Arnold ging wieder in den Flur zurück. Er trat an die Türe von Borromeos Zimmer und legte die Hand auf die Klinke. Er wagte nicht einzutreten, ihm schwindelte. Unsicheren Schrittes ging er auf den Hof und sah vom Zaun aus gegen die Fenster. Dann eilte er in den Park. Er atmete schwer. Plötzlich aber stand er still und klammerte den einen Arm um eine Föhre. Mit aller Gewalt sammelte er sich zu einem Entschluß. Seine Stirn und Blicke waren gesenkt, als er zum Haus zurückging. Ohne weiteres Zaudern öffnete er die Tür zum Zimmer des Oheims.
Borromeo saß einige Schritte vom Fenster entfernt und schaute, eine steinerne Unbeweglichkeit in allen Gliedern und selbst im Gesicht, gegen die Landschaft hinaus. Sein Bart war vollständig grau geworden. Der ziemlich kahle und seltsam abgeplattete Kopf mit der niedrigen Stirn hatte etwas von einem aufgesetzten Wachsmodell. Die Hände waren gelb und schmutzig. Sehr langsam wandte Borromeo den Kopf gegen die Türe. Das Geräusch des Eintretenden war längst verklungen, aber es schien, als brauchten die Laute zehnfache Zeit, um zu seinem Ohr zu gelangen. Er blickte Arnold ins Gesicht. Sein Blick schien nicht sehen, sondern nur tasten zu können. Er fletschte die Lippen und lächelte endlich, wobei Geifer in den Bart rann.
Schrecklich hob und spannte sich Arnolds Brust. »Onkel Borromeo, kennst du mich nicht?« fragte er endlich.
»Hä –?« machte Borromeo. Es war ein empfindungsloser Laut, von einer Bewegung des Mißtrauens begleitet. Auf einmal sagte er, indem er beide Hände zur Höhe des Halses erhob: »Zurückgesetzt ... sie lauern ... man muß vo–orsichtig sein ... Sie sperren einen sonst ins Kloster ...«
Arnold, als ob er einen Faustschlag auf den Hinterkopf erhalten hätte, wankte und streckte den Arm aus. Borromeo verdrehte ängstlich die Augen und wollte sich erheben. Da nahm sich Arnold zusammen und verließ den Raum.
Neunundfünfzigstes Kapitel
Draußen überfiel ihn eine betäubende Schlafsucht. Er taumelte in das Zimmer, das Ursula inzwischen notdürftig für ihn hergerichtet hatte, warf sich auf die nackte Matratze und schlief ein.
Nach Mitternacht erwachte er, erhob sich, suchte Licht zu machen, fand aber weder Streichhölzer, noch Kerze. Er tastete sich, nachdem er den Mantel umgeworfen hatte, in den Flur, fand aber die Haustüre versperrt. Er überlegte, ob er Ursula wecken solle; er lehnte die Stirn an die kalte Mauer, und feurige Gebilde erschienen vor seinen ungewissen Augen. In seinem Innern war eine ahnungsvolle Stille eingetreten. Wenige Minuten, und er kehrte zurück und stieg durch das Fenster in den Hof, zog vor dem frostigen Anhauch der Nacht den Mantel fest über der Brust zusammen, und bald hatte er das Haus weit im Rücken.
Das Land lag dumpf und schwarz. Wie er so ging, schien es, als suche er auf dem Boden etwas, das ihm gehörte. Mit feuchten Augen blickte er in das Dunkel und rief plötzlich aus: »Bezahlen! das ist das große Wort, bezahlen!«
Auf einer hügeligen Erhebung des Bodens blieb er stehen. Fern, hinter dem fernsten Waldrand glühte der schwarze Himmel rot. Ein Brand schien dort zu wüten, aber der runde, abgegrenzte Feuerfleck sah mehr wie das geöffnete Tor zu einer unbekannten Welt aus. Arnold spürte, wie eine geistergleiche Hand Trübes und Ungleiches aus seinem Innern entfernte und wie das ungeduldig pochende Herz sich ausdehnte und freier zu schlagen begann. Bezahlen, dachte er, das ist es. Nicht darum handelt es sich, von neuem hinauszugehen und zu probieren, ob das Schlechte nicht wiederkommt. Nicht darf man sich betrügen und glauben, ein neues Leben ist da, wenn man nur das alte vergessen kann. Und wie sehr ich vergessen kann, das hat sich gezeigt. Wenn ich das Gute und Große vergessen konnte, um wie viel eher werde ich das Schlechte und Gemeine vergessen. Leicht ist es, sich selber zu betrügen und zu glauben, du bist besser geworden, nur weil du gesehen hast, wie schlecht das Schlechte ist. Habe ich nicht erfüllt, wozu ich mich ausersehen hatte, so ist auf ewig verloren, was mir bestimmt war. Es ist unrechtmäßig, glücklich werden zu wollen, wenn man schlecht gelebt hat. Ich darf mich nicht schleppen mit dem Vergangenen und ich darf es nicht hinter mich werfen, – was muß ich also tun, damit Gerechtigkeit entsteht?