Er war ein ziemlich kleiner Mann von gedrungenem Körperbau, kurzhalsig und breitbrüstig; das Gesicht war von einem rötlichbraunen Bart umrahmt, und er trug eine Brille mit dicken Hohlgläsern, hinter denen die Augen bisweilen rasch und erregt aufblitzten. Seine Züge hatten einen träumerischen Ausdruck, und der Mund war von fast frauenhafter Weichheit.
»Was führt Sie zu mir, gnädige Frau?« fragte er mit tiefer, verwunderter Stimme, während er an Agathes Seite umkehrte. Agathe schüttelte den Kopf, wie wenn ihr die Antwort nicht leicht fiele. Als sie in den Hof getreten waren, schlossen die beiden Wächter das Tor zu. Drei riesige Doggen sprangen herbei und umschnupperten Agathe mißtrauisch. Das Innere des Hauses zeigte Spuren der Vernachlässigung, die dem Auge einer Frau nicht entgehen konnten. Von den Wänden war an vielen Stellen der Mörtel abgefallen, Diele und Treppen waren seit langem nicht gescheuert, und die Türklinken waren rostblind. Ursanner schien die Gedanken Agathes zu erraten; sein resigniertes Lächeln wollte sagen: ein Kranker putzt sich nicht. Er geleitete Agathe in ein großes, niedriges Zimmer zu ebener Erde, zündete, da es schon dunkel wurde, die Hängelampe an und schaute nun seiner Besucherin ruhig forschend ins Gesicht. In seiner Haltung, in seinem Auge war etwas von einem Läufer, der stille steht und sich besinnt, etwas, wovon Agathe ahnungsvoll ergriffen wurde, so daß ihr plötzlich der Grund ihres Hierseins klein und unwichtig vorkam und sie nur mit Überwindung die Frage nach Sylvester über die Lippen brachte. Sie hatte sich niedergesetzt und blickte zaghaft zu Ursanner empor. Da er stumm blieb, fühlte sie das Unzulängliche der bloßen Frage und fügte in mattem Ton eine Erklärung ihrer seltsamen Situation hinzu.
»Ich weiß nichts von ihm,« antwortete Achim Ursanner, genau wie de Vriendts geantwortet hatte. Dann fuhr er fort: »Wir trafen uns eines Tages in der Stadt, als ich ins Pfandhaus ging. Anfangs war er verlegen, aber dann begleitete er mich bis hier heraus. Ich mußte ihm von meinen Umständen berichten, und er hörte mir geduldig zu. Er bot mir Geld an, aber ich schlug es aus. Ein Mann, der Weib und Kind hat, darf keinem andern Mann Geld borgen. Er sagte mir, daß er reisen wolle, und ich beglückwünschte ihn dazu. Und als er fortging, versprach er, mir zu schreiben. Er hat mir wohlgetan, es waren ein paar menschliche Stunden, wir haben uns sogar noch geduzt wie in früherer Zeit, als wir beim Regiment standen.«
»Er wollte Ihnen also schreiben?« unterbrach Agathe den hastig Redenden.
»Ja, er wollte schreiben. Sein Händedruck, als wir schieden, hatte auch etwas Bindendes, und das war nicht der Fall, als wir uns vor Jahren zum letztenmal die Hand reichten. Er hatte vielleicht eingesehen, daß er treulos gewesen, er, gerade er, mit dessen Namen ich den Himmel gegrüßt hätte. Aber was soll mir Reue? Ich hab' ihn ja noch immer gern, doch ein Freund, der vor mir steht und bereuen muß, läßt mein Herz nicht froh werden.«
Wie verändert er ist, dachte Agathe; Achim Ursanner war ihr noch gegenwärtig als eine Gestalt von eigentümlicher Helligkeit, die Wärme mitteilte und Offenheit natürlich machte, als ein Mann, dessen ordnender Verstand jedem Gespräch einen erquickenden Fluß verlieh und dessen Humor und stille Überlegenheit jeden Gegenstand adelte, den sein Wort berührte. So hatte sie ihn vor acht oder neun Jahren gesehen, als Sylvester den Jugendgefährten in sein Haus geführt hatte; jetzt aber schnürte sich in seiner Nähe ihre Brust zusammen, und die ganze Atmosphäre des Hauses erdrückte sie. Sie beugte sich weit vor, stützte beide Ellenbogen auf die Knie, legte die Wangen zwischen beide Hände und mit ernsten Augen, zwangvoll und furchtsam zugleich, bat sie ihn, er möge ihr erzählen, was sich in seinem Leben ereignet hatte; denn obwohl sie vom Hörensagen mancherlei wußte, und Sylvester bisweilen diese oder jene Neuigkeit über Achim aus der Stadt mitgebracht hatte, verlangte sie jetzt doch nach anderm Aufschluß und sie schämte sich, daß sie nur kannte, was die betrügerische Fama verbreitet hatte.
Er willfahrte ihr. Er erzählte. Er ging im Zimmer auf und ab, und es war, als spreche er zu den Wänden. Seine Sätze waren kurz, scharf, schneidend. Jeder einzelne enthielt eine Tatsache und nichts weiter. Es war aufregend, ihn zu hören.
»Nun ist es soweit gekommen, daß Bäcker und Krämer mir nichts mehr verkaufen wollen,« schloß er seinen Bericht; »Leute, denen ich einst geholfen habe, spucken aus, wenn sie mich sehen. Kinder und Weiber laufen vor mir davon. Heute habe ich sieben Drohbriefe erhalten, anonym natürlich. Die Bauern werfen mir Steine auf die Acker, des Nachts demolieren sie den Zaun und wollen meine Hunde mit vergiftetem Fleisch umbringen. Wer mich nur grüßt, der ist schon verfemt, und es war kein kleines Wagnis von Sylvester, zu mir zu kommen. Sie, Frau Agathe, scheinen nicht recht gewußt zu haben, was Sie taten. Ich bin vogelfrei. Wer mich besudelt, verdient sich einen Gotteslohn. Ich bin wie ein Aas, an dem sich die Raben mästen. Nun, wir wollen sehen. Es wird sich ja zeigen, wieweit die menschliche Niedertracht zu gehen vermag; es ist eine wahre Begierde in mir, ihre Grenzen kennen zu lernen; so sonderbar es klingt, ich bin immer wieder überrascht, wenn sie sich in einer neuen Entfaltung zeigt.«
Agathe hatte allmählich die Augen gesenkt und blickte wortlos zur Erde. Hie und da lief ein Frösteln über ihre Glieder, und es kam ihr vor, als hätte sie bis zu dieser Stunde nicht geahnt, in was für einer Welt sie lebte. Ihr ward es dunkel im Gemüt, und so beredt auch ihr Schweigen für Ursanner war, sie selbst nahm es für einen Beweis von Schwäche, ja von Mitschuld. Sie legte die Hand über die Augen. Achim setzte seine Wanderung durch das Zimmer unermüdlich fort. An den Fenstern trug jemand eine Pechfackel vorüber, und die Flamme war wie ein Band gebogen.
»Wollen Sie mich nicht zu Ihren Kindern führen?« ließ sich Agathe endlich vernehmen. Ursanner nickte, sie stand auf und folgte ihm durch den Korridor über den Flur in den ersten Stock. Er öffnete eine Türe und sie blieb auf der Schwelle stehen. Die zwei blondlockigen Knaben saßen auf der Erde und blickten in ein Bilderbuch. In der Ecke zwischen Ofen und Wand hockte ein alter Knecht mit der Tonpfeife im Mund und schlief. Die Kinder waren blaß und einander ähnlich wie Zwillinge. Sie bewegten kaum die Köpfe, als die Tür aufging, sie schauten nur schief zum Vater und zu der fremden Frau hinüber. Agathe trat zu ihnen, bückte sich und redete zärtlich auf sie ein. Doch sie schwiegen trotzig, und auf den Lippen des älteren Knaben zeigte sich ein sonderbar lauerndes Lächeln. Ratlos sah Agathe Achim Ursanner an, und sie bemerkte, daß seine Züge sich verfinstert hatten und daß sein Mund zuckte. Sie erhob sich. »Ich muß jetzt gehen,« sagte sie, »ich möchte am Abend zu Hause sein. Werden Sie mir Nachricht geben, wenn Ihnen Sylvester schreibt?«