Es trat aus dem engen Adlergäßchen plötzlich ein Mann, der ein sieben- oder achtjähriges Kind auf den Armen trug. Dieser Mann war völlig schwarz gekleidet; Strümpfe, Pantalons, Rock, Halsbinde, der ungewöhnliche kegelförmige Hut, alles schwarz. Er schien nur Augen zu haben für das Kind, das er trug; er sah nichts von dem nächtlichen Fest der Gasse, nicht die tafelnden Bürger, nicht ihre Lichter, nicht ihre Neugier; das Kind lag mit dem Köpfchen an seiner Schulter und streichelte bisweilen mit furchtsamem Lächeln seine Wange, fast nur, als wolle es sich überzeugen, daß das wirklich ein lebendiger Mensch sei, der es auf den Armen hielt, und so zärtlich hielt, so sorgsam, so sanft, so stark; bisweilen aber beugte es sich vor und zur Seite und blickte auf das Pflaster hinunter; und siehe, was war das? Ein Bild, seltsam und unglaubhaft, gruselig und erstaunlich: Mäuse liefen da; ein ganzer Zug von Mäusen; unzählbar; Hunderte und aber Hunderte, liefen hinter dem Schwarzgekleideten her, umraschelten seine Füße, und das Mädchen lachte still zu ihnen hinab. Als die Frauen dies gewahrten, stießen sie Schreckensschreie aus; die Männer erhoben sich von den Stühlen und Bänken und starrten dumm-entsetzt; Kinder beugten sich über die Tische, deuteten aufgeregt, ein paar Hunde schlugen an, und während dessen ging der Mann vorbei, die Straße hinauf, verloren in den Anblick des Kindes, und die Hunderte und aber Hunderte von Mäusen, dichtaneinandergedrängt, lautlos, zauberisch, wie mit Fäden an seine Füße gebunden, folgten ihm und verschwanden mit ihm, als er an der oberen Ecke zum Schloßplatz einbog.
Auf die Vermutung, daß der Mann Sturreganz sein könne, geriet keiner. Er zeigte sich nie; tagsüber hielt er sich in seinem Gasthofzimmer auf und ließ niemand vor sich. Auch Zudringliche von Stand, die sich ein Recht auf persönliche Bekanntschaft anmaßten, wurden abgewiesen. Man erzählte sich, daß er eines Morgens den Sanitätsrat Merklein aufgesucht und ihn um ärztlichen Rat gefragt habe, was gegen das quälende Gemütsleiden zu tun sei, an dem er seit Jahr und Tag laboriere. Der Sanitätsrat, der einen fremden Kaufherrn oder Gelehrten vor sich zu haben glaubte, sagte, er könne ihm ein vortreffliches Mittel empfehlen, er möge doch eine Vorstellung von Sturreganz besuchen, davor halte die hartnäckigste Verdüsterung nicht stand. Da habe der Patient schwermütig geantwortet: so ist mir nicht zu helfen, denn Sturreganz bin ich selber.
Sie wußten nicht, wie er aussah, und seine Leibhaftigkeit außerhalb der Bude, in der er ihnen seine Kunst zum besten gab, hatte bereits etwas Sagenhaftes. In dieser Nacht erfuhren es noch viele, die ihre Wißbegier und die Erregung über den Mäusegang nicht unterdrücken konnten. Während die älteren, abgekühlt und ein wenig durchschauert von dem Gesehenen, die Gegenstände der improvisierten Lustbarkeit hinwegräumten und sich in die Häuser zurückzogen, über die auf der einen Seite ein samtiger Schattenmantel, auf der andern ein gelbfließendes Gewebe von Mondlicht fiel, machte sich eine jugendliche Schar auf, um dem Manne nachzueilen. Sie sahen, daß er am Tor des Gasthofs zum Stern läutete, daß aber der Knecht, der ihm öffnete, zurückprallte und das Tor wieder zuschlug, als er die Mäuseflut gewahrte, daß er zum zweiten Mal und ungestümer läutete, daß dann der Wirt kam, ihm den Einlaß gleichfalls verweigerte, daß die Stadtwache sich einmengte, und als sie an Ort und Stelle waren, liefen schon von allen Seiten Leute herzu.
Fingerling
Daß Beckchen Taube mit drei Jahren in das Pescanellische Institut kam, ist schon bekannt. Madam Heberlein hatte sie eines Tages kurzentschlossen hingeführt, weil sich niemand ihrer annehmen wollte. Bankert und Komödiantenkind: beides war zu viel.
Der Verwalter schüttelte den Kopf. In so frühem Alter hatte man noch keine im Haus gehabt. So zart und gebrechlich überdies, die verdarb einem ja, wenn man sie anfaßte. Mochte sie immerhin versprechen, eine niedliche Person zu werden, darüber verhandeln ließ sich erst in ein paar Jahren. Dann müsse das arme Balg auf der Gasse krepieren oder auf den Schindanger geschafft werden, erklärte Madam Heberlein, da es ja ein Waisenasyl oder sonstige Versorgung in der Stadt nicht gebe; sie selber sei mit sechsen gesegnet und habe Not, die Mäuler zu füttern. Möge sie tun, was ihr beliebe, war die Antwort; das Institut sei seit neuestem ohnehin auf schmale Bezüge gesetzt und könne bei fortdauernder Kalamität leicht aufgelöst werden.
Selbst Eingeweihte munkelten mehr als sie wußten, daß der Name Tanzschule längst nur noch das unverfängliche Aushängeschild war; die eigentlichen Ziele wurden mit Umsicht und Vorsicht vor den Augen der Welt verschleiert. Es hatte sich ergeben, daß der Marchese sich das Beispiel seines Herrn insofern zunutze gemacht hatte, als er den von ihm erkannten Wert von Menschenware nach seiner Weise in klingende Münze umsetzte. Er hatte den Ehrgeiz nicht mehr, die heranwachsenden und zum Liebesdienst tauglichen Rekrutinnen für unbestimmte Zeit und ungewissen Zweck aufzusparen, sondern verlegte sich darauf, sie bei günstiger Gelegenheit zu verschachern. Allerdings konnte der Handel nicht so in großem Maßstab betrieben werden wie der des Markgrafen, war auch nicht gleicherweise geschützt durch die Machtvollkommenheit des unumschränkten und unverletzlichen Gebieters; somit waren die einzuschlagenden Wege dunkle Wege. Aber war am gehegten Spalier eine Frucht reif geworden und gelang es, sie am richtigen Ort in die richtigen Hände zu spielen, so war der Profit beträchtlich und die verschwiegenen Helfer wurden gut bezahlt. Was wollt ihr, Fleisch ist Fleisch; ob es Gott wohlgefälliger war, wenn man es dazu zwang und dressierte, unter Kartätschenhagel eine Festung zu stürmen oder den Großmogul und den Khan in der Walachei zu vergnügen, konnte erörtert werden, Gewissensbisse verursachte es nicht.
Was die Früchte und das Reifwerden betraf, war die gärtnerische Obsorge gering. In der Hauptsache verließ man sich auf die gütige Mutter Natur, die damals bei den Menschen einen gewaltigen Stein im Brett hatte. Die sich verheißend entwickelten, wurden betreut und nach Kräften geschont. Doch man lebte nicht in Toskana, sondern unter einem rauhen Himmel ohne aphrodisische Gaben. Solche, bei denen nur auf kärglichen Ertrag zu rechnen war, mußten nähen, sticken, flicken, scheuern, Körbe flechten, Glasperlen fädeln und Flachs verspinnen. Zweimal zwei Stunden wöchentlich kam Maître Herbois, der Tanzlehrer, und wendete redliche Mühe auf, damit das Firmenschild nicht ganz zur Lüge werde. Auch hier waren die Talente spärlich; das markgräfliche Ballettkorps hatte bis jetzt keine nennenswerte Bereicherung erfahren. Der Marchese sagte, die Frauen in diesem Land kämen mit Mammutfüßen auf die Welt.
Es fügte sich, daß Madame Heberlein, als sie das Haus verlassen wollte, ein Gespräch mit der Pförtnerin anknüpfte und dieser ihr Leid klagte, oder des Kindes Leid, das sie an der Hand nach sich zog. Zuweilen fällt ein Strahl des Erbarmens in die verfinstertsten Seelen; die Pförtnerin musterte Beckchen mit günstigen Augen; die rosigen Wangen und der offene Blick des Kindes gefielen ihr; sie sagte, wenn ihr der Verwalter die Kostzulage bewillige und ihr Mann nichts dawider habe, wolle sie das Wurm bei sich behalten. Der Verwalter erklärte sich nach langem Bitten bereit, der Mann maulte und gab sich schließlich zufrieden, und Beckchen hatte eine Zuflucht. Die Pförtnerin war ein verlottertes Frauenzimmer und lebte mit dem Trunkenbold von Mann in kinderloser Ehe. Die gutmütige, vielleicht auch nach einem so jungen Wesen sehnsüchtige Regung, die sie bestimmt hatte, Beckchen aufzunehmen, verflüchtigte sich bald, und das Kind ward nichts weiter als ein Stück Hausrat, das man von einem Winkel in den andern schiebt und vergißt.
Es schlief in einem dunklen Verschlag zwischen Treppe und Keller. Es war immer schmutzig, immer hungrig und immer allein. Manchmal putzte es sich am Brunnentrog das Gesicht, manchmal schlich es in die Küche und las einen Brocken auf oder kratzte eine Schüssel aus, aber Gesellschaft war nicht zu finden; das Haus unterlag strenger Absperrung; der Altersunterschied auch gegen die jüngsten Pensionärinnen war zu erheblich, auch stand Beckchen in der Rangordnung der Geschöpfe tiefer noch als selbst die letzte.