straße in sein Haus. Während alles dies mit ihr geschah, hatte das Mädchen nicht einen Laut hören lassen.

Zu spät gewann Sylvester Besinnung und Überlegung zurück. Als er die Treppe hinuntergerannt und vor dem Haus des Händlers angelangt war, hatten sich ungeachtet des strömenden Regens eine Menge Menschen in der engen Gasse versammelt. Sylvester rüttelte an der Tür, sie war verriegelt. In seiner Erregung forderte er die Umstehenden auf, daß sie ihm helfen möchten, das Schloß zu sprengen, doch keiner folgte seinem Geheiß, spöttisch und finster sahen sie ihn an. Da kehrte er um, und als er über die Stiege hinaufging, fand er einen von Rahels Schuhen dort liegen. Er hob ihn auf und nahm ihn mit. In der Wohnung des Juden blieb es den ganzen Abend über dunkel. Niemals erfuhr Sylvester, auf welche Weise der Alte von Rahels Flucht unterrichtet worden war, ob sie ihm selbst einen Hinweis gegeben, ob ihr Gefühl und Trieb sie verraten, ob er die Gefahr mit dem Instinkt der Argwöhnischen gewittert und sie heimlich beobachtet hatte, ehe sie selbst noch gewußt, was in ihrem Innern vorging.

Sylvester benutzte einen Teil der Nacht dazu, um seine Koffer zu packen. Am andern Morgen reiste er ab.


Als Agathe in der Stadt ankam, blieb ihr die Beschämung nicht erspart, von den Hotelbediensteten erfahren zu müssen, daß Herr von Erfft abgereist sei. Kaum brachte sie es über sich, zu fragen, ob er nicht eine Adresse hinterlassen habe. Die Antwort lautete verneinend.