Natalie war unzufrieden mit Arnold. Er war weder überrascht, noch dankbar, weder erschreckt, noch anteilvoll. »Sie sind ein Stock«, sagte sie ärgerlich.

Hyrtl und Arnold gingen zusammen. Hyrtl sagte, er glaube im Ernst, daß sein Herz nicht mehr lange gehorchen werde. Kühl hörte Arnold darüber hinweg.

Vierzigstes Kapitel

Durch Schneegestöber und hochliegenden Schnee ging Verena von der Universität nach Hause. In der Nachbarschaft versorgte sie sich für den Mittag mit Schinken und Brot und erstieg nachdenklich die Treppen zu ihrer Wohnung: mit jeder einzelnen wurde ihr Herz schwerer und vergaß die schneeweiße Fröhlichkeit der Straßen. Oben wollte sie Tee kochen, fand aber, daß kein Spiritus mehr da sei. In Hut und Mantel kauerte sie vor den Ofen hin und legte Späne hinein, um aus der Glut noch einmal frisches Feuer zu gewinnen, dann stellte sie sich ans Fenster und ihr Blick schweifte ernsthaft über die zahllosen schneeberahmten Fenster der Höfe, hinter denen bisweilen ein umrißloses fremdes Gesicht auftauchte. Als es im Zimmer warm zu werden begann, nahm sie die Flasche, und, die Treppen hinuntergehend, hatte sie abermals das Gefühl, als nähere sie sich einem Schauplatz der Heiterkeit; in der Tat glich die Straße einem blendend weißen Saal, in welchem die Flocken einen schwerelosen Tanz aufführten.

Oben angelangt, setzte sie sich, anstatt Tee zu bereiten, vor das Knochengerüst, stützte den Arm auf die Lehne des Holzstuhls, den Kopf in die Hand und blickte unter halbgeschlossenen Lidern schräg auf den dürren Schädel. Wunderliche Anwandlungen, mit diesem Ding ein Gespräch anzuknüpfen, unterdrückte sie, ja sie erblickte sich selbst, losgelöst von Fleisch, Blut und Empfindung, doch immer noch Zwischenglied, beinernes Abstraktum. Eine seltsame Zärtlichkeit erschütterte sie von oben bis unten und bald darauf, als ob ihr Organismus von Kämpfen ermüdet sei, hatte sie Schlafbedürfnis. Sie legte sich auf das Bett und schlief ein, um nach einer Viertelstunde von dem Geräusch eines Eintretenden zu erwachen. Es war Arnold; erschreckt fragte sie, wie er hereingekommen sei. Seine Erklärung, daß die Außentüre nur angelehnt gewesen sei, nahm sie mit einem nachdenklichen und süßen Lächeln auf, in welchem noch ein Traum zitterte. Sie erhob sich, reichte ihm die Hand und strich die braunen Haare aus der Stirn. Über Arnold legte sich eine Erstarrung. Er glaubte glücklich zu sein oder doch die Nähe des Glücks zu ahnen. Das Bild eines märchenhaften Sommers stieg vor ihm auf; nackte Menschen wanderten zwischen Blumen und buntem Laub. Nie hatte er Verena so gesehen, still und von gleichsam animalischer Zutraulichkeit. Er ergriff ihre Hände, um zu sehen, ob sie es auch wirklich sei, er preßte ihre Hand an die Lippen und drückte die Zähne in die Haut, so daß zwei Halbkreise von blutunterlaufenen Strichen entstanden. Sie seufzte schmerzlich und drängte von ihm weg; er flüsterte, ungewiß lächelnd. Sein Gesicht war feucht und er breitete die Arme aus – nach nichts. Er folgte ihr nun, umschloß sie bei den Schultern und küßte sie. Ihre erstickten Bewegungen, sich zu befreien, glichen den Zuckungen eines betäubten Tieres. Der beschwörende Ausdruck und Glanz ihrer Augen erlosch langsam. Ihre beiden offenen Hände lagen zuerst wie zwei tote Körper auf seinem Haupt und glitten dann bis zum Nacken herab, um endlich schlaff mit den Armen völlig zu sinken. Arnold ließ sie nicht. Ihr tränennasses Gesicht sah er nicht. Er fragte nicht mehr, ob sie mit Freude gewähre, er sah nicht ihre Lebensangst; als sie nachgiebig geworden war, unfähig, einen vergangenen oder zukünftigen Augenblick zu bedenken, als alle gesprochenen Worte plötzlich leichter schienen wie die Luft, erfüllte Verena ein Verlangen, dessen räuberische Wildheit für sie etwas Elementares hatte.

Am Abend ging sie noch mit ihm fort. Allein im Zimmer zu bleiben, erschien ihr auf einmal unmöglich. Ihr Anschmiegen an ihn hatte etwas Furchtsames. Sie war überaus schweigsam; ihre Lippen waren wie versiegelt vor Erstaunen und Ratlosigkeit. Was ihr körperlich zurückgeblieben, war ein alle Glieder umgürtender Schmerz; und im Gemüt lag Nüchternheit, Selbsthaß und Erschöpfung. Noch gestern über den gewöhnlichen Dingen und Menschen der Straße schreitend, kam sie sich heute mit ihnen vermählt vor, jedenfalls vereinigt, verurteilt, ihr Eigenleben zu verlassen und an den tausend endlosen Geschäften der zum Tode strebenden Menschheit teilzunehmen. Der Lärm und die Unrast der unzähligen enggedrängten Häuser strömte auf sie ein. Die Stadt, wie eine dampfende Maschine mit glühendem Bauch, Dampf und Feuer ausspeiend, lebendige Leiber in ihren Fäusten zerquetschend, erhob sich aus der beunruhigten Erde, deren unsichtbarer Mund um Gnade bat. Sie ging ohne Festigkeit und spürte zwischen ihren Füßen und ihrem Leibe keinerlei Zusammenhang. Sie wußte kein Mittel, sich vor ihrem aufstürmenden Innern zu verschließen, als den Schlaf, aber sie mochte sich noch nicht von Arnold trennen. Seine Gegenwart erschien ihr notwendig; an ihm aufblickend glaubte sie ihn viel größer als sonst, und sie spürte etwas wie bange Erwartung vor seinem Urteil und seinem heiteren Blick.

Arnold begleitete Verena wieder zurück. Die kalte, stille Luft hatte sie beide erfrischt. Vor dem Tor blieben sie noch eine Weile plaudernd stehen; aber es war, als ob jeder nur aus Gefälligkeit gegen den anderen rede, da das Reden der inneren Stimme vorlaut zu werden begann. Verena suchte den Abschied von einer Minute zur andern zu verschieben. Ihr Gesicht war gerötet; einmal legte sie den Kopf auf die rückwärts gekreuzten Hände, wodurch die atmende Bewegung der Brust etwas Friedliches und Erstaunliches erhielt. Dann sagte sie gute Nacht und reichte ihm den Mund zum Kuß. Lange sah sie ihm nach, wie er sicher und fest dahinschritt und wie sich frohe Laune und frohe Leichtigkeit des Herzens in seinen Bewegungen ausdrückte. Ihr war es einsam.

Arnold dagegen war in der Tat voll Zufriedenheit. Er ging so aufrecht, als wäre ihm der Befehl über eine Armee übertragen worden, lächelte bisweilen verschmitzt und gemütlich in sich hinein, und als er nach Hause gekommen war, legte er sich sogleich ins Bett und schlief fest bis zum Morgen.

Die Sonne schien ins Fenster, als er beim Frühstück saß. Der Diener kam und meldete eine Dame. Es war Verena. Sie trat ein; ihr Gesicht war von einer eigentümlich strahlenden Blässe. Sie nahm mit den Bewegungen eines Gastes Platz. Mit weiten Augen, die keinem Aufenthalt begegnen wollten, schaute sie umher und sagte: »Ich wollte dich nur sehen, Arnold. Wie hast du geschlafen? Wie geht es dir?«

»Gut, sehr gut, Verena«, antwortete Arnold glücklich und mit erwachendem Stolz darüber, sie zu besitzen. Aber er sah an ihrem Wesen, daß sie wieder »gedacht« hatte, wie er es innerlich nannte und suchte seine sich regende Scheu durch eine etwas heuchlerische Freimütigkeit zu bemänteln.