Es war jetzt drei Uhr nachmittags. Bis sechs Uhr mußte also Anastasia eine Stätte für ihren Schützling gefunden haben. Sie irrte eine Weile durch die Straßen, ging bald in dieses, bald in jenes Haus, kehrte aber immer vor den Türen wieder um, weil sie überall eine abschlägige Antwort oder gar Verrat fürchtete. Da verfiel sie in ihrer Bedrängnis auf den Gedanken, Nadinsky in eines jener Häuser zu bringen, in denen an Liebespaare Zimmer vermietet werden, nur dort war es nicht notwendig, einen Paß vorzuweisen; wenn er noch zwei Tage Ruhe und Pflege haben konnte, war er gerettet, so hatte ihr der Arzt versichert, den sie am Morgen zu ihm geführt hatte, dann konnte er zur Grenze gelangen. Um den kühnen Plan durchzuführen, mußte sie aber eine Helferin haben, ein Geschöpf, dem man die Liebe glaubte und das stark, verschwiegen und klug war. Sie ließ alle jungen Damen, die sie kannte, an ihrem inneren Auge vorübergehen, aber keine schien ihr geeignet, eine solche Tat auf sich zu nehmen. Unter den Revolutionärinnen hatte Anastasia keine Bekannte, auch war es nicht geraten, einer Person zu vertrauen, die möglicherweise den Nachspähungen der Polizei ausgesetzt war; an eine Angehörige der untern Klasse oder gar an ein Frauenzimmer, das man bezahlen konnte, war nicht zu denken, es mußte eine Dame oder ein Fräulein aus der Gesellschaft sein.

Sie war ermüdet von den Anstrengungen der letzten Tage, und mehr um zu rasten als um eine Erfrischung zu nehmen, ging sie in eine kleine Konditorei an der Straße, trat in ein Nebenzimmer, in welchem ein dämmeriges Halblicht herrschte und wo zwei Frauen an einem Tischchen saßen und Schokolade tranken. Anastasia setzte sich in ihre Nähe, ohne sie zu beachten, merkte aber dann, daß die eine, die ältere Dame, sie fixierte und mit freundlichem Nicken herübergrüßte. Da erkannte sie die Frau; es war Anna Iwanowna Schmoll, die Gattin eines pensionierten Generals, die taubstumm war, und ihre Tochter Lukardis, ein etwa neunzehnjähriges Mädchen von nicht gewöhnlicher Schönheit. Kaum hatte Anastasia einen Blick auf sie geworfen, so sagte sie sich: Die muß es vollbringen und keine andere. Sie hatte vor Jahren im Hause des Generals Schmoll verkehrt, als Lukardis Nikolajewna fast noch ein Kind gewesen war, aber sie erinnerte sich ihrer wohl, sie hatte sich oft mit ihr beschäftigt, oft mit ihr gesprochen; sie erinnerte sich, daß das damals dreizehnjährige Geschöpf ihr stets in einer Weise aufgefallen war, wie es nur Menschen tun, die eine besondere Eigenschaft, eine besondere Kraft in sich verschließen; was für eine Eigenschaft oder Kraft es war, hatte sie nie ergründen können, soviel sie auch darüber gegrübelt hatte. Die Mutter war eine ziemlich einfältige Frau, fromm, apathisch und harmlos, sogar ihres Gebrechens nur dumpf bewußt.

Anastasia nahm am Tisch der beiden Platz und begann, nachdem sie die Generalin durch Mienen und Gesten nach ihrem Befinden gefragt, leise mit Lukardis Nikolajewna zu sprechen. Die Generalin blickte forschend auf ihren Mund, aber da sie der Unterhaltung nicht zu folgen vermochte, senkte sie bescheiden die Augen und störte das Gespräch durch kein Zeichen der Neugierde mehr. Anastasia spürte die Verwegenheit ihres Vorhabens mit beklommenem Sinn. Sie durfte keine Zeit verlieren; sie mußte sich kurz fassen; sie mußte in wenigen Sätzen alles sagen, das Außerordentliche verlangen, Lukardis innerstes Menschengefühl aufrühren und doch vorsichtig und listig sein, weil Zufall alles vereiteln, Ungeschick alles verraten konnte. Lukardis wußte wenig von den revolutionären Umtrieben; sie ahnte vieles, hatte jedoch weder Einblick noch Urteil; sie lebte in einer Sphäre sanfter Träume, mit der Erinnerung an Puppen und der Gegenwart hübscher Schmuckkästchen, mit dem Echo der neckischen Galanterien verheirateter Herren und der vorsichtigen Beteuerungen lediger und witterte doch, wie ein junges Waldtier, das fernes Jagdgetöse vernimmt, eine ungeheure Bewegung, Blut, Schmerz und Tod. Sie war zu handeln bereit, ohne es zu wissen; es gab Augenblicke, in denen sie eine leidenschaftliche Unruhe empfand, eine grundlose Ergriffenheit, einen Trieb, den Bezirk heuchlerischer Stille, in dem sich ihr Dasein formte, zu verlassen. Aber sie fürchtete die Welt, sie fürchtete die Menschen, sie erbebte vor jeder fremden Hand, die ihr gereicht wurde, ihr war, als ob alles trübe, ja schmutzig sei, was außerhalb ihres Hauses, ihrer Kammer war, sie hörte Leute auf der Gasse nie ohne Schauder reden, sie vermochte keine Zeitung zu lesen, ohne daß sie neben dem Wilden und Rätselhaften, als welches sich ihr das Leben, das Draußen darstellte, auch etwas unendlich Beflecktes und Befleckendes fühlte, selbst die meisten Bücher, ein Vers, ein Gassenhauer, ein Witzwort erweckten diesen schrecklichen, nicht zu besiegenden Eindruck.

Regungslos hörte sie Anastasia zu. Ihr ovales Gesicht färbte und entfärbte sich wieder. Da war keine Lockung, kein Prickeln des Unbekannten, keine mädchenhafte Lüsternheit und ungestandene Aufregungslust; nichts anderes vernahm sie als den Ruf zur Pflicht. Nichts anderes las sie in den harten Zügen Anastasia Karlownas. Sie brauchte nicht einmal einen Entschluß zu fassen; was sie zu tun hatte, stand sogleich und unabänderlich fest. Sie war Braut. Seit sechs Wochen war sie mit einem Petersburger Adeligen, dem Staatsrat Michailowitsch Kussin, verlobt. Ihre Eltern und die Freunde des Hauses glaubten, daß sie an der Seite des reichen Mannes einem beneidenswerten Schicksal entgegengehe, auch sie selbst fühlte sich glücklich. Wenn es etwas gab, das sie irre machen konnte, war es der Gedanke an ihn, dem sie mit schwesterlichem Gefühl zugetan war. Aber als Anastasia, welche dies spüren mochte, eine Andeutung fallen ließ, um sie darüber zu beruhigen, runzelte sie die Stirn und erwiderte, sie bedürfe des Zuspruchs nicht, ihr Bräutigam werde niemals die Meinung hegen, daß sie etwas Schlechtes oder Häßliches begangen habe.

»Sie sind also dazu entschlossen?« fragte Anastasia leise, indem sie den Blick ihrer grauen Augen auf die Hand des Mädchens heftete.

»Ich bin dazu entschlossen,« antwortete Lukardis ebenso leise, ohne die Lider zu erheben. »Es ist nur noch eine Schwierigkeit –«

»Gibt es noch eine Schwierigkeit, wenn man dazu entschlossen ist?« fiel ihr Anastasia rasch und mit einem fanatischen Ton der Stimme ins Wort.

»Wie soll ich es anstellen, zwei Tage und zwei Nächte vom Hause wegzubleiben?« fragte Lukardis, die Finger ihrer weißen Hände verschränkend.

Anastasia starrte düster sinnend auf einen Kuchenteller.

»Nur das eine ist möglich,« fuhr Lukardis flüsternd fort, »ganz in der Stille zu verschwinden, der Mutter einen Brief zu schreiben –«