»Denken Sie nur, ich schlafe nicht mehr«, klagte Natalie. »Seit vielen Nächten kann ich kein Auge mehr schließen.«
Osterburg bewegte sich. »Seit ich dich kenne, meine Liebe, hast du noch nie geschlafen«, rief er verdrossen und gereizt. Zu gewissen Zeiten reizte ihn der harmloseste Laut. Jemand gebrauchte das Wort Kunst und er begann unbestimmt ins Blaue zu schimpfen. Besonders auf neuere Malerei war er schlecht zu sprechen und Richard Wagner war aus unerfindlichen Gründen sein Todfeind. »Wissen Sie, daß ich krank bin?« sagte er jetzt, das Haupt matt nach Arnold drehend. »Ich habe Psorias.« Er hatte irgendwo den Fachausdruck für einen unbedeutenden Ausschlag gefunden und war sehr stolz darauf.
Natalie zog Arnold, der bisher kein Wort gesprochen hatte, in eine Ecke und nahm auf einem niedrigen Sesselchen neben ihm Platz. In atemloser Erregung sagte sie: »Wissen Sie denn schon? Ich hab’ es erst vor einer Woche erfahren –, wissen Sie es?«
»Was?« Arnold war verdutzt.
»Ich möchte Ihnen gern etwas mitteilen, Herr Ansorge«, ließ sich Osterburg wieder vernehmen, »aber geben Sie mir das Ehrenwort, daß Sie Silbe für Silbe glauben wollen?«
»Er braucht einen Maulkorb«, murmelte Hyrtl, der müde und verstimmt aussah.
Natalie klatschte in die Hände. »Petra!« rief sie triumphierend über das ganze Zimmer, »er weiß noch nichts. Also Sie wissen wirklich noch nichts? Seien Sie aufrichtig.«
»Wenn du so schreist, liebes Kind«, fiel die alte Dame mahnend ein, »kann ich unmöglich nachdenken. Ich habe kein Aß mehr, ...« Mit verglasten Augen starrte sie auf die soldatisch regelmäßigen Kartenreihen.
»Hanka hat seine Frau weggejagt«, begann Natalie mit Feierlichkeit und sah, die Wirkung erwartend, Arnold gespannt an. Da die Unbeweglichkeit dieser Züge sie enttäuschte, fuhr sie mit berechneter Steigerung fort: »Hanka ist verreist und niemand weiß wohin. Beate hat ein Verhältnis mit Pottgießer, Ihr Freund, Maxim Specht, hat die beiden miteinander bekannt gemacht. Alle Welt spricht davon, jetzt erst, obwohl die Geschichte schon Monate alt ist. Nun? was sagen Sie dazu? Ist das nicht entsetzlich? Aber so reden Sie doch etwas –«
Jetzt erhob sich Petra, schaute tief aufatmend und verzweifelt gegen die Decke des Zimmers und ging schweigend hinaus. Sie kam nach kurzer Zeit mit einem Buch zurück und ihre Züge zeigten ein ehernes Lächeln. Wenn sie ein Wort sprach, war es von der gewähltesten Natürlichkeit, denn sie glaubte sich von andern ebenso unaufhörlich beobachtet wie von sich selbst.