Nun befand er sich einst in dem Zimmer, wo auf einem mäßig großen Regal die Bücher des Vaters aufbewahrt wurden, und kramte nach seiner Lieblingsgewohnheit unter den alten Scharteken, die sämtlich aus Herrn Ratgebers Jugend und Jünglingsalter waren. Beim Aufschlagen eines grauen, mehr von der Zeit als vom Lesen zerstörten Bandes, einer Abhandlung über das Prinzip der Elektrizität, gewahrte er auf dem Vorsatzblatt ein Gedicht von der Hand seines Vaters. Die Verse waren überschrieben: An Agathe Herz; er las, platt auf dem Boden liegend, mit aufgestützten Armen, vor sich hin:
Ist es bestimmt in Gottes Walten,
Daß ich Agathe soll erhalten,
Die mir des Lebens Inhalt gibt,
Dann will ich keine Mühe scheuen,
Mich selbst durch Tugend zu erneuen,
Denn fromm ist nur ein Mann, der liebt.
Ach, dieses holde Blühn auf Erden!
So schön war noch kein Lenzeswerden
Meiner Dunkelheit gewohnten Brust.
Doch süßer, als wenn Zephyr fächelt,
Ist’s, wenn Agathes Auge lächelt,
Davor wird jeder Schmerz zur Lust.
Lange blickte Engelhart auf das Blatt, ohne es zu wagen, sich einer sanften Regung völlig zu ergeben. Die gelesenen Worte veränderten unerwartet das Bild des Vaters. Er war so verwundert, wie wenn ein Geschöpf, das er für stumm gehalten, plötzlich zu reden begonnen hätte. Ob wohl die Mutter um dies Gedicht gewußt? Wenn nicht, so mußte sie zeitlebens über die Empfindungen des Gatten im unklaren geblieben sein, denn daß der Vater je mit ihr davon gesprochen haben könne, schien ihm undenkbar. Jedenfalls verbarg er seine Entdeckung sorgfältig und ließ sich nichts merken, doch schaute er bisweilen den Vater so gedankenverloren an, daß dieser, unangenehm berührt, sich das freche Anstarren, wie er es nannte, verbat.
Herr Ratgeber durfte nicht zur Ruhe kommen. Sein Unglück erfüllte sich nicht auf einen Schlag, es nippte langsam, Schluck für Schluck von den Kräften seiner Seele. Durch die Unvorsichtigkeit eines Lehrlings brach während einer Mittagsstunde ein Brand in der Fabrik aus. Herr Ratgeber saß gerade beim Essen und schien etwas heiterer gestimmt als sonst, da gellte von drunten der durchdringende Schrei: Feuer! Mit den Worten: »um Gottes Himmels willen« sprang Herr Ratgeber auf und raste hinunter. Weißer, dicker Dampf quoll durch alle Fenster des Erdgeschosses, das Holz und die Sägespäne waren eine gar zu leichte Beute für die Flammen. Nach wenigen Minuten bliesen die Feuertrompeten, die großen Leiter- und Spritzenwagen konnten nicht durch den Toreingang des Vorderhauses fahren, die Leitern mußten abgeladen und die Schläuche bis auf die Straße gelegt werden, wodurch eine verhängnisvolle Verzögerung entstand. Herr Ratgeber war indessen von seinem Bureau aus in das Innere der brennenden Werkstätten gedrungen; später wurde er gefragt, warum er dies getan, da er doch als einzelner auf keinen Fall etwas hätte ausrichten können; er wußte nichts zu antworten, es war nur der blinde Trieb gewesen. Es dauerte nicht lange, so war er dermaßen in Qualm gehüllt, daß er weder vor- noch rückwärts konnte, die Sinne schwanden ihm und er fiel um. Zum Glück durchbrachen die Feuerwehrmänner in demselben Augenblick eine hier befindliche, mit Brettern verschlagene Tür, sie sahen Herrn Ratgeber liegen und schleppten ihn hinaus. Engelhart schaute vom Fenster oben zu; er rührte sich nicht, Frau Ratgeber weinte und schrie, räumte die Schränke aus, warf das Silberzeug in eine Kiste, er stand am Fenster wie versteinert. Im ersten Stock des Fabrikgebäudes war eine Gipsgießerei; auf den Simsen lagen gewöhnlich allerlei Masken und Reliefs, und Engelhart beobachtete mit einer der dumpfesten Angst sich entringenden Spannung, wie die Figuren vom Rauch geschwärzt wurden und die Gesichter der Masken sich langsam verzerrten.
Die Folge des Brandes war, daß die Polizei den ferneren Betrieb der Fabrik nicht mehr gestattete, da die Lage des zwischen Hinterhäusern eingezwängten Traktes als zu gefährlich befunden wurde. Herr Ratgeber mußte so schnell als möglich eine andre Lokalität haben, auch sann er auf Vergrößerung der ganzen Anlage, obwohl der bisherige Erfolg ihn keineswegs dazu ermuntern konnte. Er hatte wenig Kredit, seine Pläne begegneten dem Mißtrauen der Geldleute, und wie um ihn zu demütigen, wies man darauf hin, daß sein Bruder, seitdem er allein das Geschäft in Händen habe, trefflich gedeihe. »Gewiß,« entgegnete Herr Ratgeber, »ich bin eben kein Krämertalent, ich bin Fabrikant.« Schließlich gewann er durch seine geduldige und überzeugende Beredsamkeit doch noch einen Kapitalisten, der zugleich sein stiller Teilhaber wurde, er mietete ein leerstehendes Haus am äußersten Rande der Schwabacher Landstraße, unweit davon stand, gleichfalls in großer Einsamkeit und Stadtferne, ein neuerrichtetes Zinshaus, dessen zweiten Stock er mit seiner Familie bezog. Nach der Rückseite breiteten sich die Wiesen aus, und ein mageres Waldstück schloß den Blick ab, vorne, gegen die Rednitz hinunter, lag das Dambacher Land, dann die tiefen Forste, die sich bis gegen Kadolzburg und Erlangen dehnten. Das auf der Höhe der Chaussee gelegene Gebäude war den herbstlichen Stürmen von allen Seiten schutzlos preisgegeben und zitterte oft unter dem Anprall bis in seine Grundmauern; wenn die Sonne unterging, waren die Wände und Fensterscheiben wie mit Blut bestrichen, alle Gegenstände im Zimmer glühten von innen heraus und im Spiegel über dem Sofa malte sich noch einmal das flammende Himmelsmeer über der auf ihre stärksten und einfachsten Linien zurückgeführten Landschaft. Die Verlassenheit hier draußen wirkte nicht wohltätig auf Engelhart; Besuche kamen höchst selten, auch für die Kameraden wohnte er zu weit, und innerhalb der Familie war doch Herz dem Herzen fremd. Einer lauerte des andern Verfehlungen und Sünden auf, nur Furcht vereinte sie hie und da einmal, zum Beispiel als in einem nahegelegenen Wirtshaus ein durchreisender Fremdling ermordet wurde und die Regungslosigkeit der darauffolgenden Nächte allen zehnfach fühlbar wurde. So wühlte sich Engelhart immer mehr in gefährliches Abgeschlossensein, dunkler färbten sich seine Träume, von Tag zu Tag ward ihm wesenloser, was alle Menschen rings um ihn herum an ihr Dasein knüpfte. Drei Elemente webten in seiner Brust, nämlich ein schwaches, ein süßes und ein diabolisches. Das erste fügte sich jedem Druck des Windes und der Trauer jedes Augenblicks, fügte sich und unterlag, es gab ihn fruchtlosen Erwartungen preis und machte ihn zum Knecht allerlei schlechter Gewohnheiten; das zweite verlieh ihm tiefen Atem, tiefes Weilen bei sich selbst und die Liebe für die kleinen Dinge, an denen andre gleichgültig vorübergehen, es schuf Dämmerung um seine Augen und breitete eine gewisse Andacht über seine zügellosen Phantasien; das dritte war schuld an der Heftigkeit seiner Begierden, es erzeugte aus jeder Bewegung des Gemüts einen leidenschaftlichen Rausch, erweckte Ansprüche an das Leben, die sich niemals erfüllen konnten, vertauschte im Nu Freude und Angst, Ungeduld und Apathie, Überheblichkeit und Demut, Starrsinn und Nachgiebigkeit. In einem alten Buche las er einmal Worte, die ihm lange Zeit rätselhaft erschienen und später plötzlich eine furchtbare Bedeutung enthüllten: Da stehst du am Abgrund des Bösen, armseliger Mensch, und scheuest dich, hinunterzublicken, aber wenn du auch deinen Pfad abkehrst, so werden dich dennoch die Geister ewig verfolgen, denen du nur ein einziges Mal freiwillig das Ohr geliehen hast.
Er war der Stadt und ihrer Menschen müde, er sehnte sich nach Freiheit und nach der Welt; ganze Nachmittage lang lag er am Bahndamm und blickte die Gleise hinauf und hinab, an die unbekannte Ferne denkend. Aber die Zeit erfüllte sich. Als der Sommer kam, der letzte Sommer der Knechtschaft, wie er meinte, teilte ihm der Vater mit, daß Michael Herz in Wien sich entschlossen habe, den Neffen zu sich ins Geschäft zu nehmen. Es habe genug Schwierigkeiten gekostet, meinte Herr Ratgeber, den Mann so weit zu bringen, er selbst habe sich für den guten Willen und das ehrliche Streben Engelharts gleichsam verbürgen müssen; Engelhart beruhigte seinen Vater, er versprach alles, was man wollte, er dachte gar nicht an die Dinge, zu denen er sich verpflichtete, und daß er dem Vater wie dem Onkel gegenüber eine ernsthafte Verantwortung auf sich nahm, es drängte ihn hinaus, etwas andres überlegte er nicht. Aus den Briefen des Oheims spürte er heraus, daß dieser große Hoffnungen auf ihn setze, doch daß er nichts so sehr fürchte als enttäuscht zu werden. Michael Herz wollte Sicherheit und sichere Gewähr. Er war ein kinderloser Mann, hatte sich aus eigener Kraft aus dem Nichts zu Wohlhabenheit und einer angesehenen Stellung emporgearbeitet und gefiel sich in dem Gedanken, daß der Sohn seiner geliebtesten Schwester berufen sei, sein eignes Werk und Leben fortzusetzen. Aber vielleicht sagte ihm eine Ahnung, wie viel Schmerz und Kränkung ihm aus diesem Vorhaben erwachsen könne, deshalb konnte er lange Zeit keinen Entschluß fassen. Von alldem wandte Engelhart seine Gedanken ab; den guten Willen, den spürte er, aber es war ihm zumute wie einem Hungrigen, der für ein Stück Brot alle möglichen Dinge zu leisten verspricht; er weiß, daß sein Sinn sich wenden wird, wenn er das Stück Brot gegessen hat, aber daran will er nicht denken. Es kam die Zeit der Abgangsprüfung; Engelhart war stets ein mittelmäßiger Schüler gewesen, die Seinen zitterten zu Hause um den Erfolg, auch sie waren es müde, einen sechzehnjährigen Burschen, der Geld verdienen konnte, noch länger auf dem Hals sitzen zu haben, aber Engelhart war seiner Sache sicher, ohne sie doch zu besitzen, er schrieb und arbeitete wie aus dem Schlaf heraus und es gelang, das Widerwärtige ergab sich, es war irgend etwas Freudiges und Freudeerregendes in ihm, man begegnete ihm zarter, wohlwollender, heiterer als sonst und durchstrich das Konto seiner Schuld. Es war ein Aufwachen unbekannter Kräfte, und hätte sich Engelhart anstatt in einem leuchtenden Taumel ihnen wissender, frömmer, forschender hingegeben, so wären sie vielleicht in seinem Dienst verblieben und hätten ihm Wege gebahnt.
Als alles glücklich abgelaufen war, wurde seine Ausrüstung notdürftig instand gesetzt und Frau Ratgeber entdeckte auf einmal ein besorgliches Herz für den Stiefsohn. Es war zu guter Letzt noch eine gute Zeit. An einem Septembertag wanderte Engelhart mit dem Vater nach Altenberg, um vom Großvater Abschied zu nehmen. Dort war es auch längst nicht mehr, wie es vordem gewesen. Der Greis hatte, da seine zweite Frau gestorben, um seiner Einsamkeit abzuhelfen, den Schwiegersohn mit seiner Familie von einer kleinen, doch sicheren Stellung in einem badischen Dorf zu sich ins Haus gerufen. Es waren sechs Kinder da, die Frau, Herrn Ratgebers Schwester, war unheilbar krank, der Mann war ein Frömmler und verstand nicht zu arbeiten, der älteste Sohn war ein Taugenichts, zwei Kinder lagen noch in der Wiege, das ganze Wesen verwandelte sich in Elend und Sorge. Der alte Ratgeber zog sich in eine Kammer zurück und betrauerte seine Jahre. Dort sah Engelhart den sehr verfallenen Mann, er saß in einem schmutzigen Ledersessel und reichte ihm die kalte Hand. Engelhart fühlte drückend und fast beschämt seine prahlerische Jugend, die mit dem Glanz ihrer herausfordernden Hoffnungen vor diesem Ende eines Lebens stand. Nachdem beide lange geschwiegen und einander bloß angeschaut hatten, holte der Alte aus einer Schublade ein kleines schwarzes Gebetbuch hervor und schenkte es dem Enkel. Dieser zögerte, es zu nehmen, denn es war ihm wertlos, dann sagte der Greis unvermittelt: »Deine Mutter war eine feine Frau, Engelhart, eine feine Frau, hat mir arg leid getan um die Frau. Dein Vater hat kein Glück mehr, seit sie tot ist.«
Es vergingen noch zwei Wochen, dann stand Engelhart eines Abends mit seinem Vater im Regen vor der Bahnhofshalle, und sie warteten auf den Zug. Immer von neuem wiederholte Herr Ratgeber: »Sei ein braver Mensch, werde ein braver Mann.« Er ließ sich keine Rührung anmerken, und als Engelhart schon im Coupé saß und aus dem erleuchteten Fenster blickte, lächelte Herr Ratgeber sein seltsames, verlegenes, zuckendes Lächeln. Dann rollte der Zug davon, Herr Ratgeber schaute der roten Laterne des letzten Wagens so lange nach, bis die Finsternis und die Ferne das Licht verschlungen hatten, darauf seufzte er, spannte seinen Regenschirm auf und ging in tiefem Sinnen nach Hause. Er setzte sich zur Lampe, machte Auszüge und schrieb Fakturen bis gegen zwei Uhr nachts, und als er fertig war, sah er, daß es aus war mit seinen stolzen Plänen und Hoffnungen. Der Zusammenbruch war unvermeidlich. Da er das Schlafzimmer betrat, erwachte seine Frau, und er teilte ihr alles mit. Sie lag stumm da, Bitterkeit und Wut verschlossen ihr den Mund. Sie hatte einst von einem schwarzen Seidenkleid geträumt, ferner von einem Hut mit echten Straußfedern. Damit war es nichts; sie knirschte mit den Zähnen, legte sich auf die andre Seite und schlief mit bösem Gesicht wieder ein.