Der schöpferische Mensch ist Wahrheitszeuge, Blutzeuge, indes der Psycholog die Menschheit und sich selbst verrät. Dieser Prozeß des Verrats ist wichtig genug, um näher betrachtet zu werden.

Ebenso wie der Literat als Dilettant ist der Literat als Psycholog ein isolierter Mensch. Aber er ist die ungleich reichere und tiefere Natur. Er ist auch die kompliziertere Natur, ja, im Gegensatz zum schöpferischen, der kompliziert geborene Mensch, das will sagen, daß seine Eigenschaften, Triebe und Instinkte nicht aus einem einheitlichen Gefühl, nicht aus einem elementaren Sein und Betrachten erwachsen, sondern daß sie vielfache Wurzeln haben, daß kein reiner einfacher Strom des Lebens ihn trägt, sondern daß er ein Spiel vieler, verschiedener, oft einander entgegengesetzter Strömungen ist, wider die er sich zu behaupten hat, woraus sich ergibt, daß er sich fortwährend im Zustand der Abwehr, der Verteidigung und des Kampfes befindet. Er ist ein wirklich Kämpfender, nicht bloß wie der Literat als Dilettant einer der in den hintersten Reihen zuschaut.

Der Wilde und das Kind sind schlechthin unkomplizierte Menschen; sie sind unkompliziert geboren. Der schöpferische Mensch ist ebenfalls unkompliziert, aber dort, wo sich der Ring wieder schließt, auf der anderen Seite der Erscheinungen, ist er der einfach gewordene, derjenige, der seine Einheit gefunden hat, nicht nur durch eigenes Streben und eigene Bestimmung, sondern auch durch unbewußte Mitwirkung der Geschlechter, die ihn hervorgebracht haben und deren Aufgabe es war, ihn hervorzubringen. Der Psycholog hat nun gleichsam diese Kette stummer Vorbereitung selbstherrlich verlassen, er hat sich losgelöst und tritt mit dem ganzen Willen der »Kette«, mit Belastungen von rückwärts und vorwärts, mit unerledigten Verantwortungen, eigentlich als ein Deserteur, allein auf den Plan. Schon dies setzt schwere und nachhaltige Erlebnisse voraus, innerhalb des eigenen Gemüts wie gegen den Kreis der Welt und des Lebens. Sein Los ist: sich zu verantworten, ununterbrochen sich zu verantworten, gegen Gott, gegen die Menschen und gegen sich selbst. Der schöpferische Mensch hat nicht nötig, sich zu verantworten, er ist eben da, er empfindet sich als notwendig und gesetzmäßig, seine ganze Existenz heißt: Ja; seine Anschauung des Lebens ist daher eine innerlich fundierte Hell- und Lichtheit. Jenem andern aber ist immer zumute, als ob er verneint würde, er fühlt sich als zufällig, er spürt keine Sicherheit, in ihm selbst steckt eine glühende Verneinung, und deshalb ist sein Tun und Wesen, ob er will oder nicht, Schatten- und Dunkelheit. Will er, so ist er ehrlich, und es gelingen ihm bisweilen Werke dämonischer Art; will er nicht, so verstellt er sich nur, und was er zutage fördert, trägt den Fluch einer geheimen Lüge.

So wie er nur ein Teil ist, Glied aus der Kette, vermag er nur eine Teilwelt zu geben; er sieht nicht mehr als den Teil, er lebt nicht mehr als den Teil, das ist sein Schicksal. Nun ist es aber im Wesen des Menschen und im Wesen der Kunst begründet, daß sein Werk ein Ganzes, ein Gebilde von allgemeiner Gültigkeit und Glaubhaftigkeit vorzustellen strebt. Da klafft nun der Abgrund. Je mehr er sich bescheidet, desto enger und bedingter, desto mehr persönlich gebunden stellt sich sein Geschaffenes dar; je weniger er sich bescheidet, desto auffälliger und schmerzlicher tritt die Kluft zwischen dem Persönlichen und dem objektiven Gebilde hervor. Es gibt keine Rettung, keinen Ausgleich. Je stärker Talent und Potenz sind, desto mehr verführt ihn die Sprache, das Erlebnis, die Leidenschaft, die Intensität der Vision, sich auf sich selbst zu stellen und sich selbst gegen Welt und Gott auszuspielen, desto mehr verführt er die Menschen, an ihn zu glauben statt an seine Welt und an Gott. Er ist immer zugleich Verführer und Verführter, während der schöpferische Mensch Führer ist; er ist stets der Sklave seiner Eingebungen, Ideen, Worte und Gestalten, indes der schöpferische Mensch immer Herr ist. Und je mehr er seinem Werk Notwendigkeit, Freiheit und Gültigkeit verleihen will, desto mehr muß er seine Fähigkeit überspannen, die Empfänglichkeit seiner Sinne dem Krampfhaften, also dem der Natur Feindlichen nähern, und niemals das Göttliche, höchstens das Titanische ist sein Gipfel.

Dieser unausgesetzte Kampf ist ohne die äußerste Wachsamkeit kaum zu denken; in der Tat ist der Psycholog das wachsamste Geschöpf der Welt. Wo der Dichter träumt, ist er wachsam. Eine solche Wachsamkeit hat zur Folge, daß er über alle Vorgänge seines Innern und zuletzt über die Art und Wirkung des Zwiespalts, in dem er sich befindet, aufs genaueste unterrichtet ist. Jener Kampf führt nie zu dauernder Entscheidung; in jedem Augenblick fällt die Entscheidung anders, und er selbst darf die Waffen nicht ablegen. Niemals sieht er ruhend die Welt. Und nun: im Zustand der Unruhe und der Bewegung alles von sich selbst zu wissen; sich von sich selbst loslösen wollen und doch einsehen müssen, daß man unlösbar mit und in sich selbst verstrickt ist; sich ununterbrochen rechtfertigen zu müssen, gegen das Werk, gegen die Menschheit, gegen Gott und gegen die eigene Seele; in einem derartigen Zustand ist das dringendste Verlangen das nach einem Heilmittel oder einem Betäubungsmittel, nach einem Stimulans; dieses Stimulans ist eben die Psychologie.

Die Psychologie entspringt der Wachsamkeit. Sie kann sich bis zu halluzinatorischer Kraft steigern. Sie ist beim schöpferischen Menschen in den Phasen vor der Entscheidung, beim Literaten ist sie die Entscheidung selbst, und zwar in jeder Bewegung. Jede Bewegung bringt eine Wandlung hervor, jedoch diese Fülle von Wandlungen führt keineswegs zu einer Verwandlung; die Mittel sind auf dem Wege verausgabt worden, so daß es ein Ziel darüber hinaus nicht mehr gibt. Der Literat hat den Weg, der schöpferische Mensch hat das Ziel. Der Literat wandelt sich, – auf dem Weg, und das beständig; der schöpferische Mensch verwandelt sich, – am Ziel. Ein Mann, der nicht an das jenseitige Leben glaubt, wird aus dem diesseitigen die ganze Summe von Genüssen hervorpressen, die nach seiner Ansicht darin enthalten sind. Dermaßen ist das Verhältnis des Literaten zur Psychologie beschaffen, und so kommt es auch, daß die Psychologie ein fortgesetzter Verrat am Ziel, an Gott ist.

Man verfolge dies im einzelnen, und man wird stets bemerken, daß das schlechthin, das Nur-Psychologische immer den Verrat in sich birgt. Es mag so erstaunlich wie möglich beobachtet sein, nie wird man es ohne die Überwindung einer geheimen und tiefen Scham hinnehmen, als ob sich ein Mensch vor uns entblößte. Der Psycholog verrät die Welt, indem er sich selbst in seinen geheimsten und tiefsten Regungen verrät. Dies ist ihm die Brücke zur Welt, denn eine andere hat er nicht in seiner Isolierung. Der Psycholog kennt keine Scham; das ist sein Rausch, ja, seine Ekstase. Er trifft dich mit den Entdeckungen, die er in seiner Seele gemacht hat, er reißt dich in seine Abgründe, begräbt dich in seinen Finsternissen, schleift dich durch seine Zweifel und seine Qualen, und am Ausgang und am Eingang steht er, nur er, Pförtner und Totengräber. Der schöpferische, der handelnde Mensch übernimmt die Leiden der Welt und reinigt die Menschheit davon, der Psycholog gießt seine Leiden über die Welt, und die Psychologie ist ihm der Schlüssel zur Welt, das Mittel, um dir zu sagen: Du bist wie ich! Ein umgekehrtes tat-twam asi. Dieses »du bist wie ich«, mit Hilfe der Psychologie, des fortwährenden Belauerns konstatiert, bringt etwas wie eine künstliche Sozialität bei ihm hervor, indes ihm die natürliche von Anfang an fehlt. Wo er haßt, ist sein Verrat ohne Hemmung, gewissermaßen sachlich; wo er liebt, glaubt er sich zu opfern durch den Verrat, und er muß verraten, weil die einzige Form seiner Produktivität darin besteht, das Ganze der Welt in Stücke zu reißen und in dem Schmerz über die Zerstörung und Zertrümmerung die Unvollkommenheit der Dinge zu gestalten. Während der schöpferische Mensch in einem göttlichen Sinne grausam ist, ist der Psycholog in einem menschlichen Sinne grausam, da er durch ein tragisch widerspruchsvolles Gesetz trotz seiner Einsamkeit immer an die Menschheit gefesselt bleibt und sich so wenig wie von sich selbst richtend von ihr lösen kann. Er richtet nicht, er klagt an; es geht bei ihm um Recht oder Unrecht, doch nie um Gerechtigkeit.

Psychologie ist Naturalismus. Wie sie sich auch gebärden mag, ist sie der Feind und der Gegensatz der Schonung, der Scham, der Abbreviatur, der Andeutung, der Deutung, der Ahnung, der Sehnsucht, der Religion. Sie ist immer ein irdisch Erfülltes, rationalistisch Fertiges; sie ist das Wörtliche, nicht das Bildliche, das Allegorische, nicht das Symbolische, der Weg und nicht das Ziel.

Nun entsteht die Frage: Wie verhält sich die Welt, die Gesellschaft hiezu, wie nehmen die Verratenen den Verrat auf? Sie werden ja beständig in Anklagezustand versetzt, beständig ihrer Geheimnisse beraubt, beständig in ihrer Scham beleidigt, wie können sie das ertragen?

Die Antwort ist: Der Psycholog bedient sich des Kniffs, daß er alles Einzelne, Vereinzelte und Sonderliche zum Typus verdichtet (während der schöpferische Mensch umgekehrt den Typus individualisiert). Dadurch wird allem Widerspruch die Spitze gebrochen, und es entsteht ein Werk von großer Leidenschaftlichkeit, gegründeter Bewegtheit und seelischer Durchführung, ein Werk von je stärkerer persönlicher Einheit zumeist, je geringer eben die Objektivierung der Welt darinnen ist. Obwohl jene Eigenschaften nur mittelst der Kunst, und zwar einer bedeutenden Kunst zur Erscheinung gelangen können, nenne ich doch das Verfahren des Psychologen – in höherem Betracht – einen Kniff, denn er deckt sich damit nach zwei Seiten: nach der einen gegen die Menschen, denen er einen Zerrspiegel vorhält und sie dabei durch seine Leidenschaft, sein Gefühl, seine Kunst, seine Persönlichkeit verhindert, die Willkür in den Zerrbildern zu erkennen; nach der andern Seite gegen Gott, oder, wenn man will, gegen das schöpferische Prinzip, indem er sich als einen leidenden, leidenschaftlich ergriffenen Menschen preisgibt, aufgibt und zugleich darauf pocht, daß er in unabhängigen Gestaltungen zur Gerechtigkeit und zur Wahrheit strebt.