Dann stand sie auf der Straße und überlegte. »Zum Baron de Vriendts,« befahl sie dem Kutscher.
Der Domherr Baron de Vriendts wohnte in einem alten palastähnlichen Hause am Residenzplatz. Sie wurde über eine breite, mit roten Teppichen belegte Stiege in einen Saal geführt und übergab dem livrierten Diener ihre Karte. Aus einem entfernten Raum tönte das Spiel einer Orgel. De Vriendts galt für einen großen Liebhaber der Musik, und man erzählte sich, daß eine junge Verwandte bei ihm lebe, manche behaupteten auch, daß es eine Fremde sei, ein elternloses adeliges Mädchen, das eine Virtuosin auf der Orgel war.
In früheren Jahren war de Vriendts häufiger Gast bei Sylvester und Agathe gewesen; jetzt litt er dermaßen am Podagra, daß er nicht mehr sein Zimmer, geschweige denn die Stadt verlassen konnte. Das körperliche Übel hatte auch seiner Umgänglichkeit Abbruch getan; so oft Sylvester in der Stadt gewesen, hatte er gegen Agathe Klagen geführt über die zunehmende Verdüsterung des einst so lebensfrohen Mannes.
Der Lakai kam zurück und sagte, Hochwürden lasse bitten. Sie ging durch ein Zimmer, in welchem Kupferstiche hingen und alte geschriebene Folianten auf schmalen Pulten lagen, und durch ein zweites, in dem sich eine Münzensammlung befand. Dann mußte sie über einen Korridor schreiten, der Diener öffnete die Tür, und eine überheizte Luft schlug ihr entgegen. Bei ihrem Eintritt hörte das Orgelspiel auf, sie vernahm einen raschen, leichten Schritt hinter dem Instrument und sah durch den Spalt einer sich schließenden Tapetentür ein weißes Gewand. De Vriendts lag in einem Polstersessel; seine Füße staken in dicken Verbänden. Auf einem Tischchen vor ihm war ein Schachbrett aufgestellt, und die majestätisch hinrollende Fuge schien ihn nicht daran gehindert zu haben, die Position auf dem Brett zu studieren. Neben ihm in einem Käfig mit versilberten Stäben hockte ein grüner Papagei unbeweglich wie aus Stein; zwischen dem Kamin und der Türe hingen sechs venezianische Marionetten, deren bunte Kleider und wilde Gesichter etwas Gespenstisches hatten. Agathe erschrak bei dem Anblick de Vriendts. Sein Gesicht war eingefallen und aschfahl; die furchtbare Häßlichkeit der Züge wurde nur durch den Ausdruck des Leidens gemildert. Die Entfleischtheit des Kopfes bot einen schaurigen Gegensatz zu dem dicken und aufgequollenen Körper, aus dem hart und laut ein gepreßter Atem brach. Agathe mußte sich Gewalt antun, um ihr Entsetzen, in das sich Abscheu mischte, zu verbergen. De Vriendts lud sie mit einer mühsam liebenswürdigen Bewegung zum Sitzen ein. »Wie jung Sie sind, wie schlank,« sagte er mit einer hohlen, gellenden, angestrengten Stimme, und etwas wie Neid und Haß war in seinen höchst unruhigen Augen.
Stockend brachte Agathe ihr Anliegen vor und fragte, ob de Vriendts nicht wisse, wohin sich Sylvester gewandt habe. De Vriendts zog die Brauen hinauf und erwiderte, er wisse nichts von Sylvester, der seit vier Tagen nicht mehr bei ihm gewesen sei. Er heftete einen mißtrauischen Blick auf Agathe und fragte ein wenig lebhafter: »Ja, ihr lieben Leute, wart ihr denn nicht glücklich miteinander?«
»Ich war der Meinung, daß wir glücklich seien,« antwortete Agathe leise, »aber für das Glück bin ich vielleicht doch nicht mehr jung genug. Mit siebenunddreißig Jahren muß eine Frau verzichten lernen, scheint mir.«
De Vriendts legte den Kopf zurück und mit gleichgültiger Miene schloß er die Augen.
»An wen könnte ich mich nur wenden?« fuhr Agathe ebenso leise fort. »Ich will ja alles hinnehmen, ich will ja warten, aber einen Grund will ich wissen.«
De Vriendts hob jäh den Kopf und sah böse aus. »Wenn Sie den Weg nicht scheuen und übles Gerede nicht fürchten, dann erkundigen Sie sich doch bei Ursanner,« stieß er fast schadenfroh hervor.
»Hat er denn mit Ursanner verkehrt?« fragte Agathe verwundert.