»Nichts natürlicher, als daß einer mit dem Teufel anbindet, wenn er von Gott verlassen ist,« versetzte de Vriendts höhnisch.

Agathe versuchte einzulenken. »Sylvester war in früheren Jahren sehr befreundet mit Achim Ursanner,« sagte sie schüchtern.

»Das mag ja sein, jeder Verbrecher war einmal unschuldig, Ursanner wahrscheinlich auch. Und damit ich's Ihnen nur offen gestehe: als man mir hinterbrachte, daß Sylvester mit diesem Menschen zusammenkommt, habe ich ihn gebeten, mein Haus zu meiden.«

Ein Frösteln lief Agathe über den Rücken.

Das war der jahrtausendalte, unversöhnliche Geist der Kirche, der ihrem Herzen fremd blieb. Sie beschloß, zu Ursanner zu gehen.

Sie schien zu vergessen wo sie war. Vor den Fenstern lag ein dicker Nebel, der das Zimmer mehr und mehr verdunkelte. Die Schachfiguren verloren ihre Farbe und sahen aus wie eine Schar von Gnomen. Es war ein wunderschönes Elfenbeinspiel; die Türme hatten goldene Fähnchen auf ihren Basteien.

Unten auf der Straße zogen Soldaten mit dumpfem Gleichschritt vorüber. De Vriendts hatte Agathes Schweigen geschont, weil er ihr Zeit geben wollte, sich zu sammeln. Nun, da er seiner Christen- und Priesterpflicht genügt zu haben glaubte, veränderte sich sein Wesen völlig. »Sie leben doch, Frau Agathe, Sie leben,« sagte er, und sein Genießermund, der alle Leckerbissen des Daseins gekostet hatte, wölbte sich gierig-schlaff, »ihr Lebenden wißt nicht, was das heißt. Ich, sehen Sie, ich habe nur noch einen Wunsch, ich möchte noch einmal singen hören. Nicht von einem Mann, Männer dürften eigentlich nicht singen. Auch nicht von einer Frau, Frauen sind schon zu erfahren, das himmlische Instrument in ihrer Kehle ist verstimmt. Was ich meine, ist der Gesang vor den Toren des Lebens, der von Sünde und Tod nichts weiß, der die Wollust heiligt und das Blut süßer macht. Wenn ich das noch einmal hören kann, will ich meine letzte Flasche Bocksbeutel entkorken, den ältesten, der so jung und sanft wird mit der Zeit und will ihn schlürfen, bis sich der kleine Rausch in den großen Tod verwandelt hat.« Er griff nach einer Zeitung, die neben ihm lag. »Haben Sie von Gabriele Tannhauser gelesen?«

»Von der Sängerin?«

»Schon nennt man sie die Göttliche. Alle Journale sind voll von ihr. Morgen singt sie in Karlsruhe. Ich werde hinfahren und wenn man mir vorher die Beine amputiert.«

Agathe hatte ein seltsames Gefühl von Scham. Der ekstatische, ja fast irre Blick aus den blaßgrünen Augen des Greises ängstigte sie. De Vriendts beleckte mit der Zunge seine Lippen, faltete die Hände und fuhr mit heiserer Stimme fort: »Haben Sie nie die Erfahrung gemacht, daß man eine Blüte mit anderen Augen ansieht, als mit bloß neugierigen oder bewundernden, wenn man sie noch in der Knospe gesehen hat? Es mag jetzt vier Jahre her sein, im Herbst, da fuhr ich von Rom nach Deutschland und mußte in Augsburg übernachten. Am Abend ging ich durch die Straßen, traurig und verstimmt, da komm' ich ans Theater und lese auf dem Zettel, daß ›Lucia di Lammermoor‹ aufgeführt wird. Die Vorstellung hat schon angefangen, ich kaufe mir ein Billett, und mit geringer Erwartung geh' ich hinein. Das Theater ähnelt einem Stall, überall riecht es nach Öllampen, kaum hundert Personen sitzen schläfrig herum, und das Orchester macht einen Lärm, daß mir die Ohren weh tun. Nicht viel anders sieht es auf der Bühne aus, Akteure und Aktricen sind mit schmierigen Lappen bekleidet und singen zum Steinerweichen. Auf einmal erscheint da ein Persönchen und erhebt seine Stimme und mir ist, als ob Rom ein böser Traum sei und Florenz eine Hölle und Deutschland ein Grab. Mir ist, als juble der süßeste von allen Engeln über die Auferstehung der Toten, mein Herz wird klein und groß, meine Augen füllen sich mit Wasser, die Hände zittern mir, und als der Vorhang fällt, wanke ich hinaus und lese auf dem Zettel: Gabriele Tannhauser. Ich habe sie dann gesehen. Ein jämmerlicher Bursche, den sie Direktor nannten, hat mich hinter die Kulissen geführt. Sie saß auf einem Pappendeckelfelsen und blickte mich mit großen, grauen Augen fremd an. Sie konnte nicht älter als achtzehn Jahre sein. Ich nahm ihre Hand und küßte sie und sagte: später werden Könige dasselbe tun. Sie erhob sich und ihre Augen leuchteten. Es war etwas Erschütterndes in diesem zuversichtlichen und zugleich demütigen Glanz. Ich ging weg wie ein neuer Mensch, und nicht zwei Jahre hat es gedauert, da klang dieser Name aus der Dunkelheit in die beglückte Welt. Nun möchte ich sie noch einmal hören.«