Während des Essens erhob sich mein Vater zu einem Trinkspruch. Ich erinnere mich heute nicht mehr an seine Worte. Damals schien es mir hinreißend, ihn so zu hören, und mein Blick, der auf ihn gerichtet war, zitterte förmlich. Er sprach zu uns von seinem Leben, von dem was untergeht und was bleibt, Erinnerungen, die wie Schiffe am Horizont vorbeizogen, – und eines ist mir unvergeßlich. Er sagte: Wenn ich einmal alt sein werde ... Er war im Oktober dreiundsiebzig geworden. Er dachte so wenig an den Tod wie ein Knabe.

Als er geendet hatte, stand Henriette auf, beugte sich zu ihm und küßte ihn auf die Nasenspitze. Das war ihre Art etwas Scherzhaftes mußte dabei sein. Die alte Dame klatschte in die Hände. Mit einem kindlichen, fast mädchenhaften Lachen ergriff sie das Glas und sagte, indem ihre Augen tief und warm strahlten: Mein unsterblicher Hilperich soll leben. Wer sie und Henriette zusammen sah, den mochten wohl sonderbare Gedanken über Jugend und Alter gefangen nehmen.

Mein Vater wurde immer aufgeräumter. Er stieß mich in die Seite, drohte mir mit Prügeln, wenn ich fortführe, so schweigsam zu sein. Henriette antwortete etwas zu meiner Entschuldigung, was mir sehr verständig vorkam. Überhaupt fand ich ihren Verstand immer bewundernswerter. Über alles ringsumher schien sie sich spielerisch klar zu werden. Dennoch sah ich Unruhe in ihren Augen.

Wie lang ist es eigentlich her, daß wir uns schon kennen? fragte die alte Dame in träumerischer Erinnerung.

Mein Vater wiegte den Kopf. Lange, lange, erwiderte er und tat einen tiefen Schluck aus dem Glase.

Ich glaube, es war an dem Tage, da Goethe starb, fuhr sie fort und lächelte. Mich durchzuckte es wunderbar, und ihr Seufzen kam mir lieblich vor, womit sie weiterredete, (indem sie einen Blick auf Henriette heftete): So blühen die Jungen auf und werden den Alten teuer. Was wirst du tun, wenn Henriette heiratet? fragte sie und blinzelte dabei schalkhaft.

Sie heiratet nicht, entgegnete der Greis kurz. Oder nicht sobald, fügte er hinzu, indem er das Ohr bis auf die Schulter senkte; heiraten ist ein Unfug.

Gut. Sie ist ja auch noch jung. Aber schließlich, Weib ist Weib. Nicht wahr? Die alte Dame zeigte ihre weißen Zähne und ließ den Blick naiv fragend von einem zum andern gehen. Dann lachte sie und fuhr heiter fort: Alle schreien wir: nie, und auf einmal sagen wir ganz leise Ja. Gut, Heirat hin oder her, aber – ihr Blick wurde plötzlich versonnen – nimm an, man verführt sie dir. Wie? Nun ja, das ist schon dagewesen. Du, der Freidenkende, was wirst du tun?

Henriette lachte mit gesenkten Augen kurz vor sich hin. Mein Vater kniff die Lippen zusammen und erwiderte mit einem unbestimmt jovialen Ausdruck und mit weinglänzenden Augen: Das ist plausibel; ich sag ihr: Gehe hin, was du verdienst ist dein Gewinn. Nachdem er dies gesagt hatte, stand er so heftig auf, daß der Stuhl hinter ihm zur Erde fiel, schlug mit der Faust auf den Tisch und brüllte oder kreischte: Ich würde sie zum Fenster hinunter werfen.

Henriette erhob sich, gänzlich blaß, ging zum Kamin und hielt wie frierend die Hände dagegen. Mein Vater folgte ihr, klopfte mit der flachen Hand auf ihren Rücken, lachte, setzte sich und nahm sie auf sein Knie. Sie hielt aber die Augen geschlossen.