Schildknecht erlaubte nicht, daß Engelhart das armselige Loch in der Arbeitervorstadt weiter bewohnte. Sie fanden ein wohlfeiles Zimmer in Sankt Johannis vor dem Tor, in einem stillen Gartenhaus, und bald spürte Engelhart das Wohltuende von Ruhe, Luft und Licht. Bis in die späte Nacht, auch wenn Schildknecht schon längst gegangen war, konnte Engelhart nicht schlafen und lag oft noch mit offenen Augen, wenn die Morgendämmerung durch die Gardinen blinzelte. Gestalten, denen er nie begegnet, regten sich wie Schattenbilder an der Wand, lösten sich von der Wand und schauten ihn an: ganz Blick, ganz Schicksal. In ihrem Schreiten war Musik. Der Wille, sie festzuhalten, erschütterte jeden Nerv. Sie waren Stücke seiner selbst, gleichwohl waren sie ihm fremd; ihr Antlitz war fremd, aber mit ihrem Innern war er vertraut. Sie sprachen nicht, sie tönten, und nicht die Freude, sondern das Leiden machte sie tönend. Die Wonne des geisterhaften Seins umgab ihre dunkeln Körper mit rosiger Kontur. Sie folgten keineswegs einem Rufe, sie erschienen, nach echter Gespensterart, wann es ihnen beliebte.
Engelharts Blut wurde trunken und matt und wieder trunken durch die verführerische Gaukelei. Feindselig empfing ihn der gemeine Werktag. Er irrte im Bodenlosen und nährte den Geist mit den Verlockungen der Phantome. In den letzten Tagen des Spätherbstes wurde es so schlimm, daß er die Erfüllung der notwendigen Pflichten hintansetzte. Eine Woche lang verließ er das Zimmer nur zur Nachtzeit, um mit Schildknecht umherzustreifen. Ohne eigentlich krank zu sein, war sein Körper von unbeschreiblicher Schlaffheit umfangen. Es quälte ihn ein seltsamer Durst, der vor jeder Labung in Ekel überging. Im Schlummer empfand er wie Sturmgebrause die Lebensangst, und alle Zweifel sah er in der geöffneten Brust als gelbe Würmer sich winden. Eines Abends hockte er jämmerlich beklommen vor dem Ofen und starrte durch das offene Türchen in die Glut. Da barst eine Kohle knisternd auseinander, und eines von den Gespenstern stieg daraus empor; es war wie ein Knabe anzusehen, winzig klein, und es setzte sich Engelhart auf den Schoß. Der ganze Raum war plötzlich von einer bisweilen stockenden Melodie erfüllt:
Es war ein Bild im Bilde,
Als ich den Tod erdacht,
Sein trunkenboldisch Jauchzen
Durchgeisterte die Nacht.
Der Mantel wie von Flammen,
Das Auge wie von Stahl,
Der Busen eine Wunde, –
So flog er kalt und fahl.
Er schüttelt seine Taschen,
Die Seelchen flattern aus,
Das wispert, wimmert, kichert,
Und jedes sucht sein Haus.
Nur eins voll seligem Grauen,
Betäubt von Schein und Schall,
Verliert sich ohne Heimat
Im bodenlosen All.
Bald danach warf sich Engelhart aufs Bett und schlief in seinen Kleidern still und gesundend bis zum Morgen. Da erst kam das Staunen. Durch bloße Worte kannst du also entzaubert werden, durchfuhr es ihn.
Er wurde nachdenklich. Die Worte allein waren es nicht. Sie waren nur die Entschleierer, die Ausgraber des geheimnisvoll in Brunnentiefe ruhenden Bildes, die listig-vielgesichtigen Diener eines Wesens, das Brücken baut von Traum zu Traum.
Er hatte sein Ausbleiben vom Bureau brieflich entschuldigt; als er hinkam, machte ihm Herr Zittel die Mitteilung, daß er entlassen sei. Er erhielt noch einen Restbetrag von sieben Mark und zwanzig Pfennig ausbezahlt und außerdem, gnadenhalber, ein präsentables Zeugnis, damit seine Existenz nicht völlig ruiniert sei. Einer der Schreiber am Pult drehte sein Gesicht Engelhart zu; es war dies eine Art Methodist, der seine freien Stunden, hauptsächlich von sieben bis neun Uhr abends, auf christliche Nächstenliebe gestellt hatte. Er wollte ein mitleidiges Gesicht machen, grinste aber schadenfroh. Herr Zittel richtete den blauen Blick seiner Fischaugen vorwurfsvoll auf Engelhart, dann ging er ins Privatzimmer des Generalagenten, um das Zeugnis unterschreiben zu lassen. Der Methodist rückte ein Weilchen auf seinem Sessel, schließlich sprang er herab, brachte ein kleines Paketchen aus seiner Tasche zum Vorschein, hinkte auf Engelhart zu und bot ihm mit salbungsvoll flötender Stimme ein Stück zerbröckelten Lebkuchens an. Engelhart lachte gutmütig und dankte.
Traurig stand er gegen Mittag an der Karlsbrücke, sah ins Wasser und überlegte, was er jetzt beginnen sollte. Alle Posten waren sicher schon besetzt; das war immer seine feste Überzeugung im voraus, daß alle Posten schon besetzt seien. Er kam sich vor wie jemand, der bei einem Fest ungeladen und zu spät kommt, über viele Köpfe hinweg gerade noch einen Fahnenfetzen winken sieht, während die Musik nur durch verschlossene Türen zu ihm dringt.