»Auch nicht das Schlechteste. Man nennt das Sichausleben, wie? Haben Sie sich ausgelebt?«
»Ein böses Wort, lieber Freund.«
»Es klingt ein bißchen verdächtig, Sie haben recht.«
»Wie bringen Sie es eigentlich fertig, Wolmut, alles beiseite zu schieben, was Ihnen nicht dienlich ist? Sie haben offenbar die Gabe, Hindernisse schon von weitem zu erkennen und ihnen auszuweichen.«
»Ausweichen? Nein. Ich gehe auf alles schnurstracks zu. Allerdings halte ich mich meistens an das Nützliche.«
»Sie sind eine harmonische Natur.«
»Damit wollen Sie sich trösten, mein Lieber, indem Sie mir zu verstehen geben, daß Sie zu viel Phantasie haben, um harmonisch zu sein. Das sind nur Worte. Jeder Mensch hat seine inneren Kapitalien. Wer nicht damit zu wirtschaften versteht, muß Bankerott machen. Jeder Mensch kann einmal, wie soll ich sagen, das große Los seiner Existenz ziehen. Aber man muß aufmerken, man muß der Geisterstimme lauschen können. Diesen Augenblick verschlafen aber die meisten, sie vergessen ihr Stichwort und das nennen sie dann vom Schicksal verfolgt sein. Es gibt keine Abhilfe von außen, denn nichts kann das Verbrechen ungeschehen machen, das jeder einzelne an sich selbst begeht. Man muß Ehrfurcht vor sich selber haben. Man darf nicht mit dem eigenen Körper umspringen wie mit einem gekauften Gerät, und mit der eigenen Seele auch nicht. Um die Kraft, die ich in mir zugrunde richte, wird die Menschheit ärmer. Außer mir ist kein Schicksal, nur ich selbst kann mich vernichten.«
Der Diener trat ein und flüsterte Arnold etwas zu. Er ging hinaus, über den Korridor in das Empfangszimmer, wo Anna Borromeo saß und ihm ruhig entgegenlächelte. »Ich wollte doch einmal sehen, wo du residierst,« sagte sie, und ihre Stimme klang ein wenig heiser. Arnold bat, sie möge ihn noch eine kurze Weile entschuldigen, er müsse einen Freund fortschicken. Sie nickte und schlug ein Landschaftenalbum auf, während Arnold zu Wolmut zurückging und ihm freimütig erklärte, daß sie nicht länger beisammenbleiben könnten. Auch wenn hier Anlaß gewesen wäre, Wolmut gehörte nicht zu den Verletzlichen. Sein Verkehr mit Menschen bestand ja in einer geradezu programmmäßigen Ehrlichkeit.
Als die beiden Freunde sich voneinander verabschiedet hatten und Arnold zurückkam, fand er Anna nicht mehr in dem großen Raum. Sie hatte die Türe zu dem anschließenden Bibliothekszimmerchen geöffnet und saß dort in der Ecke eines Divans, den Oberleib zurückgebeugt, den Kopf mit regungslos starrenden Augen auf der Armlehne.
Arnold blieb schweigend stehen.