Sie wanderten über den Markt und über die Altmühlbrücke gegen die Dinkelsbühler Landstraße hinaus mit ihrer Laterne. Schweigend legten sie ihren sinnlosen Weg zurück, während der Schnee im Lichtschein glitzerte. Beide waren von derselben Ahnung, derselben Unruhe aufs äußerste erregt, aber jeder scheute des andern Wort oder Frage. Bisweilen blieb Siebengeist stehen, hielt die Laterne hoch oder stieg auf einen Meilenstein und spähte in das lautlose, finstere Winterland. »Jetzt wollen wir auf Theilheim zu,« sagte Siebengeist, und mit einem Auflachen fügte er hinzu: »Glauben Sie denn, daß eine einzige Nacht genügen wird, sie zu finden?« – »Es sind Wälder hier herum,« entgegnete der Lehrer. »Aber es ist möglich, daß sie noch im Ort ist.« – »Es ist möglich, ja. Was ist nicht alles möglich! Es ist möglich, daß sie verschwunden bleibt, und ich habe nicht ein einziges Mal – –« »Was? –« »Diesen wunderbaren Mund küssen dürfen.« Siebengeist blieb am Flußufer stehen, warf den Kopf ein wenig zurück und drückte die Augen zu. Der Lehrer entgegnete nichts darauf.
Zehntes Kapitel
In derselben Nacht noch, gegen die Morgenstunden, kamen Tauwinde aus dem Süden. Siebengeist und der Lehrer waren heimgekehrt und verbrachten miteinander den schlaflosen Rest der Nacht in des Lehrers Zimmer. Abgerissene Erzählungen überdeckten die suchenden Gedanken. Siebengeist lachte über den Gang mit der Laterne, so wie nur er zu lachen verstand, und der Lehrer dachte wieder: ein Adonis. Jedoch glaubte er sich bevorzugt wie durch unvertilgbare Versprechungen.
Zwischen sechs und sieben Uhr schlief er noch einen kurzen Schlummer der Müdigkeit. Er träumte, daß er sich in den Affen Kümmerlich verwandelt habe, daß er auf dem Dach des alten Turmes stehe und Grimassen schneide, über die die ganze Welt und insbesondere eine Frau mit einer schwarzen Larve unbändig lachen mußte. Doch wunderlicherweise hatte dieser Traum für ihn etwas Quälendes, vielleicht deshalb, weil die Höhe des Turms ihn trotz aller Grimassen mit Angst erfüllte.
Als er um neun Uhr am Schulfenster stand und gleichgültig die Ziegelmauern der Synagoge anstierte, liefen auf der Straße Menschen zusammen. Ein Milchbauer hatte auf seinem Handwägelchen einen großen, dunklen Gegenstand liegen, der sich wie ein menschlicher Körper ausnahm. Der Milchbauer redete eifrig mit den Leuten und zwinkerte dabei erregt mit den Augen. Der Lehrer öffnete das Fenster und rief hinunter, was es denn sei. Man habe ein Mädchen erfroren auf dem Feld gefunden, hieß es, und diejenigen, die das sagten, es war der Schmied, ein Marktweib und der alte Löwy, gebärdeten sich außerordentlich sachkundig. Auch der Bäcker kam aus seinem Laden, indem er den Mehlstaub von den dicken Schenkeln klopfte. Die Kinder im Schulzimmer verließen alle ihre Plätze, drängten sich mit Wildheit an die Fenster, und Philipp Unruh sah sich alsbald seines Aussichtspunktes beraubt, da eine Horde von schwatzenden Mädchen ihn umringt und zurückgeschoben hatte. Er fand kein strafendes Wort, sondern blickte geistesabwesend auf einen der blondhaarigen Kinderköpfe.
Schnell wie Strohfeuer lief das Gerücht umher, daß eine Schauspielerin von Herrn Schmalichs Truppe erfroren in den Feldern gefunden worden sei. »Se woar im Schneei douglegn wier in ihrn Bettla,« sagte der Milchbauer zu Doktor Maspero, der den Leichnam besichtigte. Auch der Bürgermeister und ein gerichtlicher Funktionär stellten sich ein, und die Leute, die den Totenwagen fuhren, zeigten sich verdrießlich über die Arbeit, die nichts trug.
»In diesem begabten Mädchen steckte das Zeug zu einer Ophelia,« sagte Herr Schmalich zu den Mitgliedern seiner Truppe, als er die Gedächtnisrede während der Probe hielt. Dann kam noch etwas vom Pantheon der Kunst, vom Kampf ums Dasein und weiblicher Tugend.
Die wahrhaft vornehmen Kreise nahmen das Ereignis mit Güte und Ruhe hin. Nur die Frau Assessor, welche eine unglückliche Schwärmerei fürs Theater hegte, schickte einen Immortellenkranz mit einer blaßroten Schleife, auf welcher ein nicht weniger blasses Verslein zu lesen war. Die Frau Oberamtmann geriet darüber in eine boshafte Aufregung und erzählte die ganze Geschichte im Kasinohof dem Herrn Adjutanten. »Kann solche Dummheit überboten werden!« rief die bewegte Dame aus. Der Herr Adjutant lächelte verzwickt, und als er zu Hause war, stellte er sich breitbeinig vor seinen Affen hin und redete ihn an: »Was sagst du, mein lieber Kümmerlich: ist es nicht rätselhaft, wie selbst die Dummen merken, daß die Dummen dumm sind?« Das Äffchen grinste höflich.
»Der Tod ist ein Ereignis, mit welchem man rechnen muß,« sagte der Baron Apotheker ernst und poetisch gestimmt zu seiner Frau, welche wie versteinert am Bücherregal lehnte, mit herabhängenden Armen und verschränkten Fingern. Ihr sonderbares Wesen veranlaßte den Dichter kaum zu einem flüchtigen Nachdenken. Solche Naturen sind wie Messer ohne Klingen. Sie gleichen einem Schützen, der in der drohenden Pose des Anschlags steht, aber statt der Flinte ein Spazierstöckchen zwischen den Schultern hält. Sie kriechen herum wie aufgeblasene Regenwürmer und vermeinen einen Adlerflug zu nehmen. Bis zu ihrem Sterbebett werden sie den Tod für ein Ereignis halten, das Beachtung verdient.