Zwölftes Kapitel
Nur mit Mühe ließ sich Schildknecht davon abbringen, dem famosen Herrn Lutterott einen Zorn- und Schmähbrief zu schreiben. »Solche Kerle sind jetzt das Bürgerideal,« knirschte er; »so sehen sie aus, die oben wohl gelitten und unten gefürchtet sind. O herrliches Deutschland!«
Engelhart hatte längst aufgehört, des Mannes in Groll zu gedenken. Nur daß Lutterott es gewagt hatte, ihm aus seinem Judentum eine Schuld zu machen, erfüllte ihn mit nachhaltiger Verwunderung.
»Haben Sie denn nie an persönliche Gefahren aus solcher Quelle gedacht?« fragte Schildknecht.
Engelhart verneinte; er habe sich des Judentums nie geschämt und habe auch nie Anlaß gehabt, sonderlich stolz darauf zu sein. »Ist es nicht gleichgültig, welcher Provinz der großen Menschheit der einzelne seine Herkunft zuschreibt?« fragte er.
»Gewiß,« antwortete Schildknecht. »Aber ist Ihnen denn nicht bekannt, daß Millionen von Ihren Stammes- und Herkunftsgenossen im tiefsten Jammer vegetieren, nur eben deshalb, weil sie Juden sind?«
»Ich weiß es,« sagte Engelhart; »aber der größte Teil der Menschen lebt im Jammer, und die Tatsache berührt mich mehr als der Grund.«
»Und wissen Sie nicht, daß das ganze Mittelalter vom Blut der Juden gedüngt ist?«
»Ich weiß es, aber ich sage mir, Blut ist ein guter Dünger; aus Blut wächst Leben. Mit Blut wird die Freiheit bezahlt, mit Blut wird die Erde erobert.«
»Und erinnern Sie sich nicht aus Ihren Kindertagen, daß der Christ in Ihren Augen ein Fremdling war?«