Mitte August verlangte Herr Ratgeber mit Strenge, daß Engelhart der Müßiggängerei ein Ende mache und einstweilen nach Würzburg reise. Engelhart war der entschiedenen Weisung froh, denn die Zeit floß fruchtlos hin. Er packte seine sieben Sachen zusammen, mußte aber seine Uhrkette verkaufen, da sonst das Geld zur Fahrt nicht gereicht hätte. Er wurde nicht sehr freundlich empfangen. Der Vater sah abgearbeitet aus. Trotzdem schien Herr Ratgeber nie verdrossen, eher bekümmert, und auch dies nur, wenn er sich unbeobachtet wußte. Er litt unter seinem neuen Beruf, denn es war der jämmerlichste von allen Berufen der Welt und zwang den zurückhaltenden Mann zur Aufdringlichkeit. Da die Konkurrenz unverschämt war, durfte kein Mittel verschmäht werden, und wer am meisten schwatzen konnte, trug den Sieg davon.

Abel war Lehrling in einem Tuchgeschäft; in der Schule hatte er nicht länger bleiben wollen, aber in seiner Stellung tat er auch nicht gut, er machte schlimme Geschichten. Kurz vor Engelharts Ankunft war beschlossen worden, ihn nach Amerika zu expedieren; Herr Ratgeber hatte sich an einen Jugendfreund gewandt, der drüben reich geworden war. Am zehnten September ging das Schiff von Bremen ab, bis dahin mußte Abel reisefertig sein.

»Du mußt nach Wien schreiben und Abbitte leisten,« war das erste Wort morgens und das letzte abends für Engelhart. Er sträubte sich aus allen Kräften, der bloße Gedanke machte ihn sich selber zum Abscheu. Aber die Tage sind lang und das Gnadenbrot schmeckt bitter. Mehr als die Demütigungen und Vorwürfe von seiten der Stiefmutter wirkte der stille Kummer des Vaters. Herr Ratgeber vermochte dem Sohn gegenüber nicht beredt zu werden, wie er sich’s vorgenommen hatte. Er nahm in Engelharts Wesen etwas wahr, irgendeinen Funken im Auge, einen Tonfall der Sprache, was ihn an die eigne Jugend gemahnte; unvermutet fand er sein Herz milder als sein Urteil. Es war öde um ihn, unwillkürlich suchte er im Gefühl zu den Kindern einen Halt.

Es war ein wunderbar verblühender Sommer, ein stetiges Abflammen in den Herbst hinein. Engelhart trieb sich in den Weinbergen herum und schaute von oben auf die türmereiche Stadt nieder. Im Hause war er gern, wenn Gerda zugegen war. Sie war schön zu nennen, zart von Gestalt, blaß von Gesicht; ihr schüchternes Auge, ihr sanftes Hinträumen machten einen innigen Reiz aus. Engelhart brachte ihr Blumen; sie lachte; vom Bruder beschenkt zu werden, erschien ihr komisch.

Es war Nacht, und ein heftiges Gewitter tobte. Engelhart stand auf, klopfte an Gerdas Schlafzimmertüre und fragte, ob sie sich fürchte. Sie schlief und hörte nichts. Er wartete und hielt Wache, bis das Donnern in die Ferne zog. Er dachte darüber nach, ob Gerda einst glücklich sein würde. Auf der Straße bemerkte er sie von weitem und blieb in unbesieglicher Erregung stehen. Doch wenn er sie nicht sah und ihre Gegenwart nicht empfand, erschien ihm dies Betragen tadelnswert überschwenglich, und er erinnerte sich mißbilligend an die seltsame Gewohnheit, die sie hatte, Kalk von den Wänden zu schaben und zu essen.

Gefährten hatte er hier keinen. Es gab viele Studenten in der Stadt, doch er fühlte sich nicht zu ihnen gehörig; es gab auch viele Kaufleute, und zu den Kaufleuten gehörte er gleichfalls nicht.

Endlich war der Schicksalsbrief an Michael Herz geschrieben und abgeschickt, vier Seiten voll von Versprechungen und Selbstanklagen. Vor der Stadtmauer beim Hofgarten war ein Brunnen, aus dem kein Wasser mehr lief. Dorthin eilte Engelhart, wühlte das Gesicht ins Moos, und nachdem er eine Weile geweint hatte, wurde es ruhig in ihm, er legte sich auf den Rücken und studierte die Wolken. Oben auf der Mauer war eine einsame, von Birken- und Ahornbäumen gebildete Allee. Am Tag vor Abels Abreise ging er mit dem Bruder hier spazieren. Der dumpfe Abel hatte keinen Begriff von Reise und Ferne, er freute sich nur, der unerträglichen Tyrannei der Stiefmutter entrinnen zu können. Widerwillig war er mit Engelhart gegangen und fand dessen Fragen und Ratschläge lästig. Sie setzten sich auf eine Steinbank, und Abel sagte gelangweilt: »Du könntest mir wenigstens eine Geschichte erzählen, Engelhart, wie früher, weißt du noch?« – »Schön, ich will dir etwas erzählen,« antwortete Engelhart, »die Geschichte vom ewigen Bräutigam.« Er schaute eine Weile besinnend in die Luft, bis Abel ungeduldig wurde, da fing er an:

Es lebte einmal ein ganz gewöhnlicher Hirtenjunge, dessen größtes Vergnügen war es, auf der Erde zu liegen und in die Luft zu gucken. Je nachdem die Sonne sich drehte, drehte er sich mit, daß sie ihm nicht ins Gesicht schien. Wenn man ihn fragte: »Nichts zu tun, Jackele?« so antwortete er: »Alles schon getan,« und sie nannten ihn daher Jackele Katzenpelz. Einmal wurde Jackele mit den Gänsen auf eine Waldwiese geschickt, und als er hinkam, legte er sich gleich auf den Rücken und dachte darüber nach, was wohl hinter dem blauen Himmelsvorhang verborgen sein möchte. Die Zeit verging, und als die Sonne sank, erhob er sich und wollte die Gänse zusammenrufen. Da sah er einen großen rosigen Flamingo, der vom Walde aus auf seine Herde zustolzierte, langsam die Flügel ausbreitete und mit einem hellen Schrei in die Luft flog. Kaum hatten die Gänse den zauberhaften Ruf vernommen, so flatterte eine nach der andern hinauf, und sie zogen in langer weißer Linie zuerst um die Baumkronen und dann in den abendlichen Äther. Als Jackele ohne die Gänse heimkam, fielen die Dorfbewohner über ihn her, prügelten ihn erbärmlich, und sein Vater wies ihn von der Tür und sagte, er solle ihm nicht mehr vor Augen kommen ohne die Gänseherde. Mitten in der Nacht mußte er aus dem Dorf wandern und sann darüber nach, wie er wieder zu den albernen Gänsen kommen könnte. Die Frösche hockten aufgeblasen in der Wiese und quackten:

»Jackele, Jackele, wo sind denn deine Gäns’?
Sie sitzen vielleicht am Weiherle und waschen ihre Schwänz’.«

Jackele ging zum Weiher, sah aber nichts von den Gänsen und wurde traurig. Da tauchte ein silberner Strahlgeist aus dem schwarzen Wasser empor, tanzte eine Weile umher und flüsterte endlich: