»Ja. Ich bin es müde, die Klopffechtereien einer sogenannten Justiz zu erdulden. Ich bin es müde. Es ist noch nicht lange her, daß ich zu einer wirklichen Einsicht gelangt bin, aber an demselben Tag, wo es geschah, war ich auch fertig. Und mir graut jetzt vor allem, was ich in früherer Zeit ohne diese Einsicht unternommen und ausgeführt habe. Deshalb kann ich nicht länger mittun. Denn unser Leben läuft immer darauf hinaus, daß wir unsere Handlungen von Anfang an mit Konsequenz festhalten, und wer immer schlecht gehandelt hat, darf nicht auf einmal das Gute wollen, sonst geht er zugrunde.«

»Ich glaube, Friedrich, du solltest einmal mit einem Arzt sprechen«, sagte Anna Borromeo ernst und geringschätzig. Sie zuckte die Achseln, als Borromeo schwieg und verließ das Zimmer. Drüben in ihrem eigenen Gemach wartete die Friseurin und Anna unterhielt sich mit ihr von den neuen Ereignissen in der Gesellschaft. Als dies beendet war, machte sie sich daran, Einladungskarten für den Samstagabend zu schreiben. Auch an Arnold richtete sie eine Karte, zerriß sie aber wieder, nahm statt dessen ein Briefblatt zur Hand und schrieb: »Mein Lieber, dürfen wir dich für den dreizehnten abends erwarten? Borromeo kränkt sich wieder einmal über dein Fernbleiben, ich aber finde es natürlich. Ich finde es natürlich, das hindert aber nicht, daß ich oft mit Scham an dich denke. Hättest du nicht vergessen, so würde ich dich beschwören: vergiß. Offenbar gehst du darauf aus, alles was du bist und vorstellst, zu spielen, sonst hättest du mich am selben Abend erdolcht. Ernst und Wahrheit spielt man leider nicht, ohne daß es sich an denen rächt, die daran glauben.« Sie stand auf, warf sich in die Ecke des Sofas und weinte, indem sie das Taschentuch fest vor das Gesicht drückte. Sie weinte aus Wut, aus innerer Leere, aus Entschlußlosigkeit, weinte darüber, daß ihre Hand solche Worte schrieb, an die sie nicht glaubte und vor denen sie bestürzt und feige stand, wenn sie gleich selbständigen Wesen ihr auf dem Briefpapier ins Gesicht lachten. Sie trocknete die Augen und ohne ihr Schreiben noch einmal zu überblicken, zerriß sie es in hundert Fetzen und schrieb eine Karte wie an alle andern Eingeladenen. Nur schrieb sie die Worte dazu: ich bin heute nachmittag allein zu Hause und langweile mich. Dies schickte sie sofort und mit Eilpost ab.

Mittags blieb sie in ihrem Zimmer unter dem Vorgeben, sie fühle sich nicht wohl. Dann versuchte sie zu schlafen, nahm aber einen italienischen Roman und las.

Arnold kam. Sein Gesicht war schmal geworden. Die Augen hatten einen schwermütigen Ausdruck.

Anna fragte, warum er so lange nicht gekommen sei. Er zuckte die Achseln.

»Verkehrst du noch mit deinem schweigsamen Philosophen?«

»Mit Hanka? Nein. Der lebt auf einem Dorf in Steiermark. Wir haben uns zuletzt bei Hyrtls Begräbnis gesehen.«

»Ach ja, Hyrtl, das arme Kerlchen. Man glaubte ihm seine Krankheit nie.«

»Er war ein guter Freund.«

»Ein guter Freund, ja, aber kein Freund. Wie lebst du, Arnold?«