Doch Engelhart war satt von jenen, es verlangte ihn nicht mehr nach ihrer Gesellschaft.
»Wie willst du überhaupt vorwärts kommen mit deiner beispiellosen Anmaßung?« fuhr Knoll fort.
»Ich – anmaßend?« flüsterte Engelhart erstaunt und bestürzt. »Ebensogut könntest du sagen, Schustermanns Hund sei gestern abend mutig gewesen.«
Knoll beachtete die Einrede nicht. »Du arbeitest nichts, du hast kein Ziel, keinen Ehrgeiz, und ich bereue, was ich für dich getan habe,« sagte er.
Engelhart trat zum Fenster und schaute stumm in die Abendröte. Fern zwischen Häusern schwebte noch ein schmales Sonnensegment. Herz der Welt, du sollst erglühen, dachte er mit jähem Entzücken – Worte, die er nie früher gehört. Von einem gegenüberliegenden Wirtshaus drangen Harfen- und Geigenklänge herauf. Ach Musik, Musik, all sein Sinn, sein ganzer Leib lechzte nach Musik, bebte von chaotischer Musik, das Dämmern und Weben der Zeit, ihre Rufe, ihre Stimmen, alles Musik, ein Wogen unfaßbarer Akkorde.
»Komm, Benedikt,« sagte er versöhnend, »laß uns eine Partie Schach spielen.« Knoll war es zufrieden, und da er gewann, kehrte seine gute Laune zurück. Dennoch kritisierte er bald darauf in einem Brief an Frau Wahrmann Engelharts Treiben höchst abfällig. Das machte böses Blut, auch Herr Ratgeber, der jetzt in Würzburg wohnte und dort als Versicherungsinspektor tätig war, erhielt Nachricht, wie die Sache stand. Er schrieb sogleich an Engelhart und beschwor ihn, umzukehren, solange es noch Zeit sei. »Willst du denn das geistige Proletariat um eine hoffnungslose Existenz vermehren?« schrieb Herr Ratgeber. »Ist es denn kein Beruf, der deiner würdig ist, Kaufmann zu sein? Wer bist du denn eigentlich? O, alles Unglück kommt über mich, auch diese Erwartungen nun zuschanden, und wie steh’ ich vor meinem Schwager Herz da! Wenn deine Mutter noch lebte, das würde sie töten. Kann dich nichts andres bestimmen, von deinem Wahn zu lassen, so denke an die Leiden und Entbehrungen, die dir bevorstehen.«
So von allen Seiten in die Enge getrieben, verlor Engelhart selbst das Vertrauen zu dem gegenwärtigen Zustand. Das Schlimmste war, daß er mit dem Geld nicht auskam und gegen das Ende des Monats nicht wußte, wovon er leben sollte. Er konnte nicht einmal in der elenden Kneipe, wo er zu essen pflegte, den Mittagstisch bezahlen. Er träumte sich hinweg über die Mißlichkeiten, sein Inneres befand sich in einer beständigen Glut.
Im Juli begannen die Ferien; Knoll reiste nach Hause, auch die geringe Zahl der übrigen Bekannten verließ die Stadt. Engelhart wanderte unter den Arkaden umher, bis das Nachmittagskonzert zu Ende war. Das Gewimmel geputzter Menschen stimmte ihn traurig. Vor der kleinen Rotunde begegnete ihm eine auffallend schöne Frau, er blieb stehen und sah ihr mit erstarrendem Gesicht nach. Dann ging er in den Englischen Garten. Bei der Mühle lagen riesige Felsen im Wasser, er kletterte von Stein zu Stein und ruhte endlich auf einem moosbewachsenen Block. Es waren nicht Gedanken, denen er nachhing, vielmehr war ein mystisches Weben in seinem Innern, das einen Zustand von Dämmerung erzeugte. Auf dem Nachhauseweg kam er an einer offenen Kirche vorbei; er trat hinein und ließ sich von der kühlen Stille wollüstig umschauern.
Es war ihm zumute wie einem Seiltänzer, dem die Balancierstange entfallen und der nun die Augen schließt und bebend in die Luft greift, um nicht zu stürzen. An einem Regentag war er zu Hause geblieben. Er merkte nicht, daß es im Zimmer dunkel wurde. Um neun Uhr pochte die Hausfrau und brachte unaufgefordert die Lampe. Er erhob sich jäh und glaubte eine Erscheinung zu sehen, ein Weib mit engelhaften Zügen und einer sanften Gewalt der Augen. Doch die Wirtin war eine bejahrte Dame, die ein Seifen- und Kerzengeschäft führte.
Seine Schwester Gerda hatte jetzt das Pensionat verlassen und weilte bei den Eltern in Würzburg, von wo sie ihm einen ihrer kindlichen und unbedeutenden Briefe schickte. Ohne Verzug antwortete er ihr, schrieb wie im Weinrausch mit Fingern, die von der Aufregung schlaff waren. War es doch ein weibliches Wesen, das ihm von Bluts wegen zugehörte. Stundenlang saß er in der Nacht und betrachtete immer wieder das Bildnis der Schwester.