Mit seinem kleinen Köfferchen stand Engelhart vor der hohen Tür im weißen, erleuchteten Treppenhaus und suchte ziemlich lange nach dem Glockenzug; den elektrischen Knopf übersah er. Schließlich klopfte er mit dem Finger zaghaft an, das Stubenmädchen öffnete, sah ihn lächelnd stehen und meldete seine Ankunft der Herrschaft. Herr und Frau Herz kamen heraus, begrüßten ihn und musterten ebenfalls lächelnd seinen Anzug und sein linkisches Wesen. Er verlor unter ihren Blicken die vertrauensvolle Ruhe des Sichselbstbesitzens.

Der erste Gang durch die Straßen; was er sah, schien ihm begehrenswert, alles war Erscheinung. Mit Gier starrte er in die Gesichter fremder Menschen, glaubte ihre Gefühle und Wünsche zu erraten; der Lärm der Fuhrwerke machte ihn trunken vor Glück, das Glockenläuten von den Kirchen versetzte ihn in eine wogende, atembeklemmende Erregung. Zu den Häusern, zur Luft, zu all dem Unbekannten in der großen Stadt knüpfte er stärkere Beziehungen, als zu den beiden Menschen, mit denen er lebte und auf die er angewiesen war. Seine abgekehrte Haltung erregte Befremden. Nur bei den Mahlzeiten war er verständlich, weil er Portionen vertilgte wie ein ausgehungerter Sträfling. Mit dem Zustand seines Gemüts beschäftigte man sich nicht, es war nicht üblich; daß er sich glücklich fühlen müsse, wurde vorausgesetzt. Herr Ratgeber richtete einen Brief an Michael Herz, worin er bat, jeden Fehltritt Engelharts mit unerbittlicher Strenge zu ahnden. Solche Worte waren nicht im Sinne von Michael Herz; leider bemerkte er bei Engelhart wenig Lust und Liebe zur Sache, er schien nicht einmal die allgemeine Richtung wahrzunehmen, wohin das vielartige Treiben ziele, es war nichts Eigentätiges an ihm.

Der Packraum der Fabrik befand sich in einer Art von überdecktem Schacht, dort mußten den ganzen Tag die Gasflammen brennen. Eine gewundene Holztreppe führte zu den Werkstätten empor. Der Oberpacker glossierte den Inhalt eines Theaterstücks, das er gestern gesehen; als er fertig war, kramte ein andrer seine Erinnerungen an den Ringtheaterbrand aus. Sie redeten zumeist vom Theater und von Schauspielern. Engelhart saß träge auf den Sprossen einer Leiter. Als dem Verwandten des Chefs wurden ihm gewisse Rücksichten entgegengebracht, und die bezahlten Leute, von denen niemand eine wirkliche Pflicht erfüllte, sahen seine Versäumnisse nicht ungern. Sie wußten aber nichts mit ihm anzufangen, er war und blieb ein Fremdling.

Auf der Holztreppe erschien jetzt ein großes schlankes Fabrikmädchen und richtete den lauernden Blick auf Engelhart. Er erblaßte. Das Mädchen ging absichtlich nahe und langsam an ihm vorüber und ihr Rock streifte seine Knie. Er stand auf, schlich in den halbdunkeln Nebenraum und warf sich seufzend auf eine schmale Kiste. Plötzlich sah er empor, Michael Herz stand vor ihm und schaute ihn mit einem tiefen Blick des Vorwurfs schweigend an. Dieser innerliche Blick der blauen Augen erinnerte Engelhart an den Blick der Mutter. Er hatte eine unüberwindliche Scheu vor dem Oheim, er sah in ihm das Ideal eines Mannes und Menschen, auch äußerlich; Gestalt, Gesicht, Haltung und Betragen waren die eines Aristokraten aus altem Geschlecht. Er war kein Geschäftsmann in gewöhnlichem Sinn; er arbeitete mit dem bohrenden, zur Tiefe gerichteten Ernst eines Künstlers. Zu Hause war er aufgeräumt, ja übermütig und am glücklichsten dann, wenn er Gäste hatte, die sich bei ihm wohl fühlten.

Kurz vor Weihnachten kam Engelhart in die Buchhalterei, wo er mehr unter Aufsicht und Arbeitszwang stand. Um ihn anzufeuern, setzte ihm der Oheim zwanzig Gulden Gehalt aus. Sein Platz war vor einem hohen Pult am Fenster. Neben ihm saß Herr Patkul, der eine Schnapsflasche in seinem Pult hatte und alle Viertelstunden einen Schluck nahm. Am Abend, wenn andre anfingen, sich zu betrinken, war er schon so voll, daß er den Hut nicht mehr auf den Kopf brachte. Herr Hallwachs, der Korrespondent, behandelte Engelhart mit spöttischem Hochmut. Er sagte: »In Franken muß es recht merkwürdige Charaktere geben,« wenn Engelhart einen Tintenklecks auf einen Brief machte.

»Sie haben diesen Posten auf Soll geschrieben anstatt auf Haben, wie ich Ihnen ausdrücklich gesagt habe, Herr Ratgeber,« rief der Buchhalter mit schmerzlichem Augenaufschlag. Er war ein würdiger, gelassener Mann, ein treuer Diener der Firma. Herr Patkul knurrte bedeutungsvoll; es hieß so viel als: mich hätte man längst hinausgeworfen bei solcher Unfähigkeit.

Ein breiter Sonnenstreifen fiel auf die liniierten Blätter des Buches vor Engelhart. Er erzitterte wie bei einer elektrischen Berührung. »Woran denken Sie denn?« fragte Herr Hallwachs mit sanftem Tadel; »an das selige Franken? Dort scheint man freilich von Soll und Haben wenig zu wissen.« Herr Patkul rief Bravo und klatschte in die Hände, der Buchhalter ließ ein vorsichtiges Lachen hören.

Ja, woran dachte Engelhart? An einen Traum der letzten Nacht. Die Träume waren es, die ihn so schlaff machten. Hin und wieder versuchte er es, sie seinem neuen Bekannten Emil Oesterle zu erzählen, sah jedoch, daß von ihrem Duft und Grauen nichts an den Worten haften blieb. Die Tintenluft lastete bleiern auf seinem Kopf. Die Zahlenreihen, die er addieren sollte, glichen einem Haufen dünnfüßiger Käfer, sie krabbelten davon, während er sie mit der Bleistiftspitze verfolgte; unmöglich, die bewegliche, dünnbeinige Masse zum Stillstand zu bringen. Dann klang ein Leierkasten von einem nachbarlichen Hof herüber und sein Herz krampfte sich zusammen vor Sehnsucht nach der Freiheit.

»Gib mir einen Rat, lieber Freund, ich ertrage nicht dies Dasein,« schrieb er abends, als die Verwandten im Theater waren, an den Studenten Benedikt Knoll in München. Vor ihm auf dem Tisch stand die gefüllte Teekanne, und das heiße Getränk erhitzte vollends sein Blut. Er schrieb und schrieb, zwölf, fünfzehn, zwanzig Seiten. Am Ende machte die Überschwenglichkeit seine Handschrift unleserlich. Nach langer Pause war der Briefwechsel von beiden wieder aufgenommen worden; Knoll übernahm die Rolle des Erziehers. Er blinzelte in seinen Briefen über Engelhart hinweg Herrn Michael Herz zu. Engelhart merkte es kaum. Die Person Benedikts war ihm nicht so wichtig wie die Stunde, in der er an ihn schrieb, und die Gelegenheit, sich mitzuteilen.

Um elf Uhr kam Tante Esmee unerwartet ins Zimmer. »Ich habe dir doch verboten, bis in die Nacht hinein zu schreiben,« rief sie aus. Ihr Gesicht war weiß vor Ärger. Sie drehte ihm das Licht vor der Nase ab. Sie haßte ihn, seit sie wußte, daß ihr Mann sich des Knaben wegen sorgte und kümmerte. Sie verstand sich darauf, zu hassen. In Engelharts Gegenwart war jede ihrer Bewegungen von Verachtung und Widerwillen getränkt. Seine Neigung, von Dingen außerhalb des praktischen Lebens zu reden, fertigte sie mit höhnischer Gelassenheit ab. Eine zufahrende, heftige und trockene Natur, entbehrte sie wie die meisten kinderlosen Frauen des Gleichgewichts. Sie liebte abgöttisch ihren Gatten, war zugleich seine Magd und seine Herrin; wenn sie allein war, war sie verdrießlich und zerquält und wußte kein Mittel, der Langeweile zu entgehen, die sie folterte.