Der Anblick der endlosen Landstraße flößt Grauen ein. Die Soldaten können nicht mehr vorwärts blicken, jeder stiert auf die Stiefel des Vordermanns. Wer aus dem Schritt gerät, wird mit Lästerungen überhäuft. Der heiße, weiße, blendende Staub umhüllt den Zug wie Nebel; Wimpern, Lippen und Zähne sind voll Staub. Widerliche Gerüche steigen auf. Engelhart, müde und durstgepeinigt, richtet die Gedanken mit schlaffer Beharrlichkeit auf das Mittagessen. Manchmal empfindet er den trotzigen Antrieb, stehen zu bleiben, es reizt ihn, die Grausamkeit der Nachfolgenden herauszufordern. Die Gespräche der Leute verstummen, schweißtriefend, mit wunden Füßen und wunden Schenkeln schwanken viele daher, Zerrbilder des lebendigen Menschen. Es wird befohlen zu singen, niemand rührt sich, der Befehl wird wiederholt, da erhebt sich zuerst die dünne Stimme des Spaßmachers, andre fallen ein, der Rhythmus rüttelt sie auf. Es scheint ein lustiges Lied von volksmäßiger Einfachheit, doch hinter den Worten murrt der Zorn, einige Wendungen werden von den Sängern der Harmlosigkeit beraubt und klingen wie Stichworte des Aufruhrs. Engelhart vermag nicht zu singen, der Sergeant ruft drohend seinen Namen, er öffnet mechanisch den Mund. Und nun sieht man talabwärts die roten Backsteinbaracken der Kaserne, in der prallen Mittagssonne gleichen sie ungeheuern Giftblasen, aber alle schauen sehnsüchtig hinab wie nach einem Paradies der Ruhe. Welche Qual, wenn der Hauptmann sich zuletzt noch zu einer Ansprache bemüßigt findet. Er liebt es, in väterlichem Ton zu reden, er hält auf Popularität. Wüßte er um die Gedanken der tückisch lächelnden Soldaten, er zöge vor zu schweigen. Es ist der Wahn, den ihn seine Kaste gelehrt hat und der sein Hirn in einem Taumel erhält, daß er sich geliebt und bewundert glaubt.
Eine Viertelstunde von der Kaserne entfernt lag ein altes Minoritenkloster am Mainufer. Hohe Mauern und ein Ring gleichmäßig gesetzter Pappelbäume umgaben die zahlreichen Gebäude, von denen Frieden über die ganze liebliche Landschaft auszuströmen schien. Engelhart zog es bei Spaziergängen oftmals hierher, auch von der Landstraße aus ließ er sich mit einer Fähre übersetzen und wanderte langsam dem efeubehangenen Tor zu. Seitab vom Fußweg stand ein Christuskreuz, und vor diesem verweilte Engelhart bisweilen in tiefem Nachdenken, wobei uralt feindseliges Mißtrauen und bange Lust der Annäherung sich mischten. Nicht als ob er einen Gott hier gesucht hätte, mehr noch einen Menschen. Was ihn zu dem Erlöserbildnis trieb, war die Idee des Opfers, der betäubte Wille rang um Erlösung, er suchte für seinen Schmerz das höchste Symbol. Das war es; er war Opfer und suchte die Wollust des Opfers. Es ergriff ihn jener schwärmerische Fatalismus, der eine Trunksucht der Seele ist, der zur Unverantwortlichkeit strebt und alles Bewußtsein im Traum und Wahn auflöst.
Es war in den Hundstagen. An einem Morgen war Bataillonsexerzieren gewesen, zurückgekehrt, mußte die Kompagnie zur Schießstätte, die in einem anderthalb Stunden entfernten Wald lag. Erst um halb drei Uhr nachmittags waren die Leute, aufs höchste erschöpft, wieder in der Kaserne. Engelhart erbat und erhielt Urlaub vom Appell und ging nach Hause, nichts wünschend als Schlaf. Er schlang die Mahlzeit hinunter und legte sich entkleidet ins Bett. Um sechs Uhr wurde heftig an der Wohnungsglocke geläutet. Es war Söhnlein. Er hob Engelhart beinahe aus den Kissen und trieb ihn zur äußersten Eile. Beim Appell war Nachtübung angesagt worden, um sieben Uhr sollte das Regiment bereit sein. Engelhart flog in die Kleider, sie stürmten auf die Straße, und da die Kaserne fast eine halbe Stunde Wegs entfernt war, wollten sie einen Wagen auftreiben, fanden aber keinen. So mußten sie im Laufschritt unter dem Aufsehen der Passanten über die Glacis rennen; als sie auf dem Domplatze waren, schlug es schon dreiviertel. Sie kamen an, als die Kompagnien schon im Hof zusammentraten, oben mußten sie sich in rasender Hast feldmarschmäßig rüsten, doch es lief glimpflich ab, die Offiziere begannen eben die Musterung, als Engelhart an seinen leergelassenen Platz trat.
Söhnlein war zufrieden, daß es ihm gelungen war, seinen Herrn vor Strafe zu bewahren, und achtete nicht der bissigen Reden seiner Nebenmänner. Er war überhaupt in der letzten Zeit immer heiterer geworden, denn auf seiner Schranktüre befanden sich nur noch vierundvierzig Kreidestriche.
Der Marsch ging über das Dorf Randersacker nach dem Hügelland in der Gegend von Eibelstadt. Die Luft war zuerst dunstig, wurde jedoch am Abend rein und kühl. Engelharts wie der andern Leute von der Kompagnie bemächtigte sich nach und nach eine solche Müdigkeit, daß sie sich nur noch hinzuschleppen vermochten. Der Hauptmann, besorgt, daß ihm seine Abteilung Schande machen werde, ritt auf seinem alten dicken Gaul unaufhörlich an den Reihen hin und her, wobei er die Leute in seiner halb keifenden, halb gönnerhaften Weise zu ermuntern suchte. Trotzdem traten fünf oder sechs Rekruten aus und blieben am Straßengraben liegen. Bei der ersten Raststelle fielen die meisten um wie die Stöcke. Der Feind befand sich hinter einem zwei Kilometer entfernten Weiler, und die Kompagnie erhielt den Befehl, Vorposten zu stellen. Der Oberleutnant wählte fünf Soldaten aus, unter ihnen Engelhart und Söhnlein. Sie marschierten über einen langgezogenen Hang bis an den Rand eines tiefen Forstes. Söhnlein wurde als erster Posten ausgestellt, und an dem schwankenden Schritt, mit dem er sich entfernte, sah man seine außerordentliche Erschöpfung. Die andern standen schweigend gegen den mattleuchtenden Himmel gekehrt, aus dessen östlicher Tiefe sich langsam schwebend der Mond erhob und eine scharlachne Röte auf das Gelände warf. Der Leutnant schritt im taufeuchten Wiesenrain auf und ab; nach einer Weile dünkte es ihm notwendig, einen zweiten Posten über den ersten hinauszuschieben, und er bezeichnete Engelhart einen Punkt auf dem Kamm des Hügels bei einer einzelnen Pappel. Engelhart schulterte das Gewehr und marschierte ab. Der Weg führte ihn dort vorüber, wo Söhnlein stehen sollte, doch als er hinkam, gewahrte er jenen nicht, sah sich um und erblickte ihn endlich schlafend gegen das Mooskissen eines Baumes gelehnt.
Der Anblick überraschte und rührte ihn. Anstatt den Pflichtvergessenen ohne Zögern zu wecken, stellte er sich hin, stützte das Kinn auf die Gewehrmündung und starrte verloren in das Kindergesicht des Schläfers, das wie ein rosiges Abbild des Mondes aussah. Es war eine heilige Stille rings. Gelbliche Lichtflecke zitterten auf dem Boden. Das dürre Blätterwerk, das dem Schlafenden zum Lager diente, strahlte wie geläutertes Gold. Plötzlich vernahm Engelhart dicht hinter sich Pferdeschritte. Erschrocken beugte er sich nieder, um Söhnlein aufzuwecken, aber es war zu spät, der Reiter, es war der Adjutant des Majors, der die Posten inspizieren sollte, hatte den Unglücklichen schon bemerkt. Söhnlein schaute eine Weile benommen um sich, und als ihm das Bewußtsein wiederkehrte, wurde er weiß wie Kalk. Engelhart war es, als müsse er sich vor dem Offizier niederwerfen und um Gnade für den Menschen flehen, er ahnte den entsetzlichen Jammer, der in Söhnleins Brust tobte, und fühlte sich mitschuldig. Der Adjutant fragte mit eisiger Sachlichkeit, ob er schon länger hier sei oder soeben dazugekommen sei, und er antwortete, er sei soeben dazugekommen, war daher für seinen Teil in Sicherheit.
Es wurde Meldung an die Kompagnie und das Regiment erstattet. Der Hauptmann wurde zum Oberst befohlen und kam außer sich vor Wut zurück. Söhnleins Gesicht behielt sein fahles Aussehen, seine Augen waren trüb und irr. Die Kameraden betrachteten ihn scheu und ohne Mitleid. Auf dem Heimmarsch sangen sie begeisterter, gleichsam dienstwilliger ihre Lieder. Vor dem Schlafengehen beobachtete der Zimmerälteste, wie Söhnlein eine Weile unbeweglich vor seinem Schrank stand, und er sagte:
»Na, Söhnlein, das kostet dich ein paar Monate. Aber mach dir nichts daraus, da brauchst du wenigstens nicht zu schuften.«
Auch die aufreibenden Wochen der großen Herbstübungen gingen vorüber, und dann war Engelhart frei. Langentbehrte Wonne, den Tag, die Stunde wieder zu besitzen, den frühen Morgen verschlafen zu dürfen, der eignen Entschlüsse Herr zu sein, Zeit zu haben, viel Zeit ... Am ersten Tag suchte er den Park des Veitshöchheimer Schlosses auf und schlenderte in musikalischer Entzückung durch die beschnittenen Alleen und künstlichen Laubengänge. Vor einer der verwitterten Statuen, die um das große Wasserbassin aufgestellt waren, blieb er lange stehen, und es schien, als ob die Figur zu ihm spreche, ja er hörte deutlich ihre Worte:
»Des Sommers verdorrte Blätter rollen
Um meinen Fuß.
Unaufhörliches Spiel der Jahre!
Laß über meine kühlen Glieder, Zeit,
Den weitgesäumten Mantel streifen,
Und achte nicht, was mir die Brust füllt,
Den bittern Gleichmut.
Du, Wanderer, eile dem Bilde vorbei,
Das über stolzen Geschlechtern trauert,
Unlebendig,
Zerrbild alles Gewesenen.
Wenn der Abend kommt und die Finsternis aufschwillt,
Wird die Vergangenheit Traum
Und die Gegenwart fühlbarer Tod.«