Mechanisch streckte er die Arme aus, und es war ihm, als könne ihn die Erde nicht länger tragen. Schauer auf Schauer überflutete ihn. Undeutlich und fieberhaft zuerst, dann, indem die Wölbung seiner Brust und seiner Stirne sich furchtbar spannten, erst Gedanke, dann Gefühl, dann zusammenrauschend und -stürzend, erhob sich eine Stimme wie der Flügelschlag eines heranschwebenden Vogels: Nur wenn du nicht mehr bist, wird auch dein Übel nicht mehr sein; erst aus der sühnenden Tat erwacht das Bessere wieder!
Er sank zu Boden. Seine Finger bohrten sich in den Sand, Wange und Kinn wurden von einem Strauch geritzt, Krämpfe durchzuckten seinen Körper. Wann hat es begonnen? grübelte er; an welchem Tag, zu welcher Stunde? Langsam hat mich ein Ungeheuer umschlungen, und seine Kunst war es, mich müde und faul zu machen. Eingeschläfert hat es mein Herz und dann entzwei gerissen. Bezahlen mußt du, Arnold, bezahlen!
Als er sich erhob, wuchs wie neugeboren auch sein ganzes Wesen empor, gesammelt, friedlich und fest. Er war sich selber dankbar, und als ob er in einer dazwischenliegenden, dunklen Zeitspanne nur mit einem kleinen Teil seiner Sinne gelebt hätte, fühlte er sich jetzt, fühlte er klar und leicht den menschlichen Sieg über die ungefähren, blind niederreißenden Schicksalsmächte.
Der östliche Himmel kam ins Glühen. Mit einem seltsam kühlen und heiteren Lächeln setzte Arnold seinen Weg fort. Er verfolgte gespannt das Auseinanderfließen der flammenden Cirruswölkchen und wie der Himmel mit jeder Minute klarer und strahlender wurde, als hätte ihn eine verborgene Quelle mit Bläue übergossen. Die Luft war frisch und dünstelos. Als Arnold nach Podolin kam, war es schon ziemlich weit im Vormittag, aber die Häuser sahen aus, als lägen sie noch im Schlaf.
Bei der Werkstatt eines Mechanikers blieb Arnold stehen und betrachtete die ausgehängten Flinten und Hirschfänger. Die Werkstatt lag einige Treppen tiefer als die Straße. Arnold ging hinunter und verlangte einen Revolver. Er wählte eine billige und gewöhnliche Waffe, bezahlte den geringen Preis und empfahl sich freundlich. Er schritt den Hügel hinan, kam wieder in die freie Landschaft und sah plötzlich hinter dem Zaun ihres Gärtchens Agnes Hanka. Sie schüttelte Zwetschgen von den Bäumen und sah gesund aus. Kaum hatte sie Arnold erkannt, als sie freudig winkend zum Pförtchen schritt und ihm schüchtern lächelnd die Hand reichte. »Ich weiß, daß Sie mit Alexander befreundet sind,« sagte sie, »da sind Sie also auch mein Freund.«
Arnold errötete. Er begriff in diesem Augenblick, was ihn und Hanka auseinandergerissen hatte. Kopfschüttelnd antwortete er: »Hanka und ich sind Freunde gewesen; wir sind es nicht mehr durch meine Schuld.« Agnes lächelte, wie Frauen über Männerumtriebe zu lächeln pflegen. Sie nahm es nicht recht ernst. Indem sie offen in Arnolds frisches und von innen strahlendes Gesicht blickte, welches keine Übernächtigkeit zeigte, lud sie ihn zu einem Butterbrot und einem Glas Wein ins Haus. Sie wünschte stets zu geben; da dies für sie am leichtesten und unverfänglichsten war, machte sie ihre Speisekammer zu einem Vorzimmer ihres Herzens.
Arnold hatte Hunger und nahm die Einladung an. Alsbald setzte Agnes Brot, Schinken, Butter, Honig und eingemachte Früchte vor ihn hin, rückte einen Stuhl an die andere Seite des Tisches und sah gerührt und dankbar dem eifrig Essenden zu, denn sie hatte seit langer Zeit keinen Gast mehr in ihrem Hause gehabt. Arnold erzählte mit Vorsicht von Hanka, denn er erinnerte sich, daß er gewisse Geheimnisse vor Agnes nicht preisgeben dürfe. Als er genug gegessen, getrunken und erzählt hatte, erhob er sich, reichte der lieben Wirtin die Hand und ging.
In ziemlich weitem Bogen führte sein Weg gegen den Ansorge-Hof. Als er das Haus betrat, erfuhr er von Ursula, daß um sieben Uhr morgens ein Arzt und ein Wärter angekommen seien und schon zwei Stunden später seien Borromeo und Christian mit jenen beiden wieder abgereist. Arnold zuckte zusammen, als er dies vernahm, wie wenn sich längstvergessenes Unheil wieder vor seinem inneren Blick entfalte; aber dies war nur ein letztes Gedenken. Ruhig wanderte er eine Zeit über im Hof auf und ab. Dann trat er von neuem ins Haus, suchte einen Bogen reinen Papiers aus der Lade, wo dergleichen verwahrt wurde, setzte sich nicht ohne Umständlichkeit an einen Tisch und schrieb: »Der Ansorge-Hof fällt nach meinem Tode mit allem beweglichen und unbeweglichen Gut an unsere alte Dienerin Ursula Kämmerer. Mein in ungarischen Staatspapieren auf der Depositenbank liegendes Barvermögen im Betrage von achtmalhundertvierzigtausend Gulden laut Kontokorrent vom 1. Juli a. c. vermache ich meinem Freunde, dem Statthaltereibeamten Ludwig Wolmut, zurzeit in Graz. Er soll es auf eine solche Weise verwenden, die dem in unsern gemeinschaftlichen Gesprächen oft aufgestellten Ideal angemessen ist. Ich vertraue ihm. Bei klarem Bewußtsein meiner selbst und in gerechter Selbstbestimmung habe ich dies niedergeschrieben zu Podolin in Mähren, am 27. Oktober. Arnold Ansorge.«
Sechzigstes Kapitel
Es war zwei Uhr nachmittags, als Arnold das Haus verließ.