Er ging zu Fuß nach Hause. So wenig achtete er auf den Weg und die Menschen, daß er sich einmal vor einem Auto stehend fand, das der greulich schimpfende Chauffeur in der letzten Sekunde noch anzuhalten vermocht hatte, das andere Mal in einer spielenden Schar zwei Kinder umstieß. Als er beim Pfauenhof vorüberkam, blieb er unwillkürlich stehen. Das Gebäude lag in halber Höhe des Hangs; der hölzerne Giebel eines langgestreckten Pavillons war von einer Girlande aus Tannenzweigen umwunden, und darunter prangte in roten Lettern auf weißer Tafel die Ankündigung: Morgen Abend findet große Tanzunterhaltung statt.
Zu Hause fand er einen Brief von Georg Mathys. Er las ihn ohne Anteil. »Ich habe erst jetzt eine annähernde Vorstellung davon gewonnen, wie viel Arbeit auf uns junge Leute wartet«, schrieb der Hemmschuh unter anderm. »Vor allem ist mir klar geworden, daß wir uns entschlossen ins Verhältnis zu den Tatsachen zu setzen haben. Das bedingt eine gewisse Härte und eine gewisse Kälte, und allerdings um die geht es. Vergangene Epochen haben mit Vorliebe das Abseitige und Irreale bewundert und gehegt, wenigstens platonisch; sie haben zum Beispiel den Träumer, oder besser gesagt, den Traumbefähigten auf ein Piedestal gehoben. Mich dünkt, daß das für lange vorbei ist. Ich meine damit nicht, daß der Traum aus der Welt geschafft sei oder der Träumer ausgerottet werden soll; ich bin sogar der Ansicht, daß es etwas gibt, was ich die Erziehung durch den Traum nennen möchte, das so tief und hintergründig ist wie die geheimnisvolle Untermalung auf manchen Meisterwerken, aber die Frage ist dann eben, ob es zur Figur reicht, ob Figur entstehen kann. Wir werden unsere Hände rühren müssen, Oberlin. Sieh zu, daß du in deiner Weise vom Fleck kommst. Neulich ging ich durch den Wald, und da hatten sie einen mehr als tausendjährigen Baum umgesägt. Herrgott, dacht ich mir, mein Leben und das von fünfzig meiner Kameraden da hinein, und es ist noch immer nicht dieses wunderbar und ungeheuer Verdichtete an Kraft, an Wuchtigkeit und an Bedeutung für das Ganze ...«
Dietrich legte den Brief mit der Empfindung beiseite: ich werde es später zu verstehen suchen.
Warum klassifizieren sie und stellen Rangordnungen auf? dachte er feindselig. Warum fordern sie, daß man gerade so und so sein soll? wenn man nun anders ist und mit dem Anderssein zu existieren hat? Ist man dann ausgestoßen aus dem wirklichen Leben? Kommt man dann nicht mehr in Betracht, wie eine Wanze, wie eine Laus? Und was ist das: das wirkliche Leben? was ist das: der Traum? Wer entscheidet: dies ist wirklich, dies ist unwirklich? Wer verwirft? wer verdammt? wer hält Gericht? Die Zeit? Was ist die Zeit? wo ist sie? Sie spricht nicht, sie kennt mich nicht, sie liebt mich nicht, ich spür sie nicht, was soll sie mir?
So sank er mit dem vergehenden Tag in Schwermut. Der Abend tröstete nicht, gab nichts. In der Nacht lag er auf dem Marmorrondell beim Springbrunnen und lauschte auf das Rieseln des Wassers. Der große Hund kauerte zu seinen Füßen, über ihm flammte, zwischen den Kronen zweier Kastanien, das Sternbild des Wagens. Es kam ihm vor, als seien seine Adern in Gold verwandelt und die Glieder verwunschen. Die Welt war ausgetilgt und ihr Süßes und Bitteres ganz in ihn hineingeschlüpft wie in einen Fruchtkern. Er schlummerte ein, aber es war kein Schlaf, es war banges Glosen in einem brausenden Element. Als der erste Tagschein rosig-kühl aufschimmerte, erhob er sich, ging ins Haus, warf sich ins Bett wie in einen Abgrund und schlief steinern bis zum Mittag.
Gegen sechs Uhr am Nachmittag saß er in dem kleinen Bibliotheksraum am Schreibtisch und versuchte seine Gedanken zu einem Brief an Mathys zu sammeln, als sich leise die Tür öffnete und Hedwig Schönwieser eintrat, lächelnd, den Finger auf dem Mund. Erst hatte sie den Kopf hereingesteckt und nachdem sie Dietrich gewahrt, hatte sie es sehr eilig gehabt, die Tür wieder zu schließen. »Es hat mich niemand gesehen,« flüsterte sie; »ich bin die Stiege herauf und habe mindestens schon in drei Zimmern nachgeschaut. Na, und da bist du ja endlich, kleiner Oberlin. Ich dachte schon, du wärst über alle Berge.«
Sie trug ein weißes Leinenkleid mit schmalen blauen Litzen; der Strohhut hing am Band an ihrem Arm. Sie schien sehr aufgeräumt, hatte die »diebische Lustigkeit« an sich, wie es ihr Freund Fink nannte, und bewegte sich mit einer ihr sonst nicht eigenen Freiheit, als wären unbequeme Fesseln von ihr genommen.
Dietrich vermochte kein Wort hervorzubringen. Er war aufgestanden, hatte sie angesehen, bestürzt, düster, beinahe hilflos, hatte sich wieder gesetzt, und sein Herz hämmerte tobend.
»Es ist dir wohl nicht recht, daß ich da bin?« fragte sie gekränkt.
Er stammelte etwas und gab sich Mühe, zu lächeln.