Da legte sich eine Hand auf seine Schulter. Es war Schildknecht.

»Warum so tiefsinnig, alter Schwede?« fragte er in jenem gemütlich-heiteren Ton, der ihm stets Engelharts ganzes Herz zuwandte. Engelhart erzählte, und Schildknechts Gesicht verfinsterte sich. »Wie steht es mit den Finanzen?« fragte er. »Schulden? Wo und wieviel? Gut; jetzt lassen Sie mich mal gewähren. Wir werden ein schönes Brieflein an den Herrn Oheim nach Wien schicken, verstanden? Wir werden ihm klarmachen, daß der Herrgott ein paar Individuen erschaffen hat, deren Hinterteil sich für den Drehsessel nun einmal nicht eignet. Wir werden ihm sagen, daß es einige Pflanzen gibt, die rasch ins Blühen kommen und rasch ins Welken, und wieder andre, bei denen die Sache langsam geht, je langsamer, je süßer die Früchte werden. Wir werden ihm zu verstehen geben, daß der satte Magen ein guter Moralist und der hungrige ein Behälter von Sünden ist. Und nun Kopf hoch, lieber Sohn.«

»Was ist aber dabei gewonnen, selbst wenn er ein paar Taler schickt?« entgegnete Engelhart; »was dann, wenn das Geld verzehrt ist?«

»Zuerst müssen Sie aus der verdammten Klemme kommen,« sagte Schildknecht. »Erst atmen und dann denken. Was später sein wird, dafür lassen Sie nur mich sorgen und meinen Freund, den Zufall.«

Der Brief wurde geschrieben, und in ihm versprach Engelhart, die Geldsumme, um die er den Oheim bat, am Tage seiner Mündigwerdung zurückzuerstatten; er hatte von seinem mütterlichen Vermögen noch einen Rest von etwa achthundert Mark zu erwarten. Michael Herz schickte den erbetenen Betrag mit einigen wohlwollenden, aber kühlen Zeilen. »Ich hoffe, daß Du Deine bedrückte Lage, in welche Du durch eigne Schuld und eignen Entschluß geraten bist, nun etwas erleichtern kannst.« Von Zurückzahlung keine Silbe. Aber hätte Engelhart hinter den Zeilen zu lesen verstanden, hätte er nicht immer nur bei solchen Menschen Feinheit und Adel vorausgesetzt, um die er sich geistig mühen mußte und die ihn geistig nahmen, so hätte er sein Gelöbnis wohl bewahrt. Es war ihm dort nicht mehr um Treu und Glauben zu tun, er meinte, dort habe er ohnehin ausgespielt und ein Vorteil sei ein Vorteil.

Wenige Tage später erhielt Engelhart auch einen Brief seines Vaters. Herr Ratgeber wußte noch nicht, daß Engelhart ohne Posten sei, deshalb empfand dieser keine Freude, als ihm der Vater mitteilte, er werde sich in der kommenden Woche in Nürnberg aufhalten, wo er geschäftlich zu tun habe. Herr Ratgeber schrieb, daß er über Engelharts Treiben nur Ungünstiges vernehme, er beklagte sich bitter über die Nachlässigkeit des Sohnes, der ihn monatelang ohne Brief lasse und sich nur an ihn wende, wenn er etwas brauche. »Deine Stiefmutter hat recht, wenn sie Dich einen kalten Selbstsüchtling nennt,« hieß es weiter, »schon lange bereitet mir Deine Undankbarkeit Kummer. Und was ist mit Deinem Fortkommen? Wahrlich, ich verstehe Dich nicht. Nun wirst Du einundzwanzig Jahre alt, in zwei Monaten bist Du großjährig, alle Deine früheren Kameraden haben schon glänzende Stellungen und Du mußt Schreiberdienste leisten für einen Hundelohn. Wozu habe ich Dich eine teure Schule besuchen lassen, wozu sind alle Deine Gaben? Für nichts zeigst Du Lust und Liebe, wie ein kleines Kind stehst Du im praktischen Leben, und wenn ich bedenke, daß Du mir schon behilflich sein könntest, mein schweres Los zu erleichtern, dann frißt es mir ins Herz, Dich so mißraten zu sehen. Sieh doch zu, daß Du bei einer Bank unterkommst, suche meinen Bruder oder Deinen Vormund auf, vielleicht geben sie Dir Empfehlungen, so wie bis jetzt kann und darf es nicht weitergehen.«

Zum Schluß kamen noch einige versöhnliche Sätze, als fühle Herr Ratgeber, daß er die Kluft zwischen sich und dem Sohne nicht erweitern dürfe, aber Engelhart blieb ungerührt. Er las das Schreiben seines Vaters Schildknecht vor, und bei dem Wort »Undankbarkeit« zuckte dieser zusammen.

»Wenn nur die Herren Väter einsehen wollten, daß das weitaus größere Vergnügen auf ihrer Seite war,« knurrte er. »Immer soll das Kinderkriegen auch zugleich ein Zinsengeschäft sein.«

Solche Worte von den Lippen des Freundes erkälteten Engelharts Gemüt noch mehr gegen den Vater. Er antwortete nicht auf den wohlgemeinten Brief. »Ich habe niemals zu Hause Entgegenkommen oder Verständnis gefunden,« sagte er zu Schildknecht, wie um sich vor sich selbst zu rechtfertigen. Er war Tor genug, zu glauben, vom Verständnis sei alles Glück abhängig; er selbst wollte verstanden werden, aber er bequemte sich nicht dazu, auch seinerseits zu verstehen, wenigstens dort, wo es sich um jenes nach seiner Ansicht niedrige Vegetieren handelte, das sogenannte praktische Leben. Als sein Vater in die Stadt kam und er durch eine Postkarte davon Nachricht erhielt, versteckte er sich. Nur zum Schlafen kam er spät am Abend heim, zweimal fand er einen Zettel seines Vaters auf dem Tische liegen, das erstemal standen fragende und befremdete, das zweitemal abgerissene, empörte Worte darauf. Engelhart hörte nicht und fühlte nicht. Den ganzen Tag über hielt er sich in Schildknechts Hause auf.

Frau Schildknecht hatte ihn zuerst kühl, beinahe feindselig behandelt, denn sein Umgang mit Justin schien diesen noch mehr aus der Bahn zu reißen als alle früheren Eskapaden und Freundschaften. Als sie Engelharts Appetit bei den Mahlzeiten sah, versöhnte sie sich mit ihm. »Sie sind auch ein wacker verprügeltes Männlein,« sagte sie und schaute ihm tief, beinahe finster in die Augen. Das Haus war die reinste Katzenmenagerie. Um die Dämmerstunde öffnete Frau Schildknecht die Tür und zwei schwarze Katzen und ein gelber Kater marschierten lautlos herein. Justin Schildknecht sah in jeder Katze etwas wie ein mystisches Wesen und schrieb ihr dämonische Klugheit zu. Er erzählte von einem Kater, der, merkwürdig begabt, ihm auf Schritt und Tritt durch die Gassen gefolgt war, dem leisesten Lockruf gehorchend; als er auf die Akademie gezogen, sei das Tier verschwunden und nie wieder zum Vorschein gekommen. Eines Nachts war Engelhart Zeuge, wie Schildknecht mit mehreren betrunkenen Burschen anband, weil diese nach einer Katze mit Steinen warfen. Er war wie außer sich und schlug mit der Kraft von dreien die ganze Gesellschaft in die Flucht. Dann legte er das halbtote Tier in seinen Arm, sprach ihm zärtlich Trost zu und trug es nach Hause.