Im August.

Fünf Monate nach dem verkündeten Spruche. Himmel, diese Umstände um einen einzigen Menschen. Ich weiß nicht, ob man bei einer Frage von Krieg und Frieden so viel Zeit gebraucht, und daran hängt das Leben von Tausenden!

Es gibt ein Etwas im großen Weltenraume, das unheilvoll sein Wesen treibt, und eine dunkle Ahnung sagt mir nur: es waltet gegen dich! Es waltet unsichtbar, es waltet stumm und grausig, dies dämonische Wesen des Geisterreichs.

Das Jahr ging zu Ende, ohne das vom König bestätigte Urteil zu bringen. Das Gerücht von der Freigeisterei des seltsamen Verbrechers drang in die höheren Kreise und füllte manches gläubige Herz mit Entsetzen. Die entschiedene Weigerung Holzwarts, den Geistlichen zu empfangen, seine ebenso entschiedene Ablehnung einer geistlichen Begleitung zum Richtplatz, und das finstere und verschlossene Wesen, das er zeigte, wenn der Gefangenenprediger bei ihm eintrat, verbreitete ein wahres Grauen vor ihm. Es wurden Versuche gemacht, ihn zu erleuchten, aber man stieß auf klare und festgegründete Überzeugungen statt auf bösen Willen und dumpfe Verstocktheit, die man vorausgesetzt, und dagegen war aller fromme Bekehrungseifer machtlos.

Das Jahr 1848 regte seine gewaltigen Schwingen. Die Unruhen wurden stürmisch. Im Februar unterzeichnete der König das Todesurteil, und endlich wurden Anstalten zur Hinrichtung getroffen. Es gab bei Magdeburg einen Anger, wo manches blutige Haupt gesunken, mancher menschliche Leib von den Rädern zerstampft worden war. Hier sollte auch für Holzwart das Schafott errichtet werden; die königliche Gnade hatte die Strafe des Räderns in die der Enthauptung verwandelt. Der Tag wurde anberaumt, eine Truppenabteilung war schon kommandiert. Noch wußte Holzwart nichts von den Veranstaltungen zu seinem nahen Ende, aber ihm ahnte etwas. Die Nachgiebigkeit des Wärters verriet ihm zuerst die Nähe seines Endes. Aber er fragte nicht, er zagte nicht; sein Auge blieb ruhig und sein Herz stark. Alles war bereit, der Scharfrichter bestellt, da brach der Volksaufstand los. Die Bande des Gesetzes waren gelöst, und die Behörde scheute sich, eine Hinrichtung vollziehen zu lassen. Der Termin wurde vertagt.

Vielleicht war dem Gefangenen doch manches Wort zu Ohren gedrungen, das ihm den Stand der Dinge verraten hatte, und wieder wie ehedem rief es in ihm: du stirbst nicht, kannst nicht sterben. Es bemächtigte sich seiner eine schmerzliche Unruhe; seine Geduld wich zuzeiten einer kurzen aber tiefen Erregung, und seine Papiere bezeugen es, daß ihm davor bangte, das Leben noch lange ertragen zu sollen.

Im Mai 1848.

Ein Mann, der edlen Trotz besitzt, sollte der voll ruhigen Gleichmuts nicht in Freude und Leid die Grenzen wissen? Welch ewiges Schwanken zwischen Leben und Tod, von heute zu morgen, von morgen noch weiter. Armer König, immer Schach! Immer Schach! Schach bis zum matt.

Im Juni.