Engelhart nickte lebhaft. »Ich erinnere mich auch an Blicke, Worte und Gebärden, die mich verletzen sollten und zurückweisen wollten,« entgegnete er. »Aber es war mir nicht gegeben, daraus einen Schmerz zu machen; ich fühlte, daß es kein Problem für mich war. Ich bin vielleicht zu stolz dazu. Wenn ich im Verkehr vom Menschen zum Menschen dies als wichtig nehmen müßte, dann wären eben alle meine Wurzeln der Nahrung beraubt. Den such’ ich nicht, der deshalb an mir vorübergeht. Ich bin ein Jude, aber ich bin es nicht mehr, als wie Sie ein Christ sind. Unsre Vergangenheit liegt in den Worten, nicht unsre Zukunft.«
Schildknecht dachte eine Zeitlang nach. Dann fing er wieder an und sagte: »Es ist ein großes Kapitel. Ich für meinen Teil, ich liebe ja die Juden. Dennoch, es ist eine Verstandesliebe, mein Blut sträubt sich dagegen.«
»Auch gegen mich?« fragte Engelhart lächelnd und besorgt.
»Man soll nicht ein Gefühl zergliedern, sonst hört es auf, ganz zu sein,« antwortete Schildknecht mit niedergeschlagenen Augen. »Aber es kommt mir oft vor, als ob in unserm Verhältnis noch eine andre Macht gebieten würde als die, die Menschen sonst einander begegnen und sich finden läßt. Es kommt mir vor, als ob dabei eine Art höhere Vergeltung im Spiel wäre. Meine Vorfahren sind altsässige Nürnberger Patrizier gewesen. Es wird Ihnen ja bekannt sein, daß vor ziemlich genau vierhundert Jahren die Juden aus unsrer Stadt vertrieben wurden und zwar unter den üblichen Greueln: Erpressung, Raub und Mord. Nun ist es in unsrer Familie eine alte Tradition, und ich habe es auch einmal in einem alten Schriftstück bestätigt gefunden, daß ein gewisser Schildknecht vom Schildknechtstein, der den Juden tief verschuldet war, mit großer Leidenschaft und Tücke das Volk aufgehetzt, dann die Brunnen in seinem Haus habe vergiften lassen und schließlich mit eigner Hand an die hundert Juden erschlagen habe. Vielleicht, lieber Ratgeber, war einer oder der andre Ihrer Ältervordern unter den Erschlagenen, aber sehen Sie mich nicht so beklommen an, ich fühle mich nicht verantwortlich für den Schweinehund von damals, wenn ich auch zum Beispiel von meinem Vater weiß, daß er den Juden zwar günstig gesinnt war, jedoch nie einem die Hand reichte und es, wenn möglich, überhaupt vermied, mit Juden zu reden. Dem sei, wie ihm mag, es kommt mir immer vor, als ob der Sturm des Schicksals uns, mich und Sie, auf einem Gebirgshang zueinander getrieben habe, mich beim Heruntersteigen und Sie beim Hinaufsteigen. Als ich Sie damals im Paradieschen zum erstenmal sah, da zog’s mich zu Ihnen mit einer Mischung von Haß, Neid und Schuld. ›Möglicherweise,‹ dacht’ ich mir, ›geht es doch wieder aufwärts,‹ und ich suchte die Oberhand über Sie zu gewinnen –«
»Aber damit haben Sie mich gerettet, Liebster,« warf Engelhart ein, voll seltsamer Angst vor dem bekenntnishaften Ton Schildknechts.
Dieser ließ sich nicht irre machen und fuhr mit bleicher werdendem Gesicht fort: »Mag sein. Aber ich habe keine Sicherheit, daß Sie mir nicht, ein paar hundert Meter weiter auf dem Berg angelangt, einen Stein auf den Kopf werfen werden. Sie sind keiner von den Dankbaren. Was ist denn Freundschaft? Ein Kampf um Macht wie alles, was zwischen Menschen vorgeht; und was wahre Freundschaft ist, erkennt man erst an den Wunden, die man davongetragen hat. Doch was ich eigentlich sagen wollte, ist das: solche Menschen, die wie Sie aus der Dunkelheit eines Stammes emporgetrieben werden und in denen die stumm gewesenen Geschlechter, wie soll ich mich ausdrücken, einen Mund erhalten, die haben viel Chaos, viel flüssiges Schicksal in sich. Das Judentum sind Sie ja los, aber der Jude, der in Ihnen steckt, wird Ihnen noch viel zu schaffen machen, er wird Ihnen immer wieder Finsternis ins Gemüt pressen, auch die Lust zur Finsternis und die Lust, sich selber zu entfliehen und die Lust zu erlösen und all diesen Quark, an dem unsre Besten verbluten.«
Auf Engelhart machte dies alles tiefen Eindruck, nicht, weil es ihm so neu war, sondern weil er plötzlich seine Art und sein Blut, das Persönliche und Kreatürliche, gesetzmäßiger empfand. Dem lebendigen Geist tut es wohl, das Leben seiner niedrigen Zufälligkeiten entkleiden zu dürfen; je inniger er sich in das Auf und Ab des Menschentums verwoben sieht, je mehr muß seine Zuversicht und Ruhe wachsen. Justin Schildknecht war diese Wirkung nicht ganz willkommen, und es war, als bereue er das Gespräch. Er wünschte nicht, daß Engelhart auf sich allein gestellt sei, und vermied von nun an, über Gegenstände zu sprechen, aus denen das Selbstbewußtsein des Freundes Nahrung ziehen konnte. Sein Wohlwollen verdunkelte sich mit seinem Schicksal; furchtbar spürte er, wie man zu lieben und zu hassen vermag in einem Atemzug.
Schildknecht hatte seine Anstellung schon verloren; aus welchem Grunde, erfuhr Engelhart nicht, vermutete jedoch, daß er sich von jenem Heilemann, in dessen Gesellschaft er bis zu Engelharts Ankunft den größten Teil seiner Zeit verbracht hatte, von regelmäßiger Arbeit hatte abziehen lassen. Auch über die Person Heilemanns vermochte Engelhart nicht Klarheit zu gewinnen. Er war Vertreter einer großen deutschen Maschinenfabrik und verdiente viel Geld, lebte aber auf dem Kavaliersfuß und zog mit einem Hofstaat von armen und halbarmen Teufeln in der Stadt und in den Ausflugsorten am See herum. Schildknecht und er waren Schulkameraden; jetzt schien es, als ob Schildknecht in sonderbarer Abhängigkeit von ihm bestehe. Vielleicht, daß er Schulden bei ihm hatte machen müssen; jedenfalls benahm er sich in Heilemanns Gegenwart gedrückt und zweideutig ergeben, ein Anblick, bei dem es Engelhart jämmerlich zumute wurde, um so mehr, als er hintennach immer die Launen und das Aufschäumen des verletzten Stolzes ansehen und ertragen mußte. Es war ein nicht zu durchschauendes Spiel unterirdischer Feindseligkeit. Mit Schmerz sah Engelhart den Freund in den trüben Fluten kämpfen, aus denen er selbst durch Schildknechts Hilfe kaum gerettet war. Und diesmal bestand keine Wahrheit zwischen ihnen; Schildknecht tat alles, um die Ursachen seiner Lage zu verwischen, und gab sich den Anschein dessen, der die Gesellschaft studieren, ein Stück Leben ergründen will.
An einem der ersten Abende fand in Heilemanns Wohnung ein Gelage statt, und um die Lustbarkeit zu vermehren, beschlossen alle Teilnehmer, bei Heilemann zu nächtigen. Neun Personen schliefen in zwei kleinen Zimmern. Engelhart lag auf einem Teppich und konnte kein Auge zutun. Als er alle andern schnarchen hörte, erhob er sich und floh aus dem Wein- und Atemdunst hinaus auf einen kleinen Balkon, an dessen Gitter blühende Glyzinien hingen. Nach kurzer Weile sah er Schildknecht hinter sich stehen, der, wie er selbst, im Hemde war. Engelhart freute sich und dachte, nun könnten sie wieder einmal ein bißchen reden, aber Schildknecht machte ihm Vorwürfe über sein schweigsames und unfrohes Wesen, das in einer Gesellschaft von so harmloser Art übel vermerkt werden müsse. Engelhart nickte zu allem und gab dem Freunde recht. Doch hatte er in keiner Stunde des Lebens seine Armut tiefer bedauert als jetzt. Ähnliche Nächte wiederholten sich nicht, aber es wurden Ausflüge zu Schiff unternommen, bei denen Heilemann die Zeche zahlte. Bei einer solchen Gelegenheit wandte sich Heilemann an Schildknecht und machte ihn unwillig auf Engelharts schäbige Kopfbedeckung aufmerksam. »Ihr Freund soll sich einen Hut kaufen,« sagte er und warf ein Zehnfrankenstück über den Tisch. Das war nun allerdings zuviel für Schildknecht; er erblaßte und entfernte sich schweigend mit Engelhart. Gleichwohl merkte dieser, daß Schildknecht ihm wegen dieses Vorfalls insgeheim grollte.
Mitte Juli mußte Heilemann eine Geschäftsreise antreten, und kaum war er fort, so stob auch seine Schmarotzergarde auseinander. Nun sah sich Schildknecht gezwungen, Engelhart von seiner trostlosen Vermögenslage zu unterrichten. Sobald er offen und wahr sein durfte, kam seine gütigere Natur wieder zum Vorschein. Er sagte, es sei wesentlich, daß sie jetzt aneinander festhielten und nicht der ordinären Notdurft wegen das Freundschaftsgärtlein verdorren ließen. Er bemühte sich bei seinen Bekannten, um für Engelhart eine Stelle zu erhalten, und lief tagelang mit ihm von Geschäft zu Geschäft, aber die erhaltenen Empfehlungen waren mager, wohlwollendes Entgegenkommen trafen sie selten bei diesem herben und selbstzufriedenen Menschenschlag, die Vergeblichkeit der Mühe spiegelte sich in ihren Gesichtern wider, und der trotzige Unmut machte auch Bereitwilligere stutzig. »Sie müssen sprechen,« sagte Schildknecht zu Engelhart, »Sie müssen sich ins Licht setzen, die Leute merken ja, daß Sie keine zehn Rappen im Sack tragen, dem Bettler wirft man höchstens ein Stück Brot hin, nur wer fordert, wird gehört.«