Aber die wunderliche Scham über seinen Besitz wollte ihn nicht verlassen. Er faßte plötzlich den Plan zu einer Art von Wohltätigkeitsinstitut. Dies erschien ihm wie ein Opfer für Verena. Wolmut, der diesen Einfall zuerst verwarf, war ihm schließlich behilflich, da er doch wenigstens etwas Zweckmäßiges getan wissen wollte. Das Gerücht trug den Namen des Helfers rasch genug herum. Bald füllte sich das Vorzimmer von Arnolds Wohnung täglich mit den buntesten Figuren: Frauen und Greise, Jünglinge, Familienväter, Kinder; Kranke, Vorsteher von Vereinen, Unternehmer von Sammlungen, verarmte Kaufleute und Handwerker, mittellose Schauspieler, Beamte, Adlige, Arbeiter, alle warteten auf ihre Viertelstunde und zogen befriedigt oder enttäuscht, jeder nach seiner Veranlagung wieder davon. Es kam so weit, daß sich Leute einfanden, welche durchaus nicht nach Geld trachteten, sondern nur in einer schwierigen Lebensverwickelung Rat einholen wollten, zum Beispiel, wenn sie amtliche Scherereien hatten, in Heirats- und Erbschaftsangelegenheiten, ja sogar in Fragen ihres Berufs. Oft gab es Stoff zum Lachen, oft seltsame Einblicke in das Treiben der Leute, und aus mancher geheimnisvollen Not sprach das Leiden und der Irrtum von Geschlechtern. Und wie wenn die schlaffe Haut von einem zu Tod verwundeten Tier sich löst, so daß das in Krämpfen zuckende Muskelwerk ans Licht tritt, so konnte Arnold in das kranke Fleisch des Landes und der Gesellschaft blicken. Unduldung und Willkür, gelassenes Hinnehmen der Rechtlosigkeit, grausamstes Ränkespiel und hartnäckiges Strebertum, – aus ebensovielen Wunden rieselte die Lebenskraft des Staates. Aber Arnold litt nicht so sehr darunter, als er sich glauben machen wollte, daß er litt. Es war, als ob Leidenschaft ein Gitter um ihn gewoben hätte. Wohl sah er Pfeile fliegen und Getroffene niederstürzen, aber ihn beschlich eine frevelhafte Sicherheit.

Wolmut, wie ein uneigennütziger und gewandter Minister, behandelte jeden Fall mit trockener Sachlichkeit und stand in dem kleinen Tatengewebe aufmerksam da, vielleicht mit Wissen die größere Rolle einstudierend, die er der Welt einst vorzuspielen gedachte. Arnold lernte von ihm, sich auf das Einfache und Zweckdienliche zu beschränken, alles Gebauschte und Überflüssige zu vermeiden. Auch äußerlich lebte er so einfach und mit so ängstlicher Sparsamkeit, daß er zum Spott seiner näheren Umgebung wurde.

Anna Borromeo beobachtete sein Tun mit Verdruß und Entrüstung. Sie hatte jetzt selten Gelegenheit, ihn zu sehen, aber wenn sie ihm begegnete, erbleichte sie vor Zorn. Sie beklagte sich bei ihrem Gatten lebhaft über das Gesindel, welches nun täglich Flur und Treppen stürme. »Gut«, erwiderte der Doktor mit niedergeschlagenen Augen, »ich werde Arnold ersuchen, vor dem Haustor Fräcke und seidene Kleider austeilen zu lassen. Dann kannst du die Herrschaften getrost auch bei dir empfangen.«

»Du hast recht«, gab Anna zurück; »und wir beide werden bei ihm um ein Versorgungsstübchen in Podolin betteln.«

Man meldete Besuch, den Baron Valescott, einen jungen Leutnant, der seit kurzem zu Anna Borromeos eifrigen Verehrern gehörte.

Borromeo begegnete Arnold im Stiegenhaus. »Willst du mich ein Stück begleiten?« fragte er in seiner zurückhaltenden und bescheidenen Art. Arnold erklärte sich bereit; er war auf dem Wege, Natalie Osterburg zu besuchen. Sie hatte ihm geschrieben, einen langen Brief mit hundert Entschuldigungen, er möge nicht böse sein, sie werde auf Ehrenwort das geliehene Geld am ersten Januar zurückerstatten, er solle sie doch besuchen und damit zeigen, daß er ihr noch freundlich gesinnt sei.

Sie gingen ein Stück Wegs, ohne daß Borromeo, was ihn beschäftigte, in Worte zu fassen vermochte. Er war redensmüde; immer schwerer wurde es für ihn, sich mit der realen Teilnahme des Lebenden vor ein Geschehnis zu stellen, da all und jedes Ding für ihn in ein unermeßliches Meer der Nutzlosigkeit floß. Trotzdem sagte er schließlich mit einem Anflug von kränklicher Ironie: »Du ziehst das lebhafte Mißfallen der besseren Kreise auf dich. Die besseren Kreise wollen nicht, daß man ihre Privilegien, die sie ja freilich nicht ausüben, zu wörtlich nimmt. Du solltest dir ein Sammetpolster kaufen und darauf sitzenbleiben. Tust du es nicht, so werden die besseren Kreise dafür sorgen, daß dein bisheriger Sitz mit Nadeln gepolstert wird. Du siehst, es ist kein schöner Kampf, man kann ihn nicht auf ehrliche Weise führen. Stecknadelschlacht ist es.« Er reichte Arnold die Hand und zog schwermütig die Brauen empor. Arnold sah ihm sinnend nach.

Bei Osterburgs wurde er in das große Wohnzimmer geführt. Im Ofen brannte Feuer. Es war eine ordentliche Versammlung da: Petra, die alte Frau König, Natalie, ihr Mann, ihre beiden Kinder und Hyrtl. Als Arnold eintrat, herrschte die größte Stille, und er gewahrte mit Erstaunen, daß alle Sieben in der gleichen Weise beschäftigt waren. Frau König legte Patiencen mit zierlichen Elfenbeinkärtchen, dasselbe tat Natalie; Petra spielte mit Herrn Osterburg Beziques. Selbst die beiden Kinder beschäftigten sich mit einem Kartenspiel und Hyrtl legte die sogenannte kleine Patience. So saßen sie seit Stunden, nicht nur an diesem Tag, sondern jeden Tag, den Gott gab. Bisweilen fing Frau König an zu schmälen, dann sagte Natalie Pst und vertiefte sich wieder. Hierauf entspann sich unter den Kindern ein bedeutender Kriegslärm und der würdige Vater brachte sie durch einen Zornanfall zur Ruhe, der genügt hätte, um eine Schar von Landsknechten einzuschüchtern. Auch er versank danach wieder im Spiel wie ein Frosch, der flüchtig das Wasser verlassen hat, nur um ein Donnerwetter am Himmel zu bequaken.

Natalie begrüßte Arnold etwas verlegen. Alle hörten auf zu spielen außer Frau König, die dem jungen Mann so vertraulich zulächelte, als ob sie nichts Lieberes als ihn kenne. »Gleich bin ich fertig«, sagte sie mit heiserer Stimme und deutete mit einer übertriebenen Rokokohöflichkeit auf einen leeren Stuhl an ihrer Seite.

Osterburg gähnte, befühlte seine Lenden und warf sich mit gelangweiltem Gesicht auf eine Ottomane, wo er einstweilen wie ein Gestorbener liegen blieb. Die beiden Kinder, gestachelt durch die Anwesenheit eines Fremden, brachen wechselsweise in ein völlig unbegründetes Gelächter aus, als ob es an sich verdienstvoll und der Aufmerksamkeit wert wäre, zu lachen. Mit verurteilendem Gesicht blickte Petra ins Leere.