Agathe schwieg. Sie wußte nichts zu sagen. Halb war sie erstaunt, halb von ihren quälenden Gedanken abgezogen. Sie stand auf und verabschiedete sich.


Sie aß bei einer alten Verwandten zu Mittag, schrieb dann mehrere Briefe und bestellte den Wagen, um nach Randersacker zu fahren. Als sie der alten Dame sagte, daß sie zu Ursanner wolle, bekreuzigte sich diese und schüttelte entsetzt den Kopf.

Achim Ursanner war der Sohn eines Flußbaumeisters, eines angesehenen und in seinem Fach tüchtigen Mannes. Seine Mutter war eine Französin gewesen, aber gerade diesem Umstand verdankte er eine fast trotzige Liebe für sein Vaterland, für deutsches Wesen und deutsches Leben. Er hatte die Rechte studiert und dem Wunsch seines Vaters gehorsam die Laufbahn eines Staatsbeamten gewählt. Sein Talent, seine Tatkraft wie auch einflußreiche Verbindungen brachten ihn rasch in die Höhe, und mit dreißig Jahren war er bereits Kabinettschef im Ministerium. An dieser Stelle machte er sich zum erstenmal durch ein reformsüchtiges Treiben unliebsam bemerkbar, aber je mehr man diese Eigenschaft bekämpfte, je stärker trat sie hervor. Es erregte Aufsehen, als er nach vielen Bemühungen die Wiederaufnahme eines Prozesses durchsetzte, in dem nach seiner Meinung ein ungerechtes Urteil gefällt worden war; es erregte nicht minder Aufsehen, als er in einer Druckschrift gewisse Mängel der Justiz und der Verwaltung rücksichtslos an den Pranger stellte, und bald begnügte er sich damit nicht mehr, sondern ging dem Schlendrian der Behörden, der Bestechlichkeit der Beamten, dem Servilismus der Hofschranzen, der Verbrüderung der Profitmacher und der Nachlässigkeit in der Führung öffentlicher Geschäfte mit einer solchen Wut und Bitterkeit zuleibe, daß er eines Tages kurzerhand den Abschied erhielt und der König ihm befehlen ließ, die Hauptstadt zu meiden. Seine Frau, eine Münchener Kaufmannstochter, die er ein Jahr zuvor geheiratet und die ihn durch Anmut und leichte Lebensart bezaubert hatte, war bei dieser Nachricht wie aus den Wolken gefallen, denn sie hatte sich um das, was ihn erfüllte und gefährdete, nicht im geringsten bekümmert.

Es hatte begonnen als ein Funken; vielleicht mit einem Ärger, vielleicht mit dem Erstaunen über eine versäumte Handlung der Billigkeit; der Widerstand, den sein männliches Eingreifen erfuhr, hatte ihn erhitzt. Nach und nach mußte er wahrnehmen, daß er einem solchen Widerstand überall dort begegnete, wo er das Unrecht in Recht verwandeln wollte, daß es der Widerstand der Trägen, der Aufruhr der Bequemen war. Jetzt wurde ihm Lebensziel, was vorher nur Wallung gewesen. Sein ganzes Inneres entflammte sich gegen eine zerrüttete, verdorbene, faulende Welt.

Er ging in die Heimat. Seine Frau folgte ihm, mißvergnügt durch die Aussicht auf dauernde ländliche Langeweile und empört durch den erzwungenen Verzicht auf ihre gesellschaftliche Stellung in der großen Stadt. Die Seinen empfingen ihn kalt. Der Vater grämte sich über den Zusammenbruch der Hoffnungen, die er auf den einzigen Sohn gesetzt, zu Tode; die Mutter war verständnislos und den Einflüssen geistlicher Berater unterworfen. Ursanner nahm dies alles hin. Er publizierte eine Rechtfertigung, die eine glühende und beispiellos kühne Anklage gegen die Regierung war. Er nannte sich herausfordernd den Deutschen; die Deutschen, an die er sich wendete, von Mal zu Mal freier, gesammelter, bewußter und beredter, denen er den Wurzelfraß ihres nationalen Haders, ihrer Kleingeisterei, ihrer Verlogenheit und Selbstgenügsamkeit aufdeckte, nannten ihn den Feind. Er war so gefürchtet als gehaßt. Das Brandmal eines Verräters haftete ihm an, in dessen Seele die heißeste Liebe für sein Land und für sein Volk wohnte. Als es gar noch bekannt wurde, daß er mit Ferdinand Lassalle in brieflichem Verkehr stand, dem Erzketzer und Demagogen, verließen ihn selbst die wenigen, die bis dahin wenn auch nicht zu seiner Sache, so doch zu seiner Person gehalten hatten. Damals hatte sich auch Sylvester von Erfft von ihm zurückgezogen — gezwungenermaßen, um nicht selbst von seinen Freunden gemieden zu werden.

Aber es war Achim Ursanner vom Schicksal nicht bestimmt, auf dem geraden und zweifellosen Wege des geistigen Kampfes zu bleiben. Die Umstände rissen ihn ins Kleine und Gemeine und verzehrten dort seine Kraft. Ein Jahr nach dem Tod des Vaters starb auch die Mutter. Bei der Testamentseröffnung stellte sich heraus, daß sie einen Teil des Grundbesitzes, einen Weinberg und mehrere Äcker, dem nahegelegenen Karmeliterkloster vermacht hatte. Achim Ursanner bestritt die Gültigkeit dieser Schenkung und strengte einen Prozeß gegen das Kloster an. Sein Einspruch wurde zurückgewiesen; er appellierte; er brachte Zeugnisse bei, die klärlich bewiesen, daß seine Mutter in ihren letzten Lebenstagen in getrübter Geistesverfassung gewesen. Der Prozeß lief von Instanz zu Instanz und kostete Geld über Geld. Indessen hatte sich Jakobe, seine Frau, innerlich von ihm abgekehrt. Ihr Betragen gegen ihn wurde feindselig und sein Schmerz war groß, als sie es nicht mehr vor ihm verbarg, daß sie mit den Karmelitern im Einverständnis war und in ihm, wie die Mönche sie gelehrt, eine Art von bösem Dämon erblickte. Als er eines Tages von der Stadt zurückkehrte, war Jakobe mit den beiden Kindern verschwunden. Er liebte die Kinder bis zur Vergötterung, und von der Stunde ab war sein einziges Bestreben, wieder in ihren Besitz zu gelangen. Er verwandte darauf seine ganze Umsicht und Energie, alle Erfindungsgabe und allen Mut. Die Spuren der Flüchtigen zogen ihn nach den verschiedensten Gegenden des Landes, ja bis nach Tirol und Verona. Diese Reisen, das Aufgebot von Helfern und die Besoldung der Advokaten verschlangen nahezu sein ganzes Vermögen, und obgleich der Kampf, den er im Finstern und gegen die Finsternis führte, sein Herz zermalmte, erlahmte der Wille nicht. Nach dreizehnmonatlichen Fahrten entdeckte er Jakobes Aufenthalt. Sie befand sich in einem Dorf in der Nähe von Nancy, in der Wohnung einer Generalswitwe, und von dort fuhr sie bisweilen nach Paris, um sich zu zerstreuen. Nachdem Achim das Versteck gefunden, traf er alle Vorbereitungen, um die Kinder zu rauben, und als Jakobe wieder einmal von ihnen wegfuhr, wartete er den späten Abend ab, stieg durch ein Fenster in das Haus, nahm die schlafenden Kinder, von denen das eine sieben, das andere sechs Jahre alt war, aus den Betten und entfloh mit ihnen, ohne daß er gesehen wurde. Ein Wagen zum nächsten Bahnhof stand bereit, und zwei Tage darauf befand er sich mit den beiden Kindern wohlbehalten in Randersacker. Aber jetzt erst erhob sich die wahre Hölle gegen ihn. Jakobe rief die Gerichte an. Er konnte erhärten, daß ihn sein Weib ohne Rechtsgrund verlassen, daß sie ihm die Kinder böswillig genommen und daß er in erlaubter Notwehr gehandelt, als er sich wieder in ihren Besitz gesetzt hatte. Neue Prozesse kamen in Gang. Das Schlimmste war, daß die Bevölkerung gegen ihn aufgehetzt wurde. Er konnte kaum mehr wagen, auf die Straße zu gehen. Die Fülle der Verleumdungen, der Beleidigungen und des niedrigsten Unflats machte ihn krank vor Ekel. Sein Haus glich einer Festung. Er mußte von weit her und gegen hohes Entgelt Leute kommen lassen, die ihm dienten und seine Kinder beschützten. Er mußte täglich und stündlich gewappnet sein gegen den Andrang eines verrohten und mißleiteten Pöbels.

So standen die Dinge um Achim Ursanner, als Agathe sich anschickte, ihn zu besuchen.


Das Haus lag auf einem Hügel, und ein Schlangenweg führte hinauf. Agathe ließ den Wagen unten halten. Es fiel ihr auf, daß zwei junge Burschen am Tor oben standen und ein Pfeifensignal gaben, als sie den Weg hinanschritt. Jetzt erschien Achim Ursanner selbst, warf einen spähenden Blick auf Agathe und kam langsam hügelabwärts. Erst als er vor ihr stand, erkannte er sie, lüpfte den Hut und bot ihr zum Gruß die Hand.