Maria nickte. »Es stimmt wie eine Silhouette an der Wand. Es stimmt und ist doch nichts. Unbeugsam, unbiegsam; darin liegt etwas vom Wesen. Er hat mich gebogen; nicht gebeugt: gebogen. Ich hätte brechen können, dann war ich eben nicht die, die er brauchte. Ich kam aus einer Welt ohne feste Umrisse; man gehörte nicht zum Adel, man gehörte nicht zum Bürgertum, man hing gesetzlos dazwischen. Ich war in Deutschland geboren, aber in Österreich erzogen; die eigentümliche staatliche und soziale Luft dort bedingt ein gewisses Schwanken von selbst. Ich forderte durch mein Tun und Lassen zum Widerspruch heraus; ich war immer anders als andere, immer auf dem Kriegsfuß mit allen. Um mich zu finden oder etwas außer mir, das ich packen konnte, ging ich auf allen Seiten in die Irre, schlug allem Herkommen ins Gesicht, wurde ganz wild, ganz entfesselt, überwarf mich mit meiner Familie und den meisten Freunden, war von Freiheitsideen besessen und in Gefahr, mich in Schwarmgeisterei und Libertinage zu verlieren. Da traf ich Alexander. Es war der kritische Moment. Ich war häßlich verstrickt mit meinen neunzehn Jahren, das Sinnliche ist ja immer der Anzeiger vom Grad der Zerfallenheit; entfesselt und verstrickt, wie sonderbar, daß man es in einem sein kann. Aber es war ja die Zeit, wo man alles halb war, mit keiner Sache Aug in Aug stand, und beharrte man auf einem Weg, so war man fast verfemt. Wir sprachen uns nie, Alexander und ich. Er war mit einer offiziellen Mission beauftragt und erschien bisweilen, sehr unterschieden von Männern, die ich kannte, in der Gesellschaft. Daß ich seine Aufmerksamkeit erregte, daß er mich beobachtete, spürte ich natürlich; war ich auch meines Magnetismus sicher, der seine war noch stärker und hatte doch nicht die Kraft, mich gleich aus meinen Ketten zu reißen. Der Entschluß, mich in sein Leben hinüberzunehmen, traf ihn selber unerwartet. Ich werde mich hüten, Sie mit den Einzelheiten einer Liebesgeschichte zu langweilen; wichtig ist nur, daß wir uns heirateten und daß jeder von uns beiden wußte, sein ganzes Schicksal kam dabei in Frage. Was für Monate, Fürstin, was für Jahre! Wir traten uns gegenüber wie zwei Duellanten, wie zwei Ringkämpfer. Er verriet es mir einmal: hätte ihm nicht eine unvergeßbare Erleuchtung den Kern in mir offenbart, er hätte mich am Anfang schon wieder nach Hause geschickt; denn ich war zuchtlos, haltlos, voller falscher Begriffe, voller Vorurteile in bezug auf Liebe und Ehe und Mann und Weib und Gott und Mensch. Du hast das ganze Europa in dir, sagte er immer, und ich verstand lange nicht, was er meinte. Ich leistete Widerstand auch hier, ich setzte ihm das entgegen, was ich meine Persönlichkeit hieß, dieses Treibhauspflänzchen, das er Blatt für Blatt und Faser für Faser zerrupfte, daß nichts mehr davon übrig blieb als Beschämung und Trotz, immer noch Trotz. Und er suchte den Kern; unermüdlich, unablässig, Tag und Nacht, mit einer leidenschaftlichen Geduld, mit einem tiefen Wissen. Er grub mich aus mir heraus; er riß mich auseinander, um mich neu zu machen. Es tat weh; ich versichere Ihnen, Fürstin, es gab Tage, Wochen, wo ich zwischen Liebe und Haß erstickt und zertreten niederbrach. Und er, hinter mir her wie mit einer Geisterpeitsche: du mußt durch, mußt es durchleiden und wenns dich verbrennt; besser, wir gehn ehrlich mit- und aneinander zugrunde als ein Sterben an dreißig Jahren Mißverständnis und heimlichen Wunden. Und endlich wuchs ich ihm zu, aus meinen Trümmern; endlich fand er mich, gewann er mich. Es war um die Zeit, wo ich zum erstenmal schwanger war, nach fünf Jahren; daß auch er nicht unverwandelt blieb, ist selbstverständlich; hätte ich ihm nichts zu geben vermocht, so hätte ich ihm ja nichts sein können, und kluge Verträge gehören zum Sieg. Doch war ich sein Geschöpf und fühlte mich so. Er zog sich damals vom öffentlichen Leben zurück, wir gingen auf das Gut und begannen zu arbeiten. Jedes Ziel war gemeinsam. In Meinungen und Handlungen trafen wir uns immer an demselben Endpunkt. Wir lasen die gleichen Bücher, dachten die gleichen Gedanken, fällten die gleichen Urteile. Er verzieh sich keine Nachlässigkeit, seine Strenge gegen sich hatte etwas Mönchisches. Unmöglich ihn um eines Vorteils willen zu bewegen, das kleinste Recht auf seine Seite zu bringen, wenn es auf der andern war; eher hätte man Granit schmelzen können. Was er für seine Pflicht, für seine Lebensaufgabe hielt, war nichts Begrenztes, sondern ein ununterbrochen anschwellender Strom, und seine Hingabe war die äußerste, er verlangte von sich das äußerste und verlangte es von mir. Ich habe von Natur aus einen Hang zur Trägheit und Beschaulichkeit; den trieb er mir gründlich aus; manchmal weinte ich vor Zorn und Mitleid mit mir selbst, wenn er mir zuviel zumutete; aber es war dann doch das Richtige, und hatte ich mich bezwungen, so konnte er durch ein gütiges Wort allen Groll vergessen machen. Nur nicht sich verwöhnen, nur nicht sich verzärteln, nur nicht Gefühle hinverschwenden, wo man sich entscheiden muß, sagte er; und so verhielt er sich gegen die Welt, gegen seine Kinder, gegen die Untergebenen. Er entkräftete jeden Einwand durch Beispiel. In ihm lebte eine große Idee seines Volkes, eine große Idee von Herrschaft, die durch Dienst entsteht, durch Gehorsam und Ehrung des Brauches. Für ihn war der Zar eine göttliche Person wie für den einfachsten Bauern. Dieses Rußland, dieses russische Volk war ihm der heilige Nährboden der Menschheit, der Schoß der Zukunft, die Vorratskammer der Welt. Ich spreche von ihm, ich spreche von mir. Es gab da kein Anderssein mehr. Er und ich, wir verschmolzen gemeinsam in dieses Mystische, von dem Kraft ausging. Wir haben es gelebt. Ich wußte, wenn er eine Handvoll Ackererde aufhob, daß er damit das Ganze wog und prüfte, sein Land, mit dem Himmel darüber und den Menschen darauf. Ich wußte, wenn er unter seine Bauern trat, um Recht zu sprechen, daß er es im Gefühl der höchsten Verantwortung tat, als meißle er den Spruch in die Ewigkeit. Riefen sie ihn zu Hilfe, so kam er, ob es sich auch ums Geringste handelte; Schlittenfahrten durch die brennendkalte Winternacht waren nichts Seltenes. Sie durften ihn fordern. Dabei war er der Herr; er verstand es, Herr zu sein. Ich war die Herrin; er machte mich zur Herrin. Ich begriff es nach und nach. Herrin und Mutter, das galt ihm fast eins, Mutter von vielen, und so sagen sie auch Mütterchen zur Herrin. Das ist schön und schreibt einem den Weg vor. Wenn Sie das bedenken, Fürstin, erscheint Ihnen dann nicht alles ganz einfach?«
»Ich verstehe, ich verstehe,« murmelte die Fürstin; »einfach, ja. Das Wunderbare ist schließlich immer einfach. Ich verstehe die Entwicklung, verstehe Ihr Herz, aber, après tout, sind Sie denn nicht vollkommen enttäuscht? War es denn nicht vergeblich, jetzt, wo es so steht? wo wir ohne den Herrn sind, schauerlich verlassen?«
»Ich bin nicht enttäuscht,« antwortete Maria; »der Weg geht weiter. Ich bin auch nicht ohne den Herrn, welche Bedeutung immer Sie dem Wort geben.«
Die Fürstin fragte: »Seit wann ist Ihr Gatte von Ihnen fort?«
»Ziemlich genau ein Jahr. Zu Weihnachten hatte ich den letzten Brief.«
»Und wie ertragen Sie seine Abwesenheit? Es ist ja ein beklommener Zustand, in jedem Fall, nun erst in einem solchen Verhältnis.«
»Es gehört zum Weg,« sagte Maria. »Ich weiß, daß er mit mir im Raum ist, kommt es da auf die Ferne an? Schließ ich die Augen nur eine kurze Zeit, so seh ich ihn, hör ich ihn, muß lächeln über gewisse Eigenheiten beim Sprechen, die ich an ihm kenne, frage ihn, antworte ihm, berate mich mit ihm, und so ist es sicher auch bei ihm.«
Die Fürstin entgegnete: »Sie haben Phantasie, Maria Jakowlewna. Ich will Ihr Gefühl nicht verkleinern; alles, was Sie sagen, flößt mir Hochachtung ein und bestätigt meine Ahnung von Ihnen. Sie sind so klar wie das Wasser; Sie sind ohne Heimlichkeiten. Wie beruhigend, mit Ihnen zu plaudern, ja bloß dazusitzen und Sie anzuschauen. Aber sagen Sie mir eines. Ich glaube an Ihre Zuversicht; ich glaube daran, daß sie Ihnen die Sehnsucht, die Ungeduld, die Bangigkeit um das Schicksal eines so geliebten Menschen überwinden hilft; aber fühlen Sie sich nicht auch befreit? Erwidern Sie noch nichts, einen Augenblick noch; es ist so heikel; die Worte sind schwer zu finden; ich möchte nicht in den Verdacht kommen, daß ich Sie antasten, Verschwiegenes hervorzerren will –«
»Sie können alles sagen, ich werde es bestimmt nicht mißverstehen,« warf Maria freundlich ein.
Die Fürstin fuhr fort: »In Ihnen ist viel Leidenschaft. Sie sind sicher die leidenschaftlichste Frau, der ich je begegnet bin. Dabei aber auch die unnahbarste. Ich meine das in einem gewissen Sinn. Wie kann man dazu gelangen, allen Vorrat von Leidenschaft in ein Gefäß zu schließen und sich den Schritt ins Unbekannte für immer zu verbieten? Wie erreicht man diese Unerschütterlichkeit? Frauen sind entsetzlich preisgegebene Wesen. Man gibt sich entweder hin oder man hält sich zurück; im einen wie im andern Fall strauchelt man und wird um seinen Traum betrogen. Und da ist nun eine, die sich ein so festes Haus gezimmert hat, daß der Teufel keinen Platz darin findet. Man rüttelt an Tür und Mauern, um die Stelle zu entdecken, wo es brüchig ist. Weil man doch selber in einer Ruine wohnt und der Neid einen quält. Sagen Sie mir also: war es nicht ein unerträglicher Despotismus? Zuweilen nur, zuweilen –? Sind Sie nicht jetzt in Ihrem verborgensten Innern irgendwie erlöst oder bloß erleichtert? Ist nicht eine Last von Ihnen genommen, trotz aller Liebe? War Ihnen denn nicht die freie Wahl geraubt durch alle die Jahre, und haben Sie nicht heute die Empfindung, das Leben steht möglicherweise mit einem kostbaren Geschenk an der Pforte und Sie dürfen es ohne große Skrupel nehmen? Oder auch mit Skrupeln, nur nehmen, das Geschenk nehmen. Ich meine: ist Ihr Gemüt und Geist so bis zum Rand ausgefüllt von diesem einen Menschen und seinem Wollen und Ihrer Existenz an seiner Seite, daß es darüber hinaus keine Regung mehr für Sie gibt, keine Verlockung, keine Versuchung? Sie sind ja Weib durch und durch; an Ihnen blüht und leuchtet ja alles. Wär ich ein Mann, was würde ich nicht aufs Spiel setzen, um Sie zu gewinnen. Sie erröten; wie schön, wie rührend! Wie ein junges Mädchen. Aber antworten Sie, antworten Sie mir.«