»Nimm dasselbe Buch,« fuhr Myra leise fort. »Du weißt, was du auf eine leere Seite geschrieben hast. Es war das Schönste, Seligste. Die Mutter hat es gelesen und kam mit dem Messer gegen mich. Oh, cela ne fait rien, sagt Madam Biraud. Du siehst es ja, ich lache und jetzt lies, lies vor!«
Als Philipp Unruh zögerte, wurde sie ungeduldig, und ihr Mund verzog sich gramvoll. Da griff er mechanisch nach jener Ansbacher Chronik, die ihm allein von seinen Büchern geblieben war, blätterte mit bebenden Fingern und las von alten Ereignissen, vom markgräflichen Leben am Hof, von den Emigranten, von Denkmälern und Baubefugnissen, von Pest und Kriegsplage, kurz, was eben in solch einer Chronik Wichtiges zu stehen pflegt. Inhaltsloser und sinnloser waren ihm niemals Worte vorgekommen. Ihm schien, als grübe er Staub aus finstern Verstecken. Myra lauschte entzückt jeder Silbe und freute sich, als ob es eine amüsante Szene sei, deren Entwicklung sie zu hören bekomme. Allmählich wurden ihre Züge schlaff; sie lehnte sich zurück, ihre Augen schlossen sich, und sie schien zu schlafen, während der Lehrer aufgewühlten Herzens weiter las, den stillen Raum mit seinen monotonen Lauten füllend.
Plötzlich fuhr Myra empor. »Glaubst du es denn nicht,« rief sie aus, mit einer inbrünstigen Hingebung in ihrer Stimme, in ihren Geberden, in ihrem Gesicht, »glaubst du es denn nicht? Für dich könnte ich ja sterben!« Sie lachte glücklich und fiel wieder auf das Kissen zurück.
Philipp Unruh schlug die Chronik zu und stützte den Kopf in die Hand. Ihm war bang und weich zu Mut. Diese Worte, gleichviel ob sie ihm galten oder nicht, waren nun zu ihm gesprochen worden. Er durfte die Vergangenheit vergessen, ohne sie betrauern zu müssen. Diese Worte brachten sein Gemüt in Schwingung, wie der Glockenschall die Luft in einer Kirche bewegt. Er wußte, eine solche Stunde des Zutrauens, eine solche Nacht der Wunder würde nicht wiederkehren in seinem Leben, und unersättlich sog er alle Hoffnungsmöglichkeiten in sich ein, als könne dadurch seine Zukunft beschützt werden. Ringsum war alles Leben lebendig, geschmückt durch Hingabe und Zärtlichkeit, ja selbst durch Gefahr und Tod. Denn der Tod ist es wert, gestorben zu werden, wenn er etwas raubt, das zu besitzen sich lohnt. So wurde sein Geist weitschauend durch die Macht eines Augenblicks, welcher die Ewigkeit enthielt.
Er überzeugte sich, daß Myra nun wirklich schlief, und erhob sich geräuschlos. Er legte das Buch auf die Lade und dachte angestrengt nach. Wenn Myra krank lag und im Fieber redete, was sollte er dann mit ihr beginnen? Die Leute waren zu fürchten, denen der Tag Kunde bringen würde, wer nächtlicherweile in des Lehrers Haus eingezogen sei. Darüber mußte er wachen, mehr als über sein Glück. Höher als dies stand ihm die Sitte. Sie regelte nach seiner Überzeugung den Mechanismus der Welt im kleinen wie im großen.
Es war keine Zeit mehr zu versäumen. Betrübt warf er seinen Mantel wieder um die Schulter, trat neben die Schlafende und blickte lange auf das regungslose Gesicht, dem der Schlummer einen vergrämten und angestrengten Ausdruck verliehen hatte. Dann stellte er die Lampe auf den Schrank und ging leise hinaus. Er wollte zu Siebengeist, um mit ihm zu beraten, was hier zu tun sei.
Ohne das Tor zu versperren, betrat er die Straße. Es schlug zwölf Uhr vom Turm. Der Himmel war klar geworden und zitterte vor Kälte. In graublauer Dämmerung lagen Dächer und Giebel.
Neuntes Kapitel
Nachdem er den Glockenstrang bei der Apotheke gezogen hatte, öffnete sich unter dem spitzen Dachwinkel ein Fenster, und eine dünne Mädchenstimme schrie herab, daß kein Mensch zu Hause sei. Die Herrschaften und der Provisor seien auf dem Ball beim »Ratgeber«. Der Provisor käme erst in einer Stunde zurück, und solang müßte man warten oder zum Ratgeber schicken.