Engelhart schwieg zumeist. Ihn erbarmte des Weibes, er wußte nicht wie und warum. Die Gegenwart einer Frau stimmte ihn überhaupt stets milder und süßer. Auf dem Heimweg entstand plötzlich ein Wortwechsel zwischen Klewein und Amöna; eigentlich um nichts, der Zwiespalt lag mehr in den beiden Menschen selber als in ihrer Wirkung aufeinander. Als Klewein sie aufs äußerste gereizt hatte, blieb Amöna stehen und sagte kalt: »Jetzt habe ich genug von Ihnen,« und streckte dabei befehlend den Arm aus. Klewein starrte sie an, dann verbeugte er sich sarkastisch und ging hinweg. Seine heftigen Schritte verklangen in der Finsternis. Amöna wendete sich mit einem drohenden Blick zu Engelhart und fragte: »Sind Sie auch so einer?« Und da er schwieg, nahm sie seinen Arm, und da er ihr nicht werbend entgegenkam, schien sie zu erstaunen. Unter einer Gaslaterne nahm sie ihm den Hut ab, legte die Hand auf seine Schulter, sah ihn prüfend an und sagte halb lächelnd, halb traurig: »So jung, so jung!« Sie blieben eine Weile stehen, dann sagte sie: »Jetzt gehen Sie nach Hause und schlafen Sie sich mal aus, und morgen abend um neun Uhr kommen Sie zu mir, ich tanze morgen nicht, ich fühle mich wieder unwohl, kommen Sie zu mir in die Wohnung.« Sie nannte ihm die Straße und das Haus, nickte kokett und schritt langsam davon. Engelhart kam taumelnd heim, entschlief erst, als der Tag anbrach, und wurde durch einen Abgesandten des Bureaus aufgeweckt, der ihm ein Schreiben von Herrn Zittel übergab. Herr Zittel schrieb, seine Geduld sei nun zu Ende, nur der Rücksicht, die man auf seinen Vater nehme, habe es Engelhart zu verdanken, daß man ihn noch nicht davongejagt. Engelhart schrieb zur Antwort, er sei krank, versprach morgen zu kommen, versprach sich zu bessern. Als er um sieben Uhr nachmittags ins Paradieschen kam, war Barbeck zugegen, es wurde natürlich über Klewein und Amöna geredet, durch ein unvorsichtiges Wort machte er den immer lauernden und mißtrauischen Barbeck stutzig und sein Erröten setzte ihn noch mehr in Verdacht. Es erschienen auf einmal viele Leute, meist unbekannte Gesichter, einer von ihnen trat zum Tisch und begrüßte Barbeck, es war ein schlanker Mensch mit außerordentlich schönen, bleichen Zügen, hinter dem Zwicker funkelten feurige Augen. Engelhart war es längst müde, immer wieder Menschen zu sehen, ihm bangte vor jedem neuen Namen, auch dieser Fremde machte ihn ungeduldig, indessen ward er sehr bestürzt durch den ernsten, tiefen, mitleidigen Blick, der ihn aus jenen Augen traf. Er begann zornig zu werden und schaute mit Absicht in eine andre Richtung, endlich zahlte er und brach auf. Barbeck bat, auf ihn zu warten, er wolle ihn begleiten, Engelhart zögerte und erwog, wie er sich des Mannes entledigen könne, es war schon halb neun. Draußen fragte er nach dem schwarzbärtigen Herrn, der ihm so ärgerlich gewesen war, und Barbeck sagte, das sei ein toller Kauz, ein ganz toller Kauz. Das war alles. »Was ist er denn? wie heißt er?« fragte Engelhart mit beständig wachsendem Groll. Er heiße Justin Schildknecht und sei ... eben ein toller Kauz. Barbeck lachte wieder einmal geheimnisvoll in sich hinein.
In Wirklichkeit verhielt sich die Sache so. Barbeck hatte sich einst, ohne Vorwissen Engelharts, eine stenographische Abschrift von der Geschichte vom kleinen Bräutigam gemacht. Vor kurzem war er mit Justin Schildknecht, einem seiner bürgerlichen Tagesbekannten, beisammen gewesen, und um zur Erlustigung beizutragen, hatte er das Geschichtchen vorgelesen, gespickt mit eignen witzigen Einschiebseln. Der Zuhörer hatte sich aber in andrer Weise dafür erwärmt und den Wunsch geäußert, Engelhart kennen zu lernen. Nichts leichter als das, meinte Barbeck, kommen Sie um die und die Stunde da und da hin.
Es war schwül. Bleifarbene Wolken umsäumten den Himmel, die den vergehenden Tag wie Tiere in unsichtbaren Klauen noch zu halten schienen. Während Engelhart überlegte, wie er von Barbeck loskommen könne, war ihm der Zufall bei seinem Vorhaben behilflich. Von der Haller Wiese her zog ein großer Trupp Menschen, lauter Arbeiter. Es war eine Kundgebung. Die Leute von den Spiegelglasfabriken hatten einen Streik veranstaltet. Aus dem Tor marschierten Polizeileute. Junge Burschen pfiffen und johlten, ein Herr im Zylinder rannte in größter Eile inmitten der Fahrstraße, Engelhart entschlüpfte in das Gedränge.
Als er vor dem Haus anlangte, wo Amöna wohnte, es war ein altes Gebäude nahe der Insel Schütt, fing es an zu regnen. Sein Blut war so aufgeregt, daß der Arm zitterte, als er an der Glocke zog, und ungeduldigstes Verlangen machte sein Auge feucht. Ein altes buckliges Weib, wie einer Hexengeschichte entlaufen, öffnete und führte ihn über einen modrig riechenden Gang in ein kellerartiges Gemach. Ein riesiger Altnürnberger Schrank und eine Ampel mit rotem Glas konnten nicht den Eindruck der Armseligkeit mildern. An einigen Nägeln an der Wand hingen die bunten Gewänder der Tänzerin und sie selbst saß auf dem Sofa und nähte eine blaue Schleife auf ihren Hut. Sie schwatzte wie ein kleines Mädchen, fragte ihn, ob er reich sei, ob er reich werden wolle, schimpfte auf die reichen Leute, auf das Geld, auf die Männer, auf die ganze Welt. »Früher ist man wenigstens in die Kirche gegangen,« sagte sie, »jetzt fehlt auch das.« Dann blickte sie plötzlich auf und fragte mit seltsamer Heftigkeit, ob er sie schön finde; und da er betreten schwieg, ob er sie hübsch finde, ob sie schon verblüht sei. »Die Spiegel lügen,« rief sie aus, »nur die Weiber sind ehrlich, wenn sie aufhören, neidisch zu sein.« Sie stand auf, ging zur Tür, lauschte, riegelte zu, trat dann zu Engelhart und sah wartend, lächelnd, nicht ganz ohne Befangenheit in sein Gesicht. Alles an ihr war ein wenig gelblich, das Haar, die Haut, ja sogar die Augen.
Engelhart vermochte weder zu reden noch sich zu bewegen, er saß wie angeschmiedet und erstaunte selbst über seinen unbegreiflichen Zustand. Nicht als ob ihm Amöna auf einmal reizlos erschienen wäre. Er fühlte noch dasselbe dumpfe Verlangen nach ihr wie vordem. Aber zuerst war es dies gewesen: er glaubte sie durch eine Miene oder Gebärde der Annäherung zu beleidigen, sie, die er doch kaum kannte; dann fürchtete er etwas andres, das Leben hinter ihr, die Bitterkeit in ihrer Brust, und außerdem war es ihm unmöglich, ihr auch nur ein einziges zärtliches Wort zu sagen, weil er keine Zärtlichkeit empfand und weil er sie nicht niedrig genug schätzte, um skrupellos zu nehmen, was vielleicht mit Mut und Selbstverleugnung gegeben wurde. Es war zugleich Stolz und Feigheit, Achtung vor dem Weibe und Angst vor einer Verantwortung, Trotz und Scham, doch hauptsächlich wohl Scham und schließlich auch eine nagende, beklemmende Traurigkeit. Alles das war es, nur kein Zugreifen und unbekümmertes Wagen. Zu viel enthielt jeder Augenblick für ihn, zu eifrig schaute er vorwärts und rückwärts und seitwärts und nach innen hinein in die Tiefe. Ein Mensch war ihm etwas unergründlich Vielfaches, Schwieriges, Gewundenes, Rätselhaftes, und ein Weib, das war nun ganz und gar ein Geheimnis.
Amöna hatte ihn zu liebkosen versucht; sie ließ nun ab und setzte sich bleich und stumm auf den Rand ihres Bettes. Sie warf einen schnellen Blick in den Spiegel, der nebenan an der Wand hing, und ihr Gesicht hatte einen herausfordernden, wild-verächtlichen Ausdruck. Dann ging eine ganze Kette von Veränderungen in ihrem Gesicht vor; die Züge erschlafften, unter den gesenkten Lidern hervor sickerte eine hohle Müdigkeit über Wangen und Mund, über den Leib flog ein Schauder, sie warf sich quer über das Bett und seufzte aus furchtbar bedrängter Brust. Engelhart war sehr bestürzt darüber, was er da angerichtet, er hätte es gern wieder ungeschehen gemacht, aber das war nun vorbei. So stand er auf, ging zur Türe und sagte schüchtern gute Nacht.
Draußen regnete es noch in Strömen, wie Peitschenschläge klatschte es aufs Pflaster. Indes er unter dem Toreingang wartete und den Hutrand herunterstülpte, weil das Wasser vom Pfosten ab und ihm ins Gesicht spritzte, löste sich aus der Dunkelheit der gegenüberliegenden Mauer eine Gestalt und kam rasch auf ihn zu. Es war Franz Klewein. Engelhart erschrak. Klewein trat dicht vor ihn hin, ergriff mit beiden Händen seine Rechte und mit schlotternden Kinnladen murmelte er: »Mensch! Mensch!« Es war nichts Tobendes in seiner Stimme, nur Schmerz und leidenschaftliche Bewegtheit. Engelhart befand sich jedoch in wunderlicher Lage; er konnte jenem nicht sagen: das, was du fürchtest, ist nicht geschehen, denn es gibt eine Männereitelkeit, die stärker ist als jedes Gefühl von Sünde.
Klewein schien es auch als ein Fatum zu nehmen. Ja, er behandelte Engelhart herzlicher als vorher und suchte im übrigen wieder Peter Palms Gesellschaft, die ihm immer unentbehrlicher wurde; sie beschäftigten sich nach alter Gewohnheit damit, Höhlen zu bauen und andrer Leute Vorratskammern zu plündern.
Es begann damals ein neuer Wind durch die Zeiten zu wehen; vieles zerbarst, was bislang in unantastbarer Scheinherrlichkeit gestanden, ein Frühling des Gedankens war es, ein März der Hoffnungen, mit Fug durfte man Gewohntem mißtrauen, es brachen Blüten auf, so fremdartig, daß müde Augen sie für Traumgebilde nahmen, es war wieder einmal freier zu atmen und mancherlei stand im Wachsen. Engelhart spürte es in allen Fasern und wußte nicht, wohinaus damit; ein heftiges, blindes Wollen machte ihn unfähig, dem Augenblick, der gegenwärtigen Stunde genugzutun, seine Sehnsucht schien ihm doch nicht die rechte zu sein, da sie ihn nicht an die rechte Stelle führte. Jene aber, an die er sich drangvoll anschloß, taten, als wüßten sie von nichts. Wenn der Sturm brauste, sagten sie: »Ach was, das Fenster schließt wieder einmal nicht«, und statt die Richtung zu deuten, machten sie sich über die Wetterfahne lustig. Sie verwühlten sich, und um nichts zu sehen, wenn es am wetterträchtigen Himmel leuchtete, schlossen sie krampfhaft die Augen und schrien: Es ist finster. Engelhart, in jeder Weise allzu intensiv auf Menschen angewiesen, ward um sein Lauschen betrogen und etwas Arges, Schmähliches kam über ihn.
Mit dem trotzigen Entschluß zur Verworfenheit, gleichsam mit verhängtem Gesicht und aufgerissener Brust hatte sich Klewein in ein lasterhaft-ausschweifendes Treiben gestürzt. Der Baron, ebenfalls ein Mensch, der das Leben dort suchte, wo andre es wegwarfen, unterstützte ihn, Barbeck machte den lüsternen Neugierigen und Peter Palm sprach von sozialwissenschaftlichen Forschungsreisen, damit die Sache ein Mäntelchen habe. Es mußte alles ein Mäntelchen haben, jeder Mann und jedes Ding. »Kommen Sie, Freundchen,« sagte er zu Engelhart, als dieser einmal schmerzlich zögerte, »die verlorenen Söhne gehören zu den verlorenen Töchtern.« Sie traten in ein Haus, auf dessen Steinschwelle sich eine Lache geronnenen Blutes befand; daneben lag ein zerschnittener, halbverfaulter Apfel.