»Ach, es ist mir gleich, ob dirs recht ist oder nicht, ich wollte nur zu einem Menschen gehn«, sagte sie seltsam und setzte sich auf ein niedriges Bänkchen am Fenster.
»Wie schwül es heute ist,« seufzte sie; »das Blut gerinnt einem vor Schwüle.«
Und wieder: »Am Abend ist Tanzfest im Pfauenhof. Da möcht ich tanzen.«
Er sprach nicht. Sie verstummte gleichfalls. Sie schaute ihn eine ganze Weile ruhig und forschend an. Er hatte die Augen gesenkt und sein Gesicht wurde allmählich bleicher und immer bleicher. Sein Schweigen schien sie nicht zu stören, es war, als finde sie es selbstverständlich, und wie sie ihn so anschaute, wurde aus dem ruhigen und forschenden Blick ein neugieriger, ein mitleidig-messender, ein verlangender. Sie umschränkte die Knie mit den Händen, entstraffte die Muskeln des Körpers, und auf ihren Lippen war der Ausdruck von Durst. »Hast du einen Brief geschrieben?« fragte sie. »Zeig mir, was hast du geschrieben?« Sie erhob sich, trat an seine Seite, beugte sich über den Tisch und lachte. »Aber da steht ja nichts!« rief sie.
Da legte sie den linken Arm um seine Schulter und drückte die Wange auf sein Haar. In einer Mischung von Grauen, Schrecken, angstvoll lähmender Erregung und Bewußtlosigkeit verschwammen Dietrich alle Dinge ringsherum. Der Zustand eines trüben Halbgefühls von Geschehen und Sein war von dieser Minute an der herrschende in ihm. Ich muß sie erwürgen, fuhr es ihm wie kalter Stahl durch den Kopf, ich muß sie unbedingt erwürgen; zugleich erzitterte er in einer schwindelnden, erstickenden, gehaßten, häßlichen Begehrlichkeit.
Hedwig, sich dichter an ihn schmiegend, nun ohne Furcht, zurückgestoßen zu werden, ergriff mit der Rechten einen Bleistift und schrieb auf das leere Blatt: Ich erwarte dich punkt neun Uhr bei der Kapelle.
Sie sah ihn fragend an, stieß einen Vogellaut aus, drückte seinen Kopf an ihre Brust, schrieb wieder: Wirst du bestimmt kommen?
Sie sah ihn abermals an; da sagte er mit einer ihm völlig unbekannten Stimme: »Ich werde kommen.«
»Sicher?« jubelte sie leise.
»Sicher.«