Beckchen lernte schwer sprechen, dafür lernte es, sich in verlassene Ecken zu schmiegen und sich vor den groben Gliedmaßen und plumpen Schritten der Erwachsenen eidechsenflink in Sicherheit zu bringen. Eidechse, das war das Gleichnis für ihr Sein, ihre Gestalt und ihr Tun. Wie die Eidechse hatte sie ihre Schlupflöcher und Verstecke. Der gelenkigste Knabe hätte dorthin nicht dringen können, wo sie mit ihrem winzigen Körper mühelos sich barg. Zwischen Balken und Brettern, so dicht sie standen, war immer noch Raum für sie; in einem zerfallenen Regenfaß, in einer Mauerbresche, hinter einem Schrank, in der schmalsten Dachluke und unterm Herd, wo Holz geschichtet war. Sie vermochte sich in einer Weise unscheinbar zu machen, daß die Leute, ohne sie zu gewahren, vorbeigingen, wenn sie auf dem Treppenabsatz oder neben der Torschwelle kauerte, und richtete einer das Wort an sie oder wollte sie anrühren, so war sie entschlüpft, eh er es recht wußte.
Der Trunkenbold starb, die Pförtnerin verzog ins Schwäbische, eine neue kam, und nun kümmerte sich überhaupt keine Seele mehr um Beckchen. Die Küchenmagd stellte ihr eine Schüssel mit Brotsuppe aufs Anricht, und Stücke Brot trug sie in der Tasche herum und knabberte daran, wenn sie der Hunger überkam. Fiel ihr das Kleidchen in Fetzen vom Leibe, so war es wieder die taubstumme Magd, die einen andern Fetzen beschaffte, zusammengestückelten Abfall und Wegwurf, der dann ein paar Monate die Blöße verhüllte und vor der schlimmsten Kälte schützte. Die stumme Magd war der einzige Mensch, mit dem Beckchen redete, und aus der Bemühung heraus fand sie die Worte und gewann neue Worte, sonst hörte sie nur, was aus Türen und Fenstern drang, was an Schall und Schrei durch die Gasse lief, was hinter den Wänden murmelte, klagte und schalt.
Aber sie liebte es, zu sprechen. Da niemand mit ihr plauderte, plauderte sie mit sich selbst. Auf der obersten Stiege, wo Spinnweben das Geländer überzogen, war sie schon weit von Menschen fort und hielt ihre Selbstgespräche, in denen es sich um Gelüste handelte, Gelüste nach gutem Essen und schönen Kleidern und nach einem Bett, wie sie es bei der Verwalterin gesehen. Erwägung, wie es wäre, wenn das und das geschähe, das Haus umstürzte, die Sonne verlöschte, Spinnen fliegen und Steine gehen könnten, dumpfe Vorstellungen von Wandlung der Dinge, Zauberei in den Dingen. Vater und Mutter hatte sie vergessen; von dieser war nur Erinnerung an ein weißes Gesicht im Sarg verblieben; von jenem etwas unendlich Fernes und Gestaltloses in einer Region, wo es keine Namen mehr gab.
Das mit den Mäusen begann, als sie fünf Jahre alt war. Da lag sie einmal krank in ihrem Verschlag, der ein wenig Licht von der Seite erhielt und am Abend sogar durch ein Öllämpchen neben der Stiege. Aber auch in der Dunkelheit konnten ihre Augen alles sehen; die Nadel in der Dielenritze hätten sie entdeckt. Es geschah, daß eine Maus an ihr Lager kam, hin und her trippelte, stehenblieb, sie mit den schwarzen Perlchen von Augen beguckte, den Schwanz ringelte, sich auf das Hinterteil setzte und im ganzen sich merkwürdig vernünftig betrug. Nach einer Weile erschien eine zweite, und wieder nach einer Weile eine dritte. Beckchen freute sich der lebendigen Kreaturen, doch hütete sie sich, die Freude durch heftige Bewegung zu zeigen; beim vorsichtigsten Laut aus ihrem Munde flüchteten sie schon. Aber dann kehrten sie zurück; Beckchen streute ihnen Brotkrumen hin; das flößte Vertrauen ein; es kam eine vierte, eine fünfte, und die erste wurde nun so kühn, daß sie den Teller erklomm, der noch von Mittag dastand, und den Suppenrest aufleckte.
Von da ab stellte sich Beziehung her und wurde dauernd und fortwirkend, als sei eine magische Kraft in dem Kind, als bekräftige sich dadurch ihre Entfernung von den Menschen. Wenn sie sich niederlegte, schlüpften die Mäuse aus den Spalten, zuerst sechs, acht, zehn, dann ein Dutzend und mehr. Sie wußte einen dünnen, gedehnten, pfeifenden Ton, auf den sie hörten, der sie sicher und zutraulich machte. Sobald sie das Kribbeln, Trippeln und Rascheln vernahm, lächelte sie, und wenn die glitzernden Augen ringsum auftauchten und wie zwergenhafte Irrlichter hin und her huschten, legte sie sich platt auf den Bauch und sah stille zu. Kam der Schlaf, so schloß sie ruhig die Augen, und wenn sie erwachte, brauchte sie nur zu pfeifen, und schon zwängten sie sich aus den Löchern.
Allmählich wurde es so, daß an allen einsamen Orten, wo sie sich niederließ, Mäuse um sie waren. Es ist nicht nur die Möglichkeit, sondern auch die Tatsache solcher Verhältnisse verbürgt, so selten sie auch in Erscheinung treten. Die Sage weist darauf hin, und unter den vielfachen Kräften, die in Menschenseelen versenkt sind, ist diese die geheimnisvollste bei weitem nicht. Es gab im Odenwald eine Pächterin, die die Vögel in der Luft zu sich rufen konnte, und alles Getier, das sich im Forst verborgen hält, auch das scheueste, Rehe, Füchse, Marder und Wiesel, und es wird von einem Jüngling im Elsaß erzählt, daß er eine unerklärliche Anziehung auf Fische übte, die ihm in unabsehbaren Scharen folgten, wenn er über den Rhein schwamm. Da ist ein Ruf im Blut und schlummernde Erinnerung an das Eins-sein aller Urnatur, die gebietet: du sollst nicht wissen, du sollst nicht vergleichen und du sollst dich nicht sondern. Beckchen gewahrte mit Lust, daß ihre Anhängerzahl sich von Monat zu Monat vermehrte. Abgesandte aus dem Innern der Erde, Wesen, mit denen sie Zwiesprache halten konnte und über die sie Macht gewann. Die Menschen, unter denen sie fast unbemerkt und ungesehen lebte, erlangten keine Kenntnis von all dem, sonst wäre ihres Bleibens im Hause wohl nicht länger gewesen; jeder nahende Schritt, jede Stimme, jedes verdächtige Geräusch verscheuchte die Tiere, und wenn sich dann jemand von den Riesen zeigte, sah er das Kind, die kleine schmutzstarrende Kreatur mit den beständig rosigen Wangen, in einer Ecke kauern, im Hof, im Flur, in einem ausgeräumten Saal und eigen vor sich hinlächeln, benommen, heimlich, listig lächeln. Hätte sie ihren Pfiff ertönen lassen, so wären die Mäuse trotzdem gekommen, das wußte sie, sie hatte es einmal erprobt, als sie eines Nachmittags in der Dämmerung von einigen Pensionärinnen im Tanzsaal überrascht worden war. Die großen Mädchen umstanden verwundert das winzige schmutzige Geschöpf mit dem feinen zarten Gesicht, den leuchtenden schwarzen Augen und entzückend feingebogenen Brauen. Da hatte Beckchen nicht zu widerstehen vermocht und hatte den kaum hörbaren Pfiff ausgestoßen, und die Mäuse waren hervorgekrochen, zwanzig, dreißig auf einmal; aber kaum waren jene der ersten ansichtig geworden, als sie laut kreischend davonliefen.
Der Zwischenfall war in Vergessenheit geraten, und es kam niemand darauf, in Beckchen die Urheberin zu suchen, als die Mäuse nach und nach erschreckend überhand nahmen und zur richtigen Plage wurden. Man streute Gift, stellte Fallen, brachte Katzen ins Haus, räucherte und schwefelte die Löcher aus, vermörtelte die Ritzen; alles umsonst. Keine Kammer war mehr sicher, die Vorräte wurden angenagt, das Holz der Schränke durchgebissen, Betten, Kleider, Schuhe zeigten Spuren der Verheerung, und der Zöglinge bemächtigte sich solche Angst, daß manche schlaflos wurden, ein verstörtes Wesen hatten und mit Fluchtgedanken umgingen. Auch den Aufsichtsbeamten, dem Verwalter, dem Maître Herbois und gelegentlichen Besuchern war es bänglich, wenn sie in der Dunkelheit und später sogar bei hellichtem Tag auf die wimmelnden Nager geradezu mit Füßen traten, und die Panik erreichte den Höhepunkt, als eines Nachts einer der hoffnungsvollsten Pfleglinge, eine fünfzehnjährige Brünette namens Margarete Kern in Krämpfe verfiel, weil ihr die Mäuse im Schlaf über Gesicht und Brust gelaufen waren. Die Krämpfe wiederholten sich Nacht für Nacht, wuchsen an Heftigkeit und führten schließlich den Tod des Mädchens herbei.
Dies geschah in der Zeit, als Sturreganz schon in der Stadt war. Der Marchese kehrte eben von einer Reise zurück; er war außer sich, als ihm Bericht erstattet wurde und befahl strengste Untersuchung und tätige Abhilfe. Es wurde vorgeschlagen, ein anderes Asyl für das Institut ausfindig zu machen, denn die Mädchen weigerten sich, im Dunkeln zu bleiben, wollten nicht mehr zu Bett, wurden bleich, schreckhaft und aufgeregt. Der Leichnam der jungen Margarete lag noch im Haus; das Gerücht von dem Vorfall hatte sich verbreitet und gab zu schlimmem Gerede Anlaß. Pescanelli mußte auf der Hut sein, er hatte nicht mehr viel aufs Spiel zu setzen, die markgräfliche Gunst hatte während der letzten Jahre, wo die Trübsal am Hof zu höheren Ehren kam als Munterkeit und Witz, bedenklich abgenommen; die unbedeutendste Ursache konnte der lukrativen Herrlichkeit ein Ende bereiten, darum galt es, das unangenehme Geschehnis um jeden Preis zu vertuschen, und der Verwalter erhielt den Befehl, daß die Tote in der Nacht und unter Vermeidung jeglichen Aufsehens begraben werde. Trotzdem drangen unbestimmte Nachrichten ins Schloß; es schien, daß dem Markgrafen auch sonst allerlei Abträgliches über das Institut zu Ohren gekommen war; Pescanelli, wie die meisten Abenteurer dieser Art, Feigling durch und durch, und um das, was er erschlichen und erstohlen hatte, beständig zitternd, grübelte darüber nach, wie er das drohende Unwetter von sich abwenden konnte, und als er von Sturreganz und dem beispiellosen Tumult hörte, den der zugereiste Komödiant unter der Bürgerschaft verursachte, war sein Plan so gut wie fertig.
Indessen erhielt der Verwalter des Instituts am Nachmittag vor dem Begräbnis der Margarete Kern eine seltsame Botschaft oder Aufforderung. Von einem Diener, der aus dem Stern-Gasthof kam, wurde ihm ein Schreiben übergeben, in dem er trocken und kategorisch ersucht wurde, ein Kind namens Beckchen Taube, acht Jahre alt, seit seinem dritten Lebensjahr im Institut ohne eingeholte Zustimmung des Vaters untergebracht, zur selben Stunde auszuliefern. Der Brief war unterschrieben: Sturreganz im Auftrag und in Vertretung des Vaters. Beigelegt war eine mit Ludwig Taube unterzeichnete Vollmacht des Vaters.
Der Verwalter sagte, es täte ihm leid, eine Beckchen Taube befinde sich nicht in der Anstalt; man möge dies melden. Der Bote erklärte darauf, er dürfe unverrichteter Dinge nicht zurückkehren, sein Herr habe ihm bedeutet, wenn er von der Komödie nach Hause komme, müsse er das Kind vorfinden, sonst geschehe Unheil. Nun geriet der Verwalter in Zorn, wiederholte seine Erklärung und fügte hinzu, selbst wenn die Genannte im Hause wäre, sei er keineswegs befugt, sie freizulassen, und ohne höhere Bewilligung enthalte er sich auch jeder weiteren Auskunft. Der Wortwechsel fand im Flur statt, als der Sarg mit der toten Margarete Kern über die Stiege heruntergeschafft wurde. Weinende Mädchen folgten, das Gesicht mit den Händen bedeckend, und eine beugte sich laut schluchzend über das Geländer. Da erschrak der Abgesandte von Sturreganz und dachte in seinem Sinn, es müsse einen schwerwiegenden und furchtbaren Grund haben, daß die amtliche Person sogar die Anwesenheit des Kindes Beckchen Taube leugne, und es könne nicht anders sein, als daß der Sarg die Erklärung dafür biete. Die Verlegenheit und das Erbleichen des Verwalters, dem dieser Zeuge des Sargtransports höchst unerwünscht war, schienen den Argwohn zu bestätigen, aber viel Muße zu schauen und zu fragen hatte er nicht mehr, da ihn der ärgerliche Majordom ohne Umstände vor die Türe schob und hinter ihm den Schlüssel zudrehte.