Das glückliche Schwärmen durfte nicht lange dauern. Es wurde von Anfang an verdüstert durch die Frage, was nun werden solle. Was nun, was anfangen? Womit das Leben verdienen? Es galt, einen Beruf zu ergreifen oder vielmehr ein Geschäft zu betreiben und von niemandes Gnade abhängig zu sein. Herr Ratgeber meinte bekümmert, er sei jetzt alt genug, um die Torheiten zu lassen und an eine geordnete Existenz zu denken. Nach mancherlei Erwägungen wandte sich Herr Ratgeber an seinen unmittelbaren Vorgesetzten, den Generalagenten in Nürnberg, und fragte an, ob Engelhart in dessen Bureau einen Posten finden könne, und die Antwort war bejahend; es sei gerade eine Korrespondentenstelle frei, wenn der junge Ratgeber einige stilistische Gewandtheit und außerdem guten Willen besitze, stehe seiner Anstellung nichts im Wege, der vorläufige Gehalt sei sechzig Mark für den Monat. Das war jämmerlich wenig, doch Engelhart durfte sich nicht besinnen, er mußte den ersten besten Strick erfassen, den man ihm zuwarf, und Herr Ratgeber war froh, der bedrängendsten Sorge los zu sein. Auch für ihn selbst war des Bleibens in Würzburg ein Ende; zwischen ihm und Inspektor Dingelfeld war offene Feindschaft ausgebrochen, der Elende suchte Streit, wo er konnte, und sein eingestandener Zweck war, den älteren Rivalen zu verdrängen. Herr Ratgeber hatte schließlich von der Gesellschaft seinen Abschied verlangt, aber diese wollte einen so tüchtigen Arbeiter durchaus nicht verlieren und erklärte sich bereit, ihn unter Gehaltserhöhung nach München zu versetzen. Der Wettstreit zwischen den beiden Nebenbuhlern war den Herren nicht unangenehm gewesen, er förderte entschieden das Geschäft, nur zum Äußersten durfte es nicht kommen. Herr Ratgeber war denn auch zufrieden und fand seine Ehre wiederhergestellt; die Aufbesserung seines kümmerlichen Lohnes machte ihm mehr Freude als ein Lotteriegewinst, es war doch irgendeine Anerkennung für all die Mühe; er brauchte Anerkennung.
Engelhart mietete sich in Nürnberg auf dem Jakobsplatz ein, der Kirche gegenüber. Es war die billigste Wohnungsgelegenheit, die er hatte auftreiben können, er zahlte nur acht Mark monatlich. Es war ein liliputanisches Zimmer, und das höchst baufällige Häuschen, in dem es sich befand, gehörte dem Ehepaar Hadebusch, wunderlichen Leuten, die jene Mischung von Bosheit und Gemütlichkeit besaßen, wie sie im untern Bürgerstand häufig ist. Der Mann, schon ein Siebziger, war Bürstenmacher; es roch im Haus beständig nach Borsten, Leim und Laugenwasser. Während Engelhart in der düstern Wohnstube das Frühstück verzehrte, politisierte der Alte, das heißt er pries die vergangenen Zeiten. Frau Hadebusch war ein dickes, habgieriges Weib; wenn sie Geld sah, konnte sie sich kaum beherrschen und lachte übers ganze Gesicht. Mit überlegener Schlauheit und scheinbar unverfänglichen Fragen suchte sie sich über Engelharts Vermögensverhältnisse Klarheit zu verschaffen, und wenn sie merkte, daß er es übelnahm, suchte sie ihn mit scheinheiligem Gejammer und den ungereimtesten Geschichten von ihrer eignen Armut zu versöhnen. Sie hatte einen Sohn, der ein Idiot war und nur zum Holzhacken und Stubenauskehren zu gebrauchen war.
Frau Hadebusch hatte eine unüberwindliche Abneigung gegen Steinkohlen. Sie beschwor, daß seit Menschengedenken kein solch schwarzes Teufelszeug in ihr Haus gekommen sei, beutete aber diesen Umstand aus und berechnete das Holz zum Heizen mit unverschämten Preisen. Engelhart wagte bei seinem dürftigen Einkommen nicht, das eiserne Öflein in seiner Kammer so lange zu speisen, daß es für den Abend ausreichende Wärme gab, und so saß er oft frierend bei seinen Büchern oder er legte sich ins Bett und las weiter bis Mitternacht. Die morschen Dachsparren über ihm krachten manchmal so laut, daß er aus dem Schlaf erwachte, und durch die Fugen der schlecht schließenden winzigen Fenster surrte der Wind. Außerdem störte ihn die Nähe des Kirchturmes und seiner dröhnenden Glocke nicht wenig.
Sein ordnungsloses Bücherlesen entsprang nicht der Lernbegierde und hatte keinen reingeistigen Antrieb. Nichts beruhigte, nichts befriedigte ihn dabei, alles stachelte ihn auf. Er suchte die Welt, er suchte das, was die Jünglinge mit feierlicher Deutung »das Leben« zu nennen pflegen. Er konnte sich nicht zu der Annahme entschließen, daß das, was er bisher gelebt, schon »das Leben« sei, und erschien sich wie ein Wesen, das wohl Flügel besitzt, sie aber nicht gebrauchen darf. Tag für Tag, vom Morgen bis zum Abend befand er sich in einer innerlich verzitternden Erregung und seine Seele glich dem glühenden Draht über einer Flamme, der nicht nachgeben, sich nicht biegen kann, weil er an den Enden festgenietet ist. Die während des Fronjahrs eingeschlummerten Kräfte und versiegten Quellen sprudelten jetzt um so gewaltsamer hervor, und Engelhart war sich seines Zustandes als einer unaufhörlichen Gefahr wohl bewußt; er wünschte, sich selber zu entfliehen, und wie nie zuvor trieb es ihn zu den Menschen. Er wollte mit Worten vernehmen, wie es um sie und wie es um ihn stand. Er glaubte an einen, irgendeinen, der den Schlüssel zu dem großen Mysterium besaß, und es dürstete ihn nach lebendigem Wissen, lebendigem Wort, lebendiger Freundschaft.
Die elende Kammer wurde ihm zuwider. Er suchte an den Abenden andern Aufenthalt und lief, kein Unwetter scheuend, sich die Beine müd, um schließlich in einer abgelegenen Kneipe zu landen und bei einer Tasse Kaffee trübselig vor sich hinzustarren. Einst zu später Stunde kam er in ein enges Seitengäßchen und blieb lauschend stehen. Eine dunkle, in leidenschaftlichen Worten einsam redende Stimme drang wie aus dem Innern der Erde zu ihm. »Da trat hervor einer, anzusehen wie die Sternennacht, der hatte in seiner Hand einen eisernen Siegelring, den hielt er zwischen Aufgang und Niedergang und sprach: ›Ewig, heilig, gerecht, unverfälschbar! Es ist nur eine Wahrheit, es ist nur eine Tugend! Wehe, wehe, wehe dem zweifelndem Wurme!‹« ... Engelhart ging zu einem Fensterloch dicht über dem Boden und blickte wie in einen Trichter hinunter. Er sah einen matterleuchteten Raum mit Wirtshaustischen und -bänken. Auf einer Bank an der Mauer saß eine kleine Gesellschaft junger Leute, ein einzelner kauerte vor ihnen auf den Steinfliesen, und die Worte, die er sprach, hatten sein Gesicht zerwühlt, seine Lippen förmlich zerrissen und seine Augen im Wahnsinn gebadet. »Gnade, Gnade jedem Sünder der Erde und des Abgrunds!« schrie er jetzt und schlug die Hände an die Wangen. Engelhart schauderte.
Bald darauf war es zu Ende und die Zuhörer klatschten. »Diesen Franz macht dir kein Schauspieler der Welt nach, Klewein!« ließ sich jetzt die heisere Stimme eines langen, hageren Menschen vernehmen, und mit verächtlichem Lachen, beide Hände in den Hosentaschen, fuhr er fort: »Im übrigen war dieser Schiller doch ein Mordsstümper. Es ist nur eine Wahrheit, es ist nur eine Tugend! Lächerlich! Hunderttausend Wahrheiten, Millionen Tugenden und schließlich wieder keine; keine Wahrheit, das ist’s, Kinder, denn wenn es eine Wahrheit gäbe, warum sollten wir sie nicht erkannt haben?«
Wehmütig an seine abgesonderte Existenz gemahnt, die ihn wie durch ein fortwirkendes Gesetz von jeder wahrhaft geselligen Vereinigung ausschloß, lauschte Engelhart durstigen Ohrs den Gesprächen, die von einem Geist großartiger Weltverachtung durchweht schienen. Nach einer Weile schritt er zum Eingang, überlegte hin und her, zählte in Gedanken seine Barschaft nach und stieg endlich die steinerne Treppe zu dem Weinkeller hinab.
Sein schüchterner Gruß blieb unbemerkt. Er setzte sich abseits und bestellte ein kleines Fläschchen italienischen Landweins. Sein Betragen erregte die Aufmerksamkeit des langen Hageren, den seine Kumpane Peter Palm nannten. Engelhart errötete, als er dem stumpflohenden Blick der schwarzen Augen begegnete. Es war der Blick eines Jägers, eines Wilddiebs, bevor er die Flinte anlegt. Jener Klewein, der den Monolog gesprochen, brütete schweigend vor sich hin; über seinem hart markierten Schauspielergesicht bebte die Haut wie Wasser, das leichter Wind zu Falten bläst. Niemals hatte Engelhart den Ausdruck des schlechten Gewissens so deutlich und wild auf einem Antlitz gesehen. Die drei andern waren ein wenig betrunken oder stellten sich so. Einer, den sie Baron nannten, hatte ein verblasenes Lächeln auf dem bübchenhaften Gesicht; diesem flüsterte der Lange etwas zu, er kam an Engelharts Tisch und forderte ihn mit gezierter Höflichkeit auf, sich zu der Gesellschaft zu setzen. Engelhart dankte; Spannung und Entzücken benahmen ihm fast die Sinne.
So glaubte er endlich das Tor betreten zu haben, das ins Leben führt, in das berühmte »Leben«. Von nun an wurde die Nacht sein Tag, wie für den Schmuggler, und schmugglerhaft war dies Herumziehen an den Grenzen der bürgerlichen Bezirke, auf den Lippen Hohn und in der Brust die Furcht vor ihren Zollwächtern. Oft kam er erst um vier Uhr morgens nach Hause, schlief dann über die Zeit, kam verspätet, dumpf und müde ins Bureau und wurde unverläßlich bei der Arbeit. Diese Arbeit bestand im Briefeschreiben an säumige Zahler, an unschlüssige Versicherungskandidaten, in Beantwortung von Beschwerdeschriften, in juridischen und ökonomischen Aufklärungen, Agenteninstruktionen, im Ausstellen von Prämienquittungen, Berichten an die Direktion und vielem andern. Er hatte sich geschickt und willig gezeigt, der Bureauchef schätzte den denkenden Kopf in ihm, wie er sagte, und zeichnete ihn dadurch aus, daß er ein täglich wachsendes Pensum erledigt haben wollte. Der Bureauchef war ein kleines, zartes, wachsbleiches, schweigsames Männchen namens Zittel, eine Schreibernatur durch und durch, geschmeidig, flink, giftig. Als Engelhart jählings zu erlahmen begann wie eine Maschine, an der ein Rädchen zerbrochen ist, heftete er bisweilen seine kalten Reptilaugen, die hinter dicken Brillengläsern glitzerten, forschend und streng auf ihn und sagte mit berechneter Sanftmut: »Schade, Herr Ratgeber, wirklich schade.« Doch Engelhart empfand Ekel; nie wurde er das Gefühl einer ungeheuern Versäumnis los, und besaß er dann die Zeit, nach der er sich gesehnt, so rann sie ihm aus den Fingern, wie Sand durch ein Sieb läuft. Manchen Tag vermochte er zu Herrn Zittels Bekümmernis nicht drei Sätze aufs Papier zu bringen, plötzlich packte ihn die Angst vor der Brotlosigkeit, er arbeitete in zehn Stunden ab, was sich in zehn Tagen angehäuft hatte, und Herr Zittel konnte dann nicht umhin, eine solche Leistung kopfschüttelnd zu bewundern. Schlimm war es, daß er mit dem Geld in verzweifelte Unordnung kam. Schon am fünften, am siebenten des Monats mußte er um Vorschuß bitten, für viele Wochen hinaus konnte er nicht mehr auf seinen vollen Gehalt rechnen, an notwendige Anschaffungen für Kleidungsstücke oder gar an Bücherkaufen war nicht zu denken, und wenn er die Miete und das Mittagessen gezahlt hatte, so lief das übrige rasch bei den nächtlichen Gelagen davon. Und weil unter dem Einfluß Peter Palms niemand sich anders führte, jeder aus dem Leeren wirtschaftete und dies trübselige Wesen zum Heldentum emporgelogen wurde, so dachte Engelhart, alles müsse so sein, wie es war, und es sei ein Schimpf, anders aufzutreten, als mit prahlerischen Ansprüchen an eine blind undankbare Welt.
Peter Palm stammte aus den niedrigsten Verhältnissen. Seine Mutter war eine Waschfrau in Plobenhof, den Vater hatte er nie gekannt. Er hatte studiert, Stipendien hatten ihm anfangs fortgeholfen, jetzt war er im siebzehnten oder achtzehnten Semester und brachte es nicht weiter. Er hatte viel erlebt und viel gelesen; in seinem Charakter herrschte das Böse vor. Sein Gemüt war verbittert, ja gleichsam mit Schwären bedeckt, nicht nur durch Armut und Entbehrungen war es dahin gekommen, sondern auch durch angeborne Zügellosigkeit des Herzens. Er hielt sich für eine Art modernen Sokrates, doch mißhandelte er seine Mutter, um ein paar Pfennige von ihr zu erpressen. Von allen, die um ihn waren, hatte er Franz Klewein am unbedingtesten in seiner Gewalt. Auch dieser war arm, hatte abenteuerliche Fahrten hinter sich, war Matrose gewesen, hatte in einem indischen Hafen desertiert, war in einem Reisfeld von Hindus aufgefunden und verpflegt worden; dann nach Europa zurückgekehrt, trieb es ihn zur Schauspielerei, aber er fand damit nur ein kümmerliches Auskommen. Er war der leidenschaftlichste Mensch, den Engelhart je gesehen. Er hatte etwas von einem edeln Tier; äußerlich trat er wortkarg und mit gemessener Ruhe auf, nur in den kleinen unter vorspringenden Stirnknochen versteckten Augen flackerten unheimliche Feuer. Sein Scharfsinn war groß, er beobachtete mit Lust und mit Haß und seine Bemerkungen ritzten förmlich die Haut durch ihre ätzende Bosheit. Er war noch jung, kaum sechsundzwanzig, ehedem war er sicherlich eine zum Positiven geneigte Natur gewesen, aber das Schicksal hatte ihn müde gejagt. Dazu kam noch Peter Palm über ihn; er hatte ihn in einer Berliner Lasterhöhle kennen gelernt, gerade als er mit dem Entschluß kämpfte, seinem Leben ein Ende zu machen. Durch Palm wurde er aus der dämmernden Bahn gerissen, die Helligkeit der Zweifel machte ihn sich selber doppelt verachtenswert. Er hatte kein Engagement mehr, kaum ein Unterkommen, und niemand wußte, wie er sein Leben fristete. Den größten Teil seiner Zeit verbrachte er grüblerisch erstarrt im Paradieschen.