Aus schmutzigen Kneipen lasen sie verwahrloste Frauenzimmer auf und zogen mit ihnen umher. Am Abgrund taumelnde Wesen waren es, die mit Lust den letzten Funken der Unschuld in ihrer von Leiden durchpflügten Brust verschütteten. Engelhart ward seinem Mitleid und seinem Abscheu ein Spielball. Ihre Gesichter erschienen ihm im Traum und glichen den offenen Gräbern für alle Hoffnungen des Lebens. Aber die Dirne ist vogelfrei, sie steht außerhalb der Welt, sie ist kein Weib mehr, sie ist die Kreatur schlechtweg, sie fordert keine Scham heraus, sie ist pflichtenlos und legt niemandem eine Pflicht auf.

Engelhart wußte, was er beging. Wie der Geldborger den besten Freund fliehen und fürchten lernt, dem er verschuldet wird, so geht es auch dem, der sein eignes Herz zum Gläubiger macht; er findet einen unerbittlich stumm mahnenden Feind in ihm. Je mehr Engelhart sich mit Schuld bedeckte, je mehr betörte er sich mit dem Traum einer großen Erlösung. Er sah das Weib in seiner schmachvollsten Niedrigkeit und baute innerlich ein Gebilde von unnennbarer Keuschheit, eine Gespielin der Götter. Daß Engelhart, so für die Liebe geschaffen wie keiner, gerade an ihr zum Frevler werden mußte und zum immer wissenden Frevler, zum sühneerwartenden; seine Jugend hinwerfen mußte, das verirrte Gefühl nicht bewahren konnte, im Wahnwitz der Ungeduld um ein Ziel und eine Bestimmung alles von sich werfen mußte, was ihn stark und rein erhalten konnte!

Es war eine Septembernacht, der Morgen ließ schon die Giebel der Häuser erblassen, da ging Engelhart mit wunderlicher Langsamkeit, die Hände vor das Gesicht gedrückt, Schritt für Schritt seiner Wohnung zu. Er mochte nicht emporblicken, die schwarzen Fenster der Häuser wurden ihm zu Augen, wie die Augen von Dirnen traurig und leer. In dieser Stunde der Verzweiflung begegnete ihm jener Justin Schildknecht, den er durch Barbeck kennen gelernt und den er seitdem nicht wiedergesehen hatte. Er hatte die Hände vom Gesicht genommen, als der halb Unbekannte vorüberging, und sah ihm unwillkürlich nach. Plötzlich drehte sich Schildknecht um, kam wieder zurück, sie wechselten ein paar Worte, auf einmal fühlte Engelhart wie durch einen Zauberschlüssel sein Inneres aufgeschlossen, sie gingen miteinander weiter, redeten, redeten, Verwicklungen lösten sich, Nebel entschwebten, der Himmel wurde licht, Engelhart fand sich so herrlich verstanden, zärtlich beruhigt, endlich ein hörendes Ohr, ein sehendes Auge, ihm war, als steige er aus Bergwerksschächten empor, und als sie sich trennten, besaß er einen Freund.

Elftes Kapitel

Justin Schildknecht trat als Prediger und Reformator in den Lebenskreis Engelharts. Dies und dies ist ganz verkehrt und jetzt werden wir die Sache so und so anfassen, sagte er; Engelhart wußte, wie verkehrt alles war und wo das Rechte lag, und war doch entzückt, es mit Worten zu vernehmen. Bisher hatte niemand sich die Mühe genommen, ihm einen Weg zu weisen, als ob es gleichgültig sei, wohin er ging, da er nicht stille hielt vor der Krippe, wo sie ihn haben wollten. Schildknecht aber sagte: »Du gehörst ja gar nicht an die Krippe in den Stall, du gehörst hinaus in die Welt, du gehörst der Welt und gehörst dir selbst.« Das machte Engelhart sicher wie einen, der lange Zeit ein von der Behörde nicht konzessioniertes Geschäft betrieben hat und nun den Erlaubnisschein vom Minister selbst erhält.

Zunächst heißt es sich von Peter Palm und seiner Sippe losmachen, erklärte Schildknecht. Nichts schien leichter; Engelhart dachte: ›Ich meide die Gesellschaft und alles ist in Ordnung.‹ Aber wenn die Stunde kam, trieb es ihn an die gewohnte Stätte, als wäre sein Blut vergiftet von der Luft dort, von den Blicken, Worten und Zeichen, von all dem Nichts, und fände nicht eher Ruhe, bis es wieder Gift genossen. Auch lag in seiner Natur eine gewisse sinnliche Treue gegen Menschen, denen er einmal nur den geringsten Teil seines Herzens geschenkt, und er verstand es nicht, irgendein Band, das ihn fesselte, wenn auch verderblich fesselte, unbekümmert zu zerschneiden. Er schleppte immer sämtliche Überbleibsel aller Beziehungen zu Menschen schwerfällig hinter sich her.

Dazu kam, daß Peter Palm plötzlich Besitzrechte an Engelhart geltend machte wie an einen Sklaven, der die Freiheit will. Engelhart nahm das sehr ernst. Er erachtete sich für gebunden, ihm schien, als ob ein Vertrag ihn feßle. Daß Schildknecht um dessentwillen nicht an ihm irre ward und hinter der schwächlichen Handlung das verzagte Gemüt spürte, das war ein schöner Zug an ihm. Er folgte Engelhart; er ließ sich zum Schein selbst von den Fäden umgarnen, aus denen er ihn lösen wollte, zog nächtelang mit umher, und wenn sie dann allein waren, redete er ihm gütig zu und riß den Flitterschleier von dem genialischen Unwesen.

Schildknecht wohnte mit seiner Mutter in einem uralten Hause am Egydienplatz. Über dem Tor war der Körper eines aufhorchenden, im Lauf stillestehenden Windspiels in Stein gemeißelt. Schildknechts Wesen und Erscheinung erinnerten sehr an dies Sinnbild nervöser Wachsamkeit. Er war reizbar und scheu wie ein eingesperrtes Tier. Einmal führte er Engelhart in ein leeres Zimmer des Hauses, wo das Bildnis seines Vaters hing. Engelhart empfand beinahe Furcht vor dem schwarzbärtigen Gesicht mit den durchdringenden Augen und beneidete dennoch den Freund, über dessen Leben eine so verehrungswürdige und gewaltige Erscheinung thronte. In seiner behaglich-breiten und schnörkelhaft-abschweifenden Manier erzählte Schildknecht, wie sein Vater im Revolutionsjahr in die Bürgerversammlung gekommen war und wie der Anblick seiner majestätischen Person genügte, um die Zwieträchtigen eines Sinnes zu machen. Aber die Erinnerung an diesen Mann, die Rückwirkung einer tyrannischen und klösterlichen Erziehung beirrte Justins bis zur Schmerzhaftigkeit empfänglichen Geist mehr, als sie ihn festigte.

Er war Entwurfzeichner für eine chromolithographische Anstalt und verdiente ziemlich karg sein Brot. Der Kopf war ihm voll von Plänen und Ideen, die ihn in seinem engen Lebenskreis umherpeitschten, und er fand nicht den Weg in die große Welt. Vielfaches Mißlingen hatte ihn argwöhnisch gemacht und die Kleinlichkeit seiner Umgebung benahm ihm den Atem. Er war verlobt mit einem schönen Mädchen aus wohlhabender Familie, die Eltern der Braut wollten von einer Heirat nichts wissen, solange Schildknecht ohne sichere Stellung war. Zwei Schwestern, giftige Schlangen, nur im Neid vegetierend, trugen schmutzigen Klatsch ins Haus, machten die Braut zum Aschenbrödel, häuften die Erbitterung. Schildknechts Vergangenheit wurde böswillig durchforscht, anonyme Briefe tauchten auf, das Verhältnis mit der Geliebten wurde zur Qual. Schildknecht war zu stolz, sich zu rechtfertigen, aber die Unbill verzehrte ihn. Wochenlang durfte er dem Mädchen nicht nahen, dann hielt er sich geflissentlich fern. Engelhart sah einmal das junge Ding, verschüchtert ging sie daher, doch gleich Beatrice »macht’ ihr Anblick jedes Ding bescheiden«, und in ihrem Gesicht lag ein holdes Ertragen. Schildknecht sprach selten von ihr und nur in Andeutungen, denn in allem, was Frauen und Liebe betraf, war er scheu und keusch.

Justin Schildknecht liebte die Kunst. Doch was irgend mit Werktätigkeit zusammenhing, schob er in weite Ferne: aus Ehrfurcht, um nicht mit unfertiger Hand zu freveln. Er meinte, es müsse wie Sturmflut über ihn kommen, und es sei nichts vonnöten, als der gemeinen Misere enthoben zu sein. Einstweilen biß er sich die Lippen blutig an der Kette, die ihn hielt. Seltsam war es für Engelhart, mit Schildknecht vor dem Sebaldusgrab zu stehen, das er als Knabe in der dumpfen Lust an Gestaltlichkeit betrachtet hatte, und doch ahnend, wie Schönheit aus dem innersten Kern der Welt sprießt. Schildknecht vergötterte die alten Meister, in ihnen sah er alles verkörpert, was ihm die Heimat war und geben konnte. Engelharts stille Bewunderung war ihm nicht genug, er stachelte ihn zu lautem Bekennen, und das war zu viel, das ermüdete Engelhart, unter solchem Zwang hätte er auch im Paradies trotzig die Augen geschlossen. So entwand ihm Schildknechts Herrischkeit manches, manches Werk, manchen Menschen, manches freie Staunen. Um sich und den Freund baute Schildknecht eine Mauer des Hasses, und Engelhart öffnete sein Ohr für Schildknechts böses Hadern gegen die Zeit; mit der Gabe des Wohlwollens ohnehin spärlich bedacht wie alle, deren wunde Brust ruhelos der Menschheit entgegendrängt, entfernte sich Engelhart, selber noch Ringender, hoffärtig und besserwissend von den Ringenden, als ob er darum schon des Irrtums enthoben wäre, weil er angefangen, fremdes Irren zu durchschauen. Der eine, einzige, der ihm, zum erstenmal, das Gefühl eignen Wertes gab, genügte, um einer Welt den Rücken zu kehren. Und als Schildknecht den Freund so weit hatte, als er nur schüchtern glimmende Hoffnungen zu stärkerer Glut angefacht hatte, dem unaufhörlich fragenden Herzen in seiner ganzen Person ein verkörpertes, lebendiges, trotziges Ja geworden war, da fiel es ihm nicht mehr schwer, ihn aus Peter Palms Zauberkreis zu befreien, und Engelhart war verwundert und beschämt, als es ihn plötzlich nicht mehr zurückzog in die dunkle Sphäre.