Sie zögern. Und ich grüble. Was hält mich? Was möchte ich noch? Das Grab der Meinen sehen, die Erde küssen, wo die Schlummernden ruhen. Unbegreiflich, daß ich mich bis jetzt ließ vertrösten.

Es findet sich die amtliche Anzeige des Gefängnisinspektors an den Richter, daß Holzwart seit fünf Tagen die Speisen unangerührt lasse und auf alle Vorwürfe die Antwort erteilt habe, er werde sein Ziel zu erreichen wissen. Der Richter stellte ihn ernstlich zur Rede, und Holzwart scheint Reue empfunden zu haben, denn er schrieb am 4. Juli:

»Genug, genug! Ich will alles ertragen. Der Ernst in seinem Auge; das harte Wort: Wenn Sie sich der verdienten Strafe entziehen, muß ich Sie für einen Feigling halten! Ich beuge mich. Mein Leben sei ein tributpflichtiges Opfer.«

Er kehrte zu der geduldigen Gelassenheit zurück, nachdem er vergeblich den Kampf mit seinem Geschick gewagt hatte. Als im preußischen Staate die Ordnung wiederhergestellt war, wurde das Todesurteil Holzwarts in lebenswierige Zuchthausstrafe verwandelt. Es muß ihn ein ungeheurer Schrecken bei der Verkündigung dieses neuen Urteils erfaßt haben; eine mit flüchtiger Schrift gemachte Aufzeichnung, die letzte, die überhaupt vorhanden ist, lautet: Am Leben bleiben, solche Gnade! Gezüchtigt durch Zuchthaus für eine solche Tat! Es kann nicht sein, es darf nicht sein!

Seit der Gewißheit seines Schicksals sprach er überhaupt nicht mehr. Eine kalte Entschlossenheit lag auf seinem Gesicht, und die freundliche Ruhe seiner Mienen war düsterem Ernst gewichen. Im Zuchthaus fügte er sich streng der Ordnung und zeigte sich im Benehmen und im Fleiß exemplarisch. Daß er still und abgeschlossen seinen Weg verfolgte, schien jedermann natürlich. Man hatte nicht verfehlt, der Direktion des Zuchthauses die Selbstmordversuche Holzwarts selbst mitzuteilen, um sich bei den jetzt vermehrten Gründen zu solcher Tat der Verantwortung zu entheben. Die Furcht schien unnütz. Ein Monat nach dem andern verlief, ohne der gesteigerten Aufmerksamkeit den geringsten Verdacht zu geben. Um so unerwarteter wirkte die amtliche Nachricht von Halle:

Der von dem Königlichen Kreis- und Stadtgericht hier eingelieferte Christian Holzwart aus Magdeburg stürzte sich am Sonntag, den 28. Januar 1850 nachmittags um drei Uhr bei Ausgang aus der Kirche von der Verbindungsbrücke des Flügels B und blieb auf der Stelle tot liegen, indem er sich den Hirnschädel gespalten und fast alle Glieder zerschmettert hatte.

So war der unglückliche Mann zur ersehnten Ruhe gekommen. Mit welchen Gefühlen mag er die acht Monate im Zuchthaus in Gemeinschaft mit Menschen erlebt haben, die er als das Verächtlichste im weiten Weltenraum bezeichnet hat? Mit welchen Gefühlen mag er die Tiefe des Abgrunds ermessen haben, bevor er sich hinunterstürzte? Den Tod zu zwingen, das war vielleicht seine stärkste Regung.

Karl August von Weimar

Die siebzehnjährige Vormundschaft der Herzogin-Mutter Amalia bedeutet ein unvergängliches Ruhmesblatt in der deutschen Geschichte, denn unter ihr wurde Weimar der Sammelpunkt jener Genien, denen die Unsterblichkeit sicher ist und durch die der Hof von Weimar einen stillen, aber hohen Glanz erhielt, wie er von keinem andern deutschen Hof jemals ausgegangen ist.